Alte AKW So kompliziert ist der Abbau von Atomkraftwerken

Der Atomausstieg wird teuer - und langwierig. Wie aufwendig es ist, ein altes Kraftwerk abzubauen, zeigt ein Blick in die Vorschriften. Mitunter dauert es bis zu 20 Jahre, bis der strahlende Schrott entsorgt ist.

DPA

Die großen Energieversorger RWE, E.on und EnBW überlegen, Kosten und Verantwortung für den Atomausstieg auf die Allgemeinheit abwälzen. Sie wollen den Rückbau ihrer Atommeiler durch den Staat abwickeln lassen. Nach SPIEGEL-Informationen wollen die Konzerne zusammen mit dem Bund eine öffentlich-rechtliche Stiftung gründen, die den milliardenteuren Abriss und die Endlagerung des strahlenden Mülls übernehmen soll.

Während die Bundesregierung bisherige Verhandlungen verneint und die Atomkonzerne an ihre Verantwortung erinnert, zeigte sich Hessens Ministerpräsident und CDU-Chef Volker Bouffier offen für Verhandlungen.

Doch worum geht es im Detail? Die wichtigsten Fragen im Überblick:

DER SPIEGEL

Wie baut man ein Atomkraftwerk ab?

Mit der endgültigen Abschaltung eines Atomkraftwerks beginnt zunächst der so genannte Nachbetrieb. Der Betreiber muss bei der Atomaufsichtsbehörde des jeweiligen Bundeslandes den Antrag auf Rückbau stellen. Währenddessen wird der Reaktorkern entladen. Die Brennelemente kommen für vier bis fünf Jahre in ein Abklingbecken. Der nächste Schritt ist das Spülen von Rohren und Pumpen, um sie von den anhaftenden radioaktiven Partikeln zu befreien. Für alles Weitere gibt es zwei Strategien: den direkten Abbau oder den sicheren Einschluss mit späterem Abbau.

Beide Strategien haben ihre Vor- und Nachteile. Wartet man mit dem Abbau eine Weile ab, klingt ein großer Teil der Radioaktivität bereits auf natürlichem Weg ab - allerdings muss man dafür den Rückbau um mindestens 30 Jahre verzögern. Und dann wird kaum noch jemand da sein, der die Anlage gut kennt. Beginnt dann der Abbau - egal ob sofort oder später -, werden zunächst die äußeren Elemente entfernt, später die großen und stark strahlenden Teile. Das sind zum Beispiel der Dampferzeuger und der Reaktordruckbehälter. Am Ende steht nur noch das leere Gebäude. Ist auch das freigegeben, wird es aus dem Geltungsbereich des Atomgesetzes entlassen. Damit kann das Gelände neu bebaut oder als "Grüne Wiese" genutzt werden.

Wie lange dauert es, ein Atomkraftwerk abzubauen?

Bis Planung, Antrag und erste Genehmigung für einen Rückbau vorliegen, können schon einmal fünf Jahre vergehen. Wie lange der tatsächliche Abbau dauert, hängt von der Art der Anlage und der Rückbaustrategie ab. Verläuft alles zügig und ohne große Komplikationen, kann ein Atomkraftwerk in zehn Jahren abgebaut sein. Aber auch 15 bis 20 Jahre können vergehen, bis das Gelände oder die noch vorhandenen Gebäude aus dem Atomrecht entlassen werden können.

Was kostet es, ein Atomkraftwerk abzubauen?

Die Kosten hängen von der Art der Anlage und der gewählten Strategie für den Rückbau ab. Bei Leistungsreaktoren können durchaus 700 Millionen bis zu 1,5 Milliarden Euro anfallen. Nach Schätzungen belaufen sich die Gesamtkosten für den Rückbau aller deutschen Reaktoren auf rund 50 Milliarden Euro.

Wo landet der Abfall?

Der nicht kontaminierte Abfall kann nach Kontrolle und Freigabe wie ganz normaler Bauschutt abgefahren werden. Schwieriger wird es mit dem einen Prozent Abfall der Gesamtanlage, der radioaktive Stoffe enthält. Die Brennelemente werden zunächst im Zwischenlager direkt vor Ort untergebracht. Ein Endlager dafür gibt es noch nicht. Die übrigen radioaktiv kontaminierten Abfälle werden durch Pressen, Verdampfen oder andere Verfahren behandelt und müssen ebenfalls zunächst in Zwischenlagern aufbewahrt werden. Für sie soll ab 2022 das Endlager Schacht Konrad zur Verfügung stehen.

Wer trägt die Verantwortung?

Nach dem Verursacherprinzip ist der Betreiber eines Kernkraftwerkes verpflichtet, es nach dessen endgültiger Abschaltung auf eigene Kosten abzubauen. Bei den großen Leistungsreaktoren sind das die Energieversorgungsunternehmen, Forschungs- und Prototypreaktoren werden meist von der öffentlichen Hand betrieben. Über den Rückbau wacht die zuständige Aufsichtsbehörde des jeweiligen Bundeslandes, die häufig beim Umweltministerium angesiedelt ist.

Wie viele Atomkraftwerke wurden bereits erfolgreich abgebaut?

Bislang wurden drei Anlagen erfolgreich abgebaut: das Kernkraftwerk Niederaichbach, der Heißdampfreaktor Großwelzheim und das Versuchsatomkraftwerk Kahl. 16 Reaktoren sind nach entsprechender Genehmigung stillgelegt oder im sicheren Einschluss. Zwölf weitere Reaktoren warten nach der Abschaltung noch auf die Genehmigung für den Abbau oder Einschluss.

Birgt der Abbau von Atomkraftwerken noch Risiken für Mensch und Umwelt?

Sobald die Brennelemente und radioaktiven Betriebsabfälle entfernt sind, besteht kaum noch ein Risiko. Von dem so genannten radioaktiven Inventar ist dann nur noch etwa ein Zehntausendstel des ursprünglichen Wertes erhalten.

anf



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