Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Castoren aus Jülich: Atommüll-Export in die USA ist laut Gutachtern illegal

Von

Die Bundesregierung will Atommüll aus dem Forschungszentrum Jülich zur Aufarbeitung und Endlagerung in die USA schicken. Ein Rechtsgutachten erklärt den geplanten Export von 152 Castoren jetzt für illegal.

Atommüll: Die 152 Castorfässer aus Jülich Fotos
DPA

Berlin - Seit 25 Jahren ist der Kernreaktor im Forschungszentrum Jülich stillgelegt. Trotzdem sorgt die Anlage bis heute für heftigen Streit - genauer gesagt, ihr Atommüll. 152 Castorfässer lagern in einer Halle in Jülich. Das Zwischenlager gilt jedoch als unsicher, weil es beispielsweise keinen Schutz im Falle von Flugzeugabstürzen bietet.

Wohin aber mit dem Müll? Das Bundesforschungsministerium überlegt, die Fässer zur Aufarbeitung und anschließenden Endlagerung in die USA zu liefern. Partner dafür wäre die Atomanlage Savannah River Site in South Carolina. Das Vorhaben gilt als heikel, weil die deutschen Atomgesetze eine Ausfuhr von nuklearem Abfall untersagen. Das Ministerium behauptet jedoch, Jülich sei ein Forschungsreaktor gewesen, für den diese Regel nicht gelte.

Ein Gutachten der Hamburger Kanzlei Günther kommt nun zu dem Schluss, dass der geplante Castortransport in die USA illegal wäre. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte die Anwälte mit dem Gutachten beauftragt. Die Anwälte bestreiten, dass Jülich tatsächlich als Forschungsreaktor eingestuft werden kann.

Die Anlage habe von 1966 bis 1988 insgesamt 1,5 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert und ins öffentliche Netz eingespeist. Betreiber und Eigentümer des ersten deutschen Hochtemperaturreaktors sei ein Konsortium von 15 kommunalen Elektrizitätsunternehmen gewesen. Im Jahr 2003 hätten die bundeseigenen Energiewerke Nord GmbH die Geschäftsanteile übernommen. Seither sei die öffentliche Hand Eigentümer der Anlage.

Als kommerzieller Reaktor geführt

Auch wenn die Anlage immer wieder als "Forschungsreaktor Jülich" bezeichnet werde, besitze sie diesen Status nicht, argumentiert Rechtsanwalt Ulrich Wollenteit. In den Unterlagen des Bundesamts für Strahlenschutz etwa werde der Reaktor schon immer als Kernkraftwerk geführt. In der Liste der Forschungsreaktoren tauche er demgegenüber nicht auf. Auch in der Aufstellung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA werde Jülich als stillgelegter kommerzieller Reaktor aufgeführt ("permanent shut down").

Der Reaktor sei als kommerzielle Anlage einzustufen, schreibt Wollenteit, ein Export seines Atommülls sei daher nicht zulässig. "Die Castoren müssen in Deutschland bleiben", sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. Land und Bund hätten die Verantwortung für den Atomstandort Jülich fahrlässig verschleppt. Der geplante Transport zeige die Krise, in der deutsche Behörden mit der Entsorgung illegaler Abfälle steckten.

Das Bundesforschungsministerium hatte erst kürzlich mitgeteilt, dass es Jülich für einen Versuchsreaktor halte. Er sollte "der Untersuchung der grundsätzlichen Machbarkeit eines Kugelhaufenreaktors dienen", heißt es in einer Antwort auf die Kleine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Hubertus Zbedel von der Linkspartei.

Ein Kugelhaufenreaktor ist eine spezielle Variante eines Hochtemperaturreaktors, der bei besonders hohen Temperaturen arbeitet. Als Kernbrennstoff dienten in Jülich Uran-235 und Thorium-232. Im Reaktor befanden sich tennisballgroße Kugeln des Brennstoffs, die während des Betriebs automatisch zugegeben und entnommen werden konnten. Der Atommüll aus Jülich besteht hauptsächlich aus 300.000 solcher Atomkugeln.

Der Jülicher Reaktor steht seit Jahren in der Kritik. 2011 hatte die Betreibergesellschaft eine Expertengruppe mit der Aufarbeitung der Reaktorgeschichte beauftragt. Ihr im April 2014 vorgelegter Bericht benennt teils haarsträubende Missstände. Demnach kam es über Jahrzehnte immer wieder zu Störfällen und wahrscheinlich mindestens zweimal zu Kontaminierungen der Umwelt.

Wie auch immer der Streit um die Castoren ausgeht - es wird teuer. Ein Endlager in Deutschland ist nach wie vor nicht in Sicht. Seriöse Kostenschätzungen dafür sind derzeit nicht möglich. Der vom Forschungsministerium erwogene Export der Fässer in die USA könnte eine Milliarde US-Dollar kosten. Diese Zahl wird in einem Bericht der Zeitung "The Augusta Chronicle" genannt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein Trost, daß Atomstrom so billig ist
vantast64 18.09.2014
Da kann man schon manche Nachteile akzeptieren. Verstehe allerdings noch nicht, wer die Leute bezahlt, die tausend Jahre auf das Zeug aufpassen.
2.
silentsport 18.09.2014
Haben Sie wieder die Bettelbriefe von Greenpeace abgeschrieben? Soviel zum objektiven Journalismus...
3. 300 Millionen Euro
prozaque 18.09.2014
Das ist in etwa der Preis den Endkunden für die erbärmlichen 1,5 Milliarden Kilowattstunden Strom bezahlt haben dürften, in heutigem Euro. Und dann Transportkosten für den Abfall von 1 Milliarde US? Wow! 1,5 Milliarden Kilowattstunden hört sich viel an, sind es aber nicht. Schonmal gar nicht über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren.
4. die Grünen Peacer sind wie immer dagegen um dagegen zu sein - aus Prinzip
DrIngmeier 18.09.2014
denn wenn Probleme mal gelöst würden wären sie überflüssig. Atommüll da zu entsorgen wo Platz ist macht Sinn. Abstand neutralisiert Strahlung. die allerbeste Idee wäre es sowiso alles nach Tschernobyl zu schaffen denn wo die Strahlung ohnehin 23234 Einheiten stark ist ist es völlig egal wenn noch mal 0,000001 Einheiten an Strahlungsdosis dazukommen.
5. Sofort keinen Atommüll
sonnelacht 19.09.2014
mehr zu produzieren-wäre ja auch mal eine Maßnahme.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Neustart fürs Endlager: Die Suche nach dem Endlager

Was kostet der Atomausstieg?
Zu den Kosten des Atomausstiegs kursieren verschiedene Zahlen. Die wichtigsten Werte im Überblick:
Privatwirtschaftliche Investitionen
Für den Atomausstieg müssen neue Windräder, Solaranlagen, Biomasseanlagen und Gaskraftwerke gebaut werden. Stromleitungen müssen ausgebaut werden. Hinzu kommen Investitionen in Energieeffizienz. Nach SPIEGEL-ONLINE-Berechnungen belaufen sich die Investitionen insgesamt auf rund 170 Milliarden Euro bis 2020. Andere Forschungsinstitute kommen auf ähnliche Werte.
Haushalt
Die Politik streitet vor allem darüber, was die Energiewende für Auswirkungen auf den Haushalt hat. Die im vergangenen Jahr beschlossene Brennelementesteuer etwa sollte der Regierung jährlich 2,3 Milliarden Euro bringen. Jetzt drohen die Energieversorger, gegen die Abgabe zu klagen - ihrer Ansicht nach war sie an die Laufzeitverlängerung gekoppelt. Manche fordern neue Subventionen für Industrien mit besonders hohem Energiebedarf.

Gleichzeitig verknüpft die Regierung Ausgaben mit dem Programm, die für den Atomausstieg gar nicht nötig sind: So will sie die Mittel für die Wärmedämmung alter Gebäude steigern. Generell gilt: Entschieden ist noch nichts - für Kostenberechnungen in puncto Haushalt ist es noch zu früh.
Strompreis
Die Preise für Endverbraucher werden auf absehbare Zeit nur wenig steigen. Denn der Strom, den sie beziehen, wird stets über mehrere Jahre eingekauft. Der aktuelle Preisschub fällt vorerst kaum ins Gewicht.

Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Preis indes um mehrere Cent steigen. Allein durch den Netzausbau und die Großhandelspreise wäre ein Anstieg um drei Cent möglich - dazu kämen Milliardenkosten aus der EEG-Umlage.ssu


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: