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Atommüll: Bund hat noch kein Geld für Endlager-Suche übrig

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Der Beschluss wurde als Neustart gefeiert: Bund und Länder wollen in ganz Deutschland nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll suchen. Doch die Finanzierung ist unklar - die Erkundung könnte um Jahre hinausgeschoben werden.

Neustart fürs Endlager: Die Suche nach dem Endlager Fotos
DPA

Hamburg - Begleitet von massiven Protesten und Blockadeaktionen ist der Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommüll am Montag im niedersächsischen Gorleben angekommen - nun stehen dort 113 Behälter mit Atommüll in einer Halle, dem sogenannten Zwischenlager. Doch wo das Gefahrgut letztlich endgelagert werden soll, bleibt vorerst unklar: Am 11. November hatten Bund und Länder beschlossen, künftig in ganz Deutschland nach einem Endlager für Abfälle aus Atomkraftwerken zu suchen; außer dem Salzstock in Gorleben kommen nun auch andere Standorte in Frage.

Der Beschluss wurde als Neustart gefeiert - doch die Finanzierung des Vorhabens ist noch nicht geklärt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird der Haushalt des Bundes frühestens 2013 Geld für die bundesweite Endlagersuche ausweisen, möglicherweise auch erst später.

Ein Zurück soll es laut Bundesumweltminister Norbert Röttgen aber nicht geben: Es sei ein politischer Beschluss gefasst worden, dem der Bund und alle Länder folgen würden, erklärt der CDU-Politiker. Erste Schritte sind getan: Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern bereitet derzeit einen Gesetzentwurf vor, der die neue Endlagersuche regelt; er soll im Sommer fertig sein. Erst danach soll erörtert werden, wie viel Geld für die bundesweite Standortfahndung im Haushalt veranschlagt wird.

Ein Spottpreis?

Die Kalkulationen fallen angesichts der bisherigen Kosten für die Erkundung von Gorleben erstaunlich vorsichtig aus: Einen Endlager-Standort zu erkunden, koste lediglich gut 400 Millionen Euro, schreibt die Bundesregierung jetzt als Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag. Allein hundert Millionen Euro davon wurden für die Organisation und die Beteiligung der Bevölkerung veranschlagt; 50 Millionen für die oberirdische und 250 Millionen Euro für die unterirdische Erkundung. Die Beträge habe das Bundesamt für Strahlenschutz ermittelt.

Baden-Württemberg hatte vorgeschlagen, bis zu vier Standorte zu prüfen, was den Bundes-Schätzungen zufolge 1,6 Milliarden Euro kosten würde. Die Bundesregierung rechnet mit 18 Jahren Suchzeit - pro Jahr würden also knapp 90 Millionen Euro für die Endlagersuche zu Buche stehen.

Die Kosten pro Standort betrügen demnach jeweils nur ein Viertel der 1,6 Milliarden Euro, die für die Erkundung des Salzstocks Gorleben bislang ausgegeben wurden und von denen die Atomindustrie 90 Prozent getragen hat. Selbst in den Jahren, als die Erkundung in Gorleben stillstand, kostete sie rund 25 Millionen Euro pro Jahr. Seit der Salzstock wieder erforscht wird, gibt es einen höheren Etat: 2011 waren im Bundeshaushalt 46,8 Millionen Euro für die Endlager-Erkundung vorgesehen, für 2012 waren es 73 Millionen Euro.

Weitere Kosten

Ungeachtet der ungebrochenen Proteste soll die Erkundung von Gorleben als mögliches Atommüll-Endlager fortgesetzt werden. Bei der bundesweiten Endlagersuche bleibe der Salzstock im Wendland im Spiel, teilte das Bundesumweltministerium am Dienstag in Berlin mit. Atomkraftgegner kündigten für Sonntag eine weitere Demonstration am Erkundungsbergwerk an.

Der Atommülltransport war am späten Montagabend nach heftigem Widerstand von Atomkraftgegnern angekommen - mehr als 126 Stunden, also gut fünf Tage nach dem Start im französischen La Hague. Der 13. und letzte Transport mit hochradioaktivem deutschen Müll aus Frankreich dauerte nicht nur am längsten, er war wohl auch der teuerste. Niedersachsen rechnet mit 33,5 Millionen Euro.

Der Atomausstieg zieht aber noch weitere Belastungen nach sich, wie aus der Antwort der Bundesregierung an die Grünen hervorgeht: Die Kosten für Stilllegung, Rückbau und Endlagerung der kerntechnischen Anlagen werden für die Zeit von 2011 bis 2035 auf insgesamt rund 3,2 Milliarden Euro geschätzt, hinzu kommt eine Milliarde für die Abwicklung von DDR-Atomanlagen durch die dem Bund gehörenden Energiewerke Nord. Dazu kommen weitere Milliarden für den Betrieb der Bergwerke Asse und Morsleben, wo schwächer strahlender Atommüll gelagert wird.

Mit Material von dpa

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1. Dr.
braintainment 30.11.2011
Jahre, so ein Quatsch! Jahrzehnte... die "Zwischenlager" sind bei einigen Politikern bereits Endlager, nach dem Motto "aus den Augen - aus dem Sinn".
2. kein Geld?
regensommer 30.11.2011
Naja, eine Volksbefragung könnte das ändern. In BW hat man das gesehen, sagts Völkle ja, ist auch die Kohle da.
3. Ich wüßte da was...
Ex-Kölner 30.11.2011
In Stuttgart läßt das bundeseigene Unternehmen DB gerade eine riesige Grube buddeln - samt Tunnelzufahrten für den diskreten Antransport der Castoren.
4. Klare Aussage
Treborsson 30.11.2011
auch wenn das alles andere als beruhigend ist. Seit vielen Regierungen wird onehin nur mit großem Getöse in leeren Worthülsen die Suche betrieben. Es dauert also noch.
5. ohne Geld zur Suche eines Endlagers kommen wir
pudel_ohne_mütze 30.11.2011
Zitat von braintainmentJahre, so ein Quatsch! Jahrzehnte... die "Zwischenlager" sind bei einigen Politikern bereits Endlager, nach dem Motto "aus den Augen - aus dem Sinn".
kostenlos durch Unterlassung zu einem Endlager. Die Politik ist doch nicht doof.
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Was kostet der Atomausstieg?
Zu den Kosten des Atomausstiegs kursieren verschiedene Zahlen. Die wichtigsten Werte im Überblick:
Privatwirtschaftliche Investitionen
Für den Atomausstieg müssen neue Windräder, Solaranlagen, Biomasseanlagen und Gaskraftwerke gebaut werden. Stromleitungen müssen ausgebaut werden. Hinzu kommen Investitionen in Energieeffizienz. Nach SPIEGEL-ONLINE-Berechnungen belaufen sich die Investitionen insgesamt auf rund 170 Milliarden Euro bis 2020. Andere Forschungsinstitute kommen auf ähnliche Werte.
Haushalt
Die Politik streitet vor allem darüber, was die Energiewende für Auswirkungen auf den Haushalt hat. Die im vergangenen Jahr beschlossene Brennelementesteuer etwa sollte der Regierung jährlich 2,3 Milliarden Euro bringen. Jetzt drohen die Energieversorger, gegen die Abgabe zu klagen - ihrer Ansicht nach war sie an die Laufzeitverlängerung gekoppelt. Manche fordern neue Subventionen für Industrien mit besonders hohem Energiebedarf.

Gleichzeitig verknüpft die Regierung Ausgaben mit dem Programm, die für den Atomausstieg gar nicht nötig sind: So will sie die Mittel für die Wärmedämmung alter Gebäude steigern. Generell gilt: Entschieden ist noch nichts - für Kostenberechnungen in puncto Haushalt ist es noch zu früh.
Strompreis
Die Preise für Endverbraucher werden auf absehbare Zeit nur wenig steigen. Denn der Strom, den sie beziehen, wird stets über mehrere Jahre eingekauft. Der aktuelle Preisschub fällt vorerst kaum ins Gewicht.

Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Preis indes um mehrere Cent steigen. Allein durch den Netzausbau und die Großhandelspreise wäre ein Anstieg um drei Cent möglich - dazu kämen Milliardenkosten aus der EEG-Umlage.ssu


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