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Atomkraftwerk: Techniker berichtet über Chaos in Biblis

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Montagepannen, Organisationsfehler, falsche Pläne: Im Atomkraftwerk Biblis sollen laut einem Ex-Mitarbeiter zeitweise chaotische Zustände geherrscht haben. Die Betreiberfirma RWE Power bestreitet das - doch ein SPIEGEL ONLINE vorliegendes Gutachten stützt einige Vorwürfe des Technikers.

AKW Biblis: "Montagefehler nicht ausgeschlossen" Fotos
REUTERS

Was in den deutschen Atomkraftwerken vor sich geht, dringt nur selten an die Öffentlichkeit. Jetzt aber erhebt ein ehemaliger Mitarbeiter der Siemens-Atomsparte schwere Anschuldigungen wegen Vorgängen im AKW Biblis - seine Aussagen wecken Zweifel an den Beteuerungen der Branche, dass in deutschen Atomkraftwerken Sicherheit die oberste Priorität hat.

Der Techniker hatte sich an die IPPNW Deutschland gewandt ("Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges - Ärzte in sozialer Verantwortung"). Der Verein leitete die Aussagen an das Bundesumweltministerium weiter, und dieses beauftragte das Ökoinstitut Freiburg mit einer Prüfung der Anschuldigungen. Nun gibt es ein 99-seitiges Gutachten über die Vorgänge, das SPIEGEL ONLINE vorliegt - und es bestätigt die Vorwürfe in Teilen.

Der Elektromonteur war 2002 mit Kollegen im Block A des AKW Biblis beschäftigt. Er arbeitete für die AKW-Tochterfirma von Siemens, die in einem Joint Venture mit dem französischen Konzern Areva aufgegangen war. Die IPPNW legt Wert darauf, dass er "vom Typ her kein Querulant" ist, "keiner, der etwas aufbläst." Sein Anliegen sei gewesen: "Geht in die Anlage und beseitigt meine Fehler und die meiner Kollegen." RWE teilt zu dem Mann mit, er sei "punktuell bei Modernisierungsmaßnahmen" in einem "eng definierten Arbeitsbereich tätig" gewesen.

"Änderungsmaßnahme A 23/99" nannten sich die Nachrüstungen offiziell. Unter anderem wurden Klappen und Schieber montiert, eingestellt und in Betrieb genommen, die zur sogenannten Notstandsnachkühlkette im Reaktorgebäude gehören. Auch an Armaturen des Notkühlsystems arbeitete das Team.

Der Techniker berichtet von erheblichen Mängeln bei Planungs- und Montagearbeiten. Bei der Inbetriebnahme des Reaktors habe es massive Beeinträchtigungen gegeben. Planung und Durchführung von Änderungen in Biblis seien "ein einziges Chaos" gewesen. Die Atmosphäre unter den mit Planung, Montage und Inbetriebsetzung beschäftigten Mitarbeitern sei durch Streit, Schuldzuweisungen, gegenseitige Vorwürfe, Intrigen und Lügen vergiftet gewesen. Statt Fehlorganisation habe man nur noch von einem "organisatorischen Chaos" sprechen können.

"Da steht man mit einem Bein im Gefängnis"

Der Techniker verweist darauf, dass Umbauten an dem alten Reaktor als extrem schwierig gegolten hätten - das Motto sei gewesen: "In Biblis nichts anfassen, da steht man mit einem Bein im Gefängnis." Viele Mitarbeiter hätten Arbeiten nicht ausführen wollen, da sie "gezwungen gewesen wären, Pfusch machen zu müssen", womit sie sich rechtlich selbst in Gefahr hätten bringen können. Man habe sich dann beispielsweise lieber krank gemeldet, und Fehler durch falsche Messungen seien dem TÜV gar nicht erst mitgeteilt worden.

Der französische Nuklearkonzern Areva wollte sich zur Angelegenheit nicht äußern. Fragen zur Betriebssicherheit der Anlage könnten nur vom Anlagenbetreiber RWE Power beantwortet werden. Dieser ist überzeugt, alles richtig gemacht zu haben: "Bei RWE Power hat Sicherheit oberste Priorität", teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Man habe die Hinweise sehr ernst genommen und umfangreiche Kontrollen durchgeführt. Unabhängig davon sei die Kritik im Auftrag der hessischen Aufsichtsbehörde auch durch einen Sachverständigen überprüft worden. Dabei habe es keine Beanstandungen gegeben.

Was die Chaos-Vorwürfe des ehemaligen Mitarbeiters angeht, teilte RWE den Gutachtern des Ökoinstituts Freiburg mit: "Das Arbeitsklima wird bestimmt durch einen kooperativen Führungsstil sowie durch partnerschaftlichen Umgang zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, die sich ihrer Verantwortung jederzeit voll bewusst sind." Kollegen würden sich durch gegenseitigen Respekt, Offenheit in der Arbeitsausführung und Kritikfähigkeit auszeichnen.

Die Gutachter des Ökoinstituts Freiburg dagegen halten die Aussagen des Technikers über die Arbeitsbedingungen für "plausibel" - auch wenn man die Vorwürfe nicht mehr verifizieren könne. Denn dazu müsste man Mitarbeiter der Teams befragen, und "dies könnte bei den noch in Anstellung befindlichen Arbeitnehmern möglicherweise zu Interessenskonflikten gegenüber ihrem Arbeitgeber führen". Außerdem sei nach Äußerungen der Firmen Siemens und Areva nicht davon auszugehen, dass diese einer Befragung zustimmen würden.

"Ordnungsgemäß und sachgerecht ausgeführt"

Und was ist mit den konkreten Problemen am Bau, den angeblichen Problemen bei Planungs- und Montagearbeiten? Der Techniker beschwerte sich unter anderem über Abweichungen zwischen Soll- und Ist-Zustand bei Stromlaufplänen. Änderungen in den Plänen seien ohne Dokumentation und Unterschrift durchgeführt worden.

RWE bestreitet das: "Die Reinzeichnungen der Pläne geben den realisierten Stand wieder." Die Gutachter des Ökoinstituts geben dagegen dem Techniker Recht. In ihrer Überprüfung kamen sie zu dem Ergebnis, dass Dokumentationsmängel "tatsächlich vorgelegen haben".

Das Ökoinstitut Freiburg bestätigt in seiner Untersuchung ganz generell die Vorwürfe des Technikers: "Es hat Planungsfehler in der Elektro- und Leittechnik der Änderungsmaßnahme A 23/99 gegeben." Es sei nicht auszuschließen, "dass derzeit noch weitere Planungsfehler in der Anlage vorhanden sind". Auch Montagefehler halten die Gutachter für erwiesen.

RWE hält dagegen, das Ökoinstitut beziehe sich in seiner Bewertung bloß auf die Bau- und Montagepläne des Kraftwerks. Abweichungen gegenüber den wahren Verhältnissen im Kraftwerk seien nicht grundsätzlich auszuschließen: "Wichtig ist, dass Abweichungen sorgfältig überprüft und dokumentiert werden", heißt es in der Stellungnahme. Reinzeichnungen zeigen demnach, dass die Arbeiten "ordnungsgemäß und sachgerecht ausgeführt" worden seien. "Das wurde auch durch zahlreiche Prüfungen und unabhängige Gutachten bestätigt."

Die Änderungen an den Bau- und Montageplänen werden von Fachleuten als Grünbucheinträge bezeichnet. RWE hält diese im Fall von Biblis A für einwandfrei: "Die zuständige Aufsichtsbehörde hat in den in Rede stehenden Fällen festgestellt, dass diese Grüneinträge korrekt sind und nicht über einen allgemein üblichen Umfang hinausgehen."

"Vom Typ her kein Querulant"

Unbestritten ist: Jene Teile der Anlage, an denen der Elektromonteur arbeitete, sind wichtig für die Sicherheit des Reaktors. Das Ökoinstitut spricht in seinem Gutachten von einer "sehr hohen sicherheitstechnischen Relevanz". Sie seien bei Störfällen wie Kühlmittelverlust (zum Beispiel durch ein Leck) oder bei "Einwirkungen von außen" wie einem Flugzeugabsturz nötig, um das System zu beherrschen. Mögliche Folgen von Fehlern seien

  • falsche oder fehlende Signalweiterleitungen,
  • falsch oder gar nicht arbeitende Stell- und Regelantriebe von Armaturen,
  • Fehlfunktionen von Schaltern oder Motoren und
  • Kurzschlüsse.

Derartige Zwischenfälle können als sogenannte meldepflichtige Ereignisse eingestuft werden. Von ihnen hat es im Reaktor Biblis A seit Inbetriebnahme 1974 mehr als 400 gegeben, das AKW gehört zu den störanfälligsten in Deutschland. Nur Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 kommen auf noch mehr derartige Meldungen.

IPPNW-Sprecher Henrik Paulitz sieht den Fall als Bestätigung dafür, dass es "wahnsinnig schwierig ist, in alten Anlagen Nachrüstungen vorzunehmen". Dies aber ist der Weg, den AKW-Betreiber weltweit gehen wollen. Denn der Neubau von Meilern ist teuer und kann mit erheblichen Problemen verbunden sein, wie die Pannenserie beim Vorzeigereaktor im finnischen Olkiluoto zeigt. Auch in Deutschland werden längere Laufzeiten geplant, Union und FDP sind dafür.

Eigentlich sollte Biblis A, der älteste noch aktive Reaktor Deutschlands, im kommenden Jahr abgeschaltet werden.

Mitarbeit: Christoph Seidler

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Forum - Atomenergie - soll die neue Regierung die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern?
insgesamt 5947 Beiträge
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1.
schlob 10.10.2009
5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
2. langsam sollte
sitiwati 10.10.2009
es sicg doch auch beim SPIEGEL durchgesprochen haben, dass es keine ATOMEnergie gibt, bei dem geschlossenen Teil habt ihrs doch begriffen !
3.
Hartmut Dresia, 10.10.2009
Zitat von sysopMit der anstehenden Regierungsbildung aus den Unionsparteien und der FDP wird auch die Energiepolitik neu bewertet. Sollen angesichts der Energieprobleme die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden?
Angesichts des Wahlergebnisses hätte die Koalition für eine Laufzeitverlängerung eine demokratische Mehrheit, denn 95 Prozent der Deutschen würden die gleiche Partei wählen (http://www.plantor.de/2009/95-prozent-der-deutschen-wuerden-die-gleiche-partei-waehlen/). Allerdings kann Kernenergie nicht isoliert betrachtet werden. Die Koalition muss zusammenhängend, inklusive Kohle, neue Energien und Import fossiler Energieträger, eine schlüssige Energiepolitik entwickeln.
4.
rkinfo 10.10.2009
Zitat von schlob5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
Ein AKW löst noch lange nicht die Energieversorgung von 'D'. Wobei die 600-1000 MW durchaus auch Überschußstrom des Sommerhalbjahres und nachts betrachtet werden können. Da laden wir dann unsere E-Autos während im Winterhalbjahr das die regionalen BHKWs übernehmen können. Obiger Plan paßt also in sonstige Überlegungen. Als 'Grundlastversorgung' kann man aber die Idee kaum bezeichnen den auch Kaliningrad wird zukünftig viel Strom benötigt werden.
5. Absolut dafür...
xandi 10.10.2009
Man sollte an der Kernenergie festhalten, bis sie uns um die Ohren fliegt, Krebskranke Kinder sind nur ein geringer Preis für so eine saubere Energieform!
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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