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Atomlager Asse: Kohl-Regierung vertuschte Wassereinbruch

Jahrelang hat die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl nach SPIEGEL-Informationen den Wassereinbruch im Atommüll-Endlager Asse vertuscht. So sollte die Kernenergie in Deutschland gesichert werden.

Kammer in der Asse (im Juni 2009): "Öffentliche Diskussion der Laugenzutritte vermeiden" Zur Großansicht
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Kammer in der Asse (im Juni 2009): "Öffentliche Diskussion der Laugenzutritte vermeiden"

Hamburg - Es läuft und läuft und läuft. Seit 1988 plätschert an mehreren Stellen Salzlösung ins marode Atomlager Asse - mit verheerenden Folgen für die Standsicherheit des Bergwerkes. Zunächst war die Herkunft der Flüssigkeit unklar. Nach SPIEGEL-Informationen erbrachten interne Untersuchungen von zwei Wissenschaftlern aber spätestens 1995 den Beweis, dass die Flüssigkeit von außen in das Bergwerk eindringt.

Damit war klar, dass die Müllkippe abzusaufen droht. Als einer der Experten seine Kenntnisse 1996 in einer Habilitationsschrift veröffentlichen wollte, verlangten Mitarbeiter des staatlichen Betreibers und des Bundesforschungsministeriums aber, alle Hinweise auf die Asse zu "überarbeiten".

In der Druckfassung der Arbeit ist nur noch von Gefahren in einem "Salzbergwerk in Norddeutschland" zu lesen. Außerdem verhinderten Asse-Betreiber und Bonner Ministeriale Ende 1995, dass das Land Niedersachsen einen Bericht zur "Gefahrenabschätzung für die Schachtanlage Asse" veröffentlichte, in dem ebenfalls von dem Zufluss die Rede ist: Das Papier würde "unseren Gegnern von den 'Asse Gegeninitiativen' ohne Not" Argumente gegen eine Einlagerung im Salz liefern.

Selbst in Besucherführungen in der Asse sahen die Beamten offenbar die Gefahr, dass das Geheimnis auffliegen könnte: Es müsse "eine öffentliche Diskussion der Laugenzutritte vermieden werden", warnte 1997 ein Abteilungsleiter in einem Vermerk an den damaligen Staatssekretär Helmut Stahl. Erst 1998 machte Niedersachsen auf die Gefahr für die Grube aufmerksam.

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Atommüll: Schwierigkeiten bei der Endlagerung
Welche Rolle der damals zuständige Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers bei den Vorgängen spielte, soll nun der Asse-Untersuchungsausschuss im niedersächsischen Landtag klären. Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion: "Offensichtlich trägt Rüttgers für die Vertuschung des größten Umweltskandals in Europa Verantwortung."

In dem Untersuchungsausschuss hatte der frühere Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zuletzt Politikern von CDU, CSU und FDP schwere Versäumnisse vorgeworfen. Das niedersächsische Umweltministerium unter Minister Hans-Heinrich Sander (FDP) und das von der CDU geführte Bundesforschungsministerium hätten sich bis 2008 dagegen gesträubt, das Bergwerk unter das Atomrecht zu stellen, sagte Gabriel. Von der CDU in Niedersachsen sei dieser Schritt ebenfalls verzögert worden.

In der Asse wurden bis 1978 rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall eingelagert - dabei galt die Anlage offiziell als Forschungsbergwerk. Vor wenigen Wochen empfahl das mittlerweile zuständige Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das unterirdische Lager in einem weltweit bislang einmaligen Vorgang zu räumen. Die Kosten dafür sollen bei rund 3,7 Milliarden Euro liegen.

Eine endgültige Entscheidung könne aber erst getroffen werden, wenn mehr Informationen über den Zustand der Abfälle vorlägen, erklärte das BfS. Deswegen sollen nun zunächst zwei Kammern im Atommülllager geöffnet werden, um den Zustand der radioaktiven Abfälle zu testen.

Nach einem Bericht der Asse-II-Begleitgruppe will das BfS zunächst etwa 600 Gebinde untersuchen. In den beiden ausgewählten Kammern seien die Fässer auf unterschiedliche Weise eingelagert worden. In einem Hohlraum seien sie gestapelt, im anderen abgekippt worden. Die Asse-II-Begleitgruppe, in der Kommunen, Verbände und Bürgerinitiativen mitarbeiten, begleitet den Prozess der Stilllegung des Atommülllagers.

chs/ddp

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Nur Wasser
rockin rebel, 27.03.2010
Ist doch nur Wasser. Braucht man dem Volk doch nicht mitteilen. Damals wie heute. Alles Lug und Trug. VG rockin rebel
2. Das war doch ein "offenes Geheimnis"
Cammark 27.03.2010
Eigentlich wusste doch jeder, der an der Asse gross geworden ist und sich ein bisschen mit der Materie auseinandergesetzt hat, dass dort unten Wasser fließt. Eines unserer beliebtesten Argumente in der Zeit gegen Gorleben war dann auch "Selbst in der Asse ist Wasser, wie will man denn dann garantieren, dass in Gorleben kein Wasser eindringt?" Sogar mein Vater, ein ausgewiesener Atomfreund, konnte uns bei der sonntäglichen Radtour an der Schachtanlage vorbei davon erzählen, dass "dort unten Wasser abgepumpt werden muss" - die regionale Presse berichtete auch in der Zeit darüber, allerdings jedesmal, wenn ein höherrangiger Besucher sich das Versuchsbergwerk anschaute, war keine Rede von dem Wasser in der Asse - as allerdings keiner davon Ahnung haben wollte, kann man getrost in das Reich der Mythen verlagern. Und das auch eine Regierung Kohl zusah, dass möglichst keine Presse darüber entstand, entsprach auch dem Geist der Zeit.
3.
Vex 27.03.2010
Hier ist eine Grenze überschritten worden hinter der es absolut spassfrei zugeht. Bei der Enlagerung radioaktiven Abfalls geht es um die Gesundheit vieler oder alle Bürger. Die gehören alle mal 10 Jahre ins Gefängnis um mal darüber nachzudenken was Verantwortung bedeutet. Eine solche Arroganz ist vollkommen unbegreiflich. Es kann doch nicht sein das ein solches Thema nach tagespolitischen Kriterien behandelt wird. Eine unverschämtere Veranbtwortungslosigkeit bekommt man nur selten geboten selbst aus den in dem Bereich führenden Banken.
4. Das ist ja ein dicker Hund!
Huuhbär, 27.03.2010
War das den Grünen nicht bekannt? Und warum gehen sie bei jeder Gelegenheit mit den Schwarzen ins Bett? Über Politikverdrossenheit wunder ich mich ab jetzt nicht mehr.
5. Koalition der Unfähigen
Christian Krippenstapel 27.03.2010
Zitat von HuuhbärWar das den Grünen nicht bekannt? Und warum gehen sie bei jeder Gelegenheit mit den Schwarzen ins Bett? Über Politikverdrossenheit wunder ich mich ab jetzt nicht mehr.
Was wollen Sie denn von dem Haufen abgehalfterter Sozialpädagogen und FeministInnen erwarten, die da den Ton angeben - Sachkenntnis vielleicht? Da bietet sich eine schwarz-grüne Koalition doch einfach an: Die einen habens aktiv vertuscht, die anderen haben es gar nicht begriffen. So what? Aber mal abseits aller Polemik. Im Atomgesetz steht klipp und klar, daß keine Atomanlagen betrieben werden dürfen, solange die Entsorgung nicht abschließend geklärt ist, damit keine Risiken aufgrund von Sachzwängen eingegangen werden. Wie wir wissen, läuft es anders und das sogar mit höchstrichterlicher Billigung. Wundert sich da noch irgendwer über irgendwas? Unsere Kinder werden uns mal verfluchen!
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