Europäische Atomanlagen: Umweltschützer kritisieren AKW-Stresstest
Wie katastrophenfest sind die Reaktoren in der EU? Am Freitag beraten die zuständigen Minister über den europaweiten AKW-Stresstest - Umweltschützer üben schon jetzt heftige Kritik. Die Inspektoren haben die meisten Kraftwerke nie gesehen, viele Gefahrszenarien gar nicht überprüft.
Es war ein Projekt von beeindruckenden Ausmaßen. In den vergangenen Monaten haben Prüfer in einem mehrstufigen Verfahren die Sicherheit von mehr als 140 Atomreaktoren in 15 EU-Ländern, der Schweiz und der Ukraine untersucht. Am Freitag befassen sich die für Energiefragen zuständigen Minister der Staaten auf ihrem Treffen in Luxemburg nun mit dem Bericht. Das Papier wird auf dem 3175. Ministertreffen unter Tagesordnungspunkt 8 ("Any other business") abgehandelt.
Umweltschützer kritisieren den Stresstest für Europas Atomanlagen aber bereits vor der Beratung durch die Minister harsch. "Ursprünglich hatte man den Ansatz, auch das Undenkbare zu überprüfen", sagt Heinz Smital von Greenpeace. "Doch das ist dann immer mehr verwässert worden." Im Grundsatz sei es durchaus richtig, die Meiler des Kontinents zu inspizieren. "Durch den Stresstest lässt sich aber nicht sagen, dass die Reaktoren sicher sind. Dafür sind einfach zu viele Abstriche gemacht worden."
Was wäre, wenn? Diese Frage steht hinter den diversen Planspielen, die seit einiger Zeit unter dem Sammelbegriff Stresstest geführt werden. Und durchgespielt wurde in den vergangenen Monaten so einiges: Was wäre, wenn ein S-Bahn-Tunnel am geplanten Stuttgarter Hauptbahnhof gesperrt wird? Wenn Europas Banken von ängstlichen Kunden gestürmt werden? Wenn ein deutsches Atomkraftwerk oder ein Zwischenlager für Nuklearabfälle von einem Erdbeben erschüttert werden?
Und dann gab es denn AKW-Stresstest auf europäischer Ebene. Er war ein Mammutprojekt und bestand aus gleich drei Phasen: Zunächst mussten die AKW-Betreiber einen Fragenkatalog beantworten. Dann nahmen die nationalen Atomaufsichtsbehörden diese Antworten unter die Lupe. In einem dritten Schritt wurden die Angaben dann von Experten aus anderen Staaten geprüft ("Peer review"). Bleibt bei dem Aufwand freilich eine Frage: Was hat die ganze Aktion gebracht?
Prüfer besuchten nur einen Bruchteil der Reaktoren
Verantwortlich für den Test war die European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG), in der vor allem Vertreter der nationalen Aufsichtsbehörden sitzen. Doch im April hatte der zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger eingestehen müssen, dass nur 38 der 147 Reaktoren tatsächlich von Prüfern besucht worden waren. In Frankreich waren das zum Beispiel ganze 4 von 58 AKWs.
In einem 15-seitigen Kurzbericht ("Nuclear Stress Tests - Flaws, blind spots and complacency") beklagt Greenpeace nun vor dem Ministertreffen, der Stresstest sei an der ursprünglichen Intention vorbei gegangen. So hätten die Experten Flugzeugabstürze genauso wenig berücksichtigt wie Szenarien mit einer Verkettung von Problemen. Doch genau so eine unselige Verknüpfung - ein Erdbeben gefolgt von einem Tsunami - habe schließlich am japanischen Unglücksmeiler Fukushima zum GAU geführt.
Und auch Faktoren wie Materialermüdung in den Nuklearanlagen, Probleme beim Reaktordesign oder Evakuierungspläne für den Fall eines Unfalls hätten im Stresstest keine Rolle gespielt. Außerdem hätten die Angaben aus den verschiedenen Staaten eine extrem unterschiedliche Qualität gehabt, so Greenpeace.
Sicherheitsfragen, Terrorangriffe zum Beispiel, waren ohnehin aus dem Stresstest ausgegliedert und an die sogenannte Ad Hoc Group on Nuclear Security (AHGNS) zur Beratung gegeben worden. Hier habe es aber kaum eine Beteiligung der Öffentlichkeit gegeben, lautet die Kritik.
Die Grünen im Europäischen Parlament hatten bereits im vergangenen November ein Gutachten des Büros für Atomsicherheit in Bonn vorgestellt. Es kam zu dem Schluss, dass Stresstest keine zuverlässige Risikobewertung liefern könne. "Stellen Sie sich ein altes Flugzeug vor. Es kann noch so viele Pannen haben. Aber wenn es Fallschirme an Bord hat, dann würde es im Stresstest gut abschneiden", beschrieb Studienautor Wolfgang Renneberg das Problem.
Unrühmlichen Liste mit gefährdeten Reaktoren
Dabei hatte die EU-Kommission durchaus hehre Ziele bei der Überprüfung der Reaktoren. "Ich will zu einer objektiven, gemeinsamen Bewertung kommen", hatte der zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger noch vor einigen Wochen im Deutschlandfunk beteuert. "Daraus müssen die nationalen Regierungen ableiten, ob sie Bedarf sehen zu investieren, nachzurüsten, weitere Sicherheitsvorkehrungen vorzunehmen."
Und genau das ist ein weiterer Teil der Schwierigkeiten - denn vorschreiben darf Brüssel den Mitgliedstaaten auch nach dem Stresstest nichts. Es ist noch nicht einmal klar, ob die Überprüfungen in Zukunft regelmäßig wiederholt werden. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun.
Die Greenpeace-Studie benennt mehrere Reaktoren, die den Autoren als besonders unsicher gelten. Aus Deutschland findet sich auf der unrühmlichen Liste das AKW Gundremmingen an der Donau, wo Risiken durch Überflutungen und Erdbeben moniert werden. Die verwendeten MOX-Brennelemente machten eine Kontrolle des Reaktors im Falle einer Störung außerdem besonders kompliziert, da sie sich schnell überhitzten. Auch das Abklingbecken für benutzte Brennelemente in Gundremmingen sei nicht genug gegen die Gefahren eines Unfalls gesichert.
In Spanien kritisiert der Greenpeace-Bericht vor allem die beiden Reaktoren in Almaraz, wo es zum Beispiel nur einen einzigen Dieselgenerator für das Notkühlsystem der zwei Meiler gebe. Auch die Gefahr von Problemen bei einem Flugzeugabsturz sei hier besonders hoch. In Belgien bekommen die Reaktoren in Doel unweit der Metropole Antwerpen besonders schlechte Noten - vor allem wegen der Risiken durch fehlende Erdbebensicherheit bei den Reaktoren 1 und 2.
Auch das Kraftwerk in Tihange unweit von Lüttich wird kritisiert, in diesem Fall wegen fehlendem Schutz vor Überflutungen. Als Negativbeispiele herausgestellt werden außerdem Krko (Slowenien), Mochovce (Slowakei), Mühleberg (Schweiz), Ringhals (Schweden), Temelin (Tschechien), Wylfa (Großbritannien), Cattenom, Fesenheim, Gravelines (alle drei Frankreich).
Zumindest das Urteil der Greenpeace-Experten fällt vernichtend aus: Anstatt das Vertrauen in die Atomkraft zu stärken, hätten die Stresstests dieses noch weiter unterminiert. "Kurz gesagt: Die Lektionen aus Fukushima muss Europa auf jeden Fall noch lernen." Die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten sollen sich im Herbst mit den Ergebnissen der Prüfung befassen.
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