Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Atomprogramm: Iran soll fortschrittliche Sprengkopf-Technik erforscht haben

Von

Das iranische Atomprogramm könnte eine bisher unbekannte Dimension besitzen: Laut einem Bericht des "Guardian" hegt die Uno den Verdacht, dass Teheran an fortschrittlichen Atomsprengköpfen gearbeitet hat. Das Ziel könnte ein Gefechtskopf sein, der klein und leicht genug für eine Rakete ist.

Raketentest im Iran (April 2006): Furcht vor der Atombombe der Mullahs Zur Großansicht
AFP

Raketentest im Iran (April 2006): Furcht vor der Atombombe der Mullahs

Das ominöse Dokument kursiert bereits seit langem, immer wieder landen Details in Zeitungen - doch die genauen Quellen der Informationen sind weitgehend unbekannt. "Mögliche Militärische Dimensionen des iranischen Atomprogramms" lautet der Titel des Dossiers, das von Experten der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) angefertigt wurde und unter anderem auf Informationen mehrerer Geheimdienste basieren soll. Jüngst hatte die "New York Times" Anfang Oktober unter Berufung auf das Papier berichtet, Iran habe "genügend Informationen" für den Bau einer Atombombe.

Jetzt will die britische Zeitung "The Guardian" ein weiteres brisantes Detail aus dem Report erfahren haben: Iran habe möglicherweise an einer Technologie für fortschrittliche Atomsprengköpfe experimentiert. Die IAEA habe Teheran aufgefordert, entsprechende Hinweise aufzuklären.

Im Einzelnen geht es um die Technik der sogenannten "two-point implosion", die bereits in den fünfziger Jahren in den USA und der Sowjetunion entwickelt wurde. Von dieser Methode gibt es zwei Varianten: In der einfacheren Version ist Spaltmaterial in Form eines Rugbyballs von konventionellem Sprengstoff umgeben. Er wird von zwei Seiten zugleich gezündet und verdichtet das Spaltmaterial so stark, dass die nukleare Kettenreaktion einsetzt. Bei der zweiten Variante ist eine Hohlkugel aus Spaltmaterial von einer rugbyballförmigen Sprengladung umgeben, die an beiden Enden zugleich gezündet wird. Dies ist komplizierter, aber auch wirkungsvoller.

Kleine und kompakte Sprengköpfe

Die "two-point implosion" erlaubt wesentlich kleinere und kompaktere Sprengköpfe als etwa das Kanonen-Prinzip der Hiroshima-Bombe, bei dem zwei Uranladungen in einem Rohr aufeinander geschossen werden. "Falls Iran es mit der Entwicklung von Atomraketen ernst meint, wäre die Entwicklung eines solchen Sprengkopfs plausibel", sagte Wolfgang Liebert, Leiter der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (Ianus) an der TU Darmstadt. "Ein Zündmechanismus mit einem fortgeschrittenen Implosionsprinzip wäre in diesem Fall genau das Richtige."

Denn auf diese Weise könnte man eine Atomwaffe relativ klein und kompakt konstruieren - so dass sie am Ende auch an Bord einer Rakete ins Ziel gebracht werden könnte. Voraussetzung all dessen sei aber, dass die Informationen aus dem IAEA-Dossier zutreffen. "Es ist immer möglich, dass es sich dabei um falsche Angaben handelt", sagt Liebert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dennoch scheint es mehrere Punkte zu geben, die die IAEA überaus nervös machen. Sie hakt immer wieder nach, aber Iran verweigert in vielen fraglichen Punkten plausible Erklärungen."

So hat Teheran unter anderem eingeräumt, Tests mit Technologien durchgeführt zu haben, die es erlauben, Explosionen von Sprengladungen auf die Mikrosekunde genau zu synchronisieren. Für die Entwicklung von Atomwaffen ist das von zentraler Bedeutung. In der Vergangenheit hatte die IAEA Iran auch aufgefordert, Hinweise aufzuklären, wonach ein russischer Experte bei der Entwicklung dieser Technik geholfen haben soll.

Neue Enthüllungen "atemberaubend"

Die Möglichkeit, dass Iran an fortschrittlichen Atomsprengköpfen mit der "two-point implosion" arbeite, sei "atemberaubend", sagte ein nicht namentlich genannter europäischer Regierungsberater dem "Guardian". James Acton, Atomwaffenexperte des Carnegie Endowment for International Peace, nannte es "bemerkenswert, dass Iran bereits den vierten oder fünften Schritt gehen will, bevor es den ersten Schritt abgeschlossen hat".

Liebert ist an dieser Stelle anderer Meinung: Er fände es keineswegs völlig überraschend, wenn die Regierung in Teheran fortschrittliche Sprengköpfe erforschen ließe. "Sollten die Iraner tatsächlich, wie häufig behauptet, seit Jahren ein nukleares Waffenprogramm verfolgen, wäre ihnen entsprechende Fortschritte möglicherweise zuzutrauen", sagte der Physiker. Da die Technik der "two-point implosion" aus den fünfziger Jahren stamme, könnte Iran theoretisch schon vor Jahren damit angefangen haben, sie zu kopieren.

Erst vor kurzem hatte Iran mit der Enthüllung für Wirbel gesorgt, neben der Anlage in Natans eine weitere Fabrik zur Urananreicherung zu besitzen. Zwar hat die IAEA am Donnerstag Entwarnung gegeben: Bei der ersten Besichtigung der Anlage in der Nähe der Stadt Ghom habe man nichts gefunden, worüber man besorgt sein müsse, sagte IAEA-Chef Mohamed ElBaradei der "New York Times".

Doch nur einen Tag zuvor hatten die unabhängigen Experten Jeffrey Lewis, Flynt Leverett und Hillary Mann Leverett im Internet einen Bericht veröffentlicht, der sich vollkommen anders liest: Iran habe die Förderung in der Uranmine Gachin stark ausgeweitet. Das Land scheine eine "bedeutende heimische Uranquelle zu entwickeln", heißt es. Für die Versorgung eines zivilen Atomprogramms reiche die dort geförderte Menge bei weitem nicht aus - "aber für ein Waffenprogramm wäre sie relativ groß".

Diesen Artikel...
Forum - Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
insgesamt 3414 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nicht bedrohlicher als andere
SaT 30.09.2009
So bedrohlich wie das amerikanische, britische, französische, pakistanische, indische, israelische, nordkoreanische und russische Atomprogramm.
2.
nahal, 30.09.2009
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Das iranische Atomprogramm ist sehr bedrohlich. In der Hauptsache ist es für das iranische Volk bedrohlich. Es ist nicht zu übersehen,dass die iranischen Machthaber die Warnungen der internationalen Gemeinschaft nicht ernst nehmen. Es wird zu weiteren Sanktionen kommen, die, leider,die Bevölkerung treffen werden. Sollten auch diese Sanktionen nicht fruchten, wird eine militärische Ausschaltung des iranischen Programms unausweichlich. Und das, unabhängig von dem Ausführenden.
3.
ddorfer 30.09.2009
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Wie bedrohlich es ist kann ich nicht einschätzen. Jedenfalls deutet vieles darauf hin,dass es einen Militärschlag gegen den Iran geben wird(oder seine Atomanlagen),denn die plötzliche Abkehr Obamas vom Raketenschild kann eigentlich nur auf einen Kompromiss mit Moskau hinauslaufen,will heißen: kein Schild,dafür kein Veto Moskaus im Sicherheitsrat im Fall der Fälle.
4.
Ludwig Schmidt 30.09.2009
Zitat von sysopIran will nicht über seine neue Atom-Anlage reden, die USA drängen auf Inspektionen und mögliche Sanktionen. Wie bedrohlich ist das iranische Atomprogramm?
Das Atomprogramm ist aus geographischen Gründen für West-, Nord-, Ost- und Mitteleuropa ungefährlich. Bevor es ein Moment an Gefährlichkeit gewinnt, werden diese Anlagen und Systeme von Israel, Frankreich, UK und den USA militärisch beseitigt werden. Daran gibt es bei keinem Beteiligten, auch dem Iran selbst, Zweifel. Auch nicht daran, dass das funktionieren würde. Eine eventuelle Position der EU ist und bleibt uninteressant, weil UK und Frankreich sich dem Willen nicht beugen werden, liefe er konträr zu ihren Ansichten und es keine Möglichkeit gäbe, diese "einzufangen". Im Vorfeld werden die Russen versuchen zu schlichten und zu vermitteln, mit dem Ziel eines atomwaffenfreien Irans. Die Chinesen werden sich aus dem Streit gänzlich heraushalten und nur versuchen Gewinne dabei zu machen. Indien ist noch nicht soweit, um, auf welcher Seite auch immer, mitmachen zu können. Es ist und bleibt die Entscheidung des Irans: Frieden oder wie auch immer gearteter Angriff/ Krieg...über Begrifflichkeiten mögen sich andere streiten.
5.
nahal, 30.09.2009
"Saudi Arabia denied Wednesday a report in Britain's Sunday Express that said the Kingdom offered the Israel Air Force flight paths to attack Iranian nuclear facilities."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Fotostrecke
Iran: Wie nahe sind die Mullahs der Bombe?

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: