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12. September 2011, 18:06 Uhr

Atomunfall in Südfrankreich

AKW-Betreiber rätselt über Explosionsursache

Von und Annika Joeres

Ein Ofen für radioaktive Abfälle ist explodiert, ein Arbeiter gestorben - doch die Ursache für das Unglück in der Atomanlage Marcoule bleibt unklar. Trotzdem gaben die Behörden schnell Entwarnung, die französischen Medien berichten sehr gelassen. Nur die Anwohner reagieren empört.

Paris - Die Meldung schockierte die Börsen und weckte Erinnerungen an das Unglück in Japan: Explosion in Atomanlage in Frankreich. Doch mit den Detailinformationen kam auch die Erleichterung: Es gab zwar einen Toten, aber keinen Atomunfall mit katastrophalen Folgen für die Umwelt.

Die französische Atomaufsichtsbehörde (ASN) hat den Unfall in der südfranzösischen Anlage Marcoule am Montagnachmittag offiziell für beendet erklärt. "Dieser Unfall bedeutet keine Radioaktivität und keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung", teilte die ASN mit, die ihren Krisenstab umgehend wieder auflöste.

Die Explosion in einem Verbrennungsofen habe ein Feuer entfacht, das gegen 13 Uhr unter Kontrolle gewesen sei. Das Gebäude, in dem der Ofen stand, sei nicht beschädigt worden. Die vier Verletzten, von denen einer schwere Verbrennungen erlitt, seien nicht radioaktiv verstrahlt worden. Auch außerhalb des Gebäudes sei keine Radioaktivität gemessen worden. Nun solle untersucht werden, wie es zu dem Unfall kam.

Die Anlage Marcoule ist etwa 20 Kilometer von Avignon entfernt. Bei der Explosion in dem Ofen, in dem Rohre und Schutzkleidung aus Atomkraftwerken eingeschmolzen wurden, starb ein Arbeiter. Der bei dem Unfall gestorbene Arbeiter sei "in Sekundenschnelle" verbrannt, sagte ein Sprecher des Betreibers EDF zu SPIEGEL ONLINE. Der Mann habe in einem Raum neben dem Verbrennungsofen gearbeitet, als dieser explodiert sei.

Mitarbeiter "schockiert"

Das Rätselraten über die Ursache der Explosion geht weiter. Roland Vierne aus dem Management des Betreibers der Anlage sagte gegenüber der Zeitung "20 minutes", bislang habe man keine Erklärung für die Detonation, die Gendarmerie untersuche den Fall. Die Mitarbeiter seien "schockiert".

Die französischen Medien berichteten unaufgeregt über den Zwischenfall. Den Web-Seiten des "Nouvel Observateur" und der "Liberation" brachten die Meldung über die Explosion in der Atomanlage an Position drei beziehungsweise vier. In Frankreich, das einen Großteil seines Stroms mit Nuklearmeilern produziert, gibt es vergleichsweise wenig Kritik an der Technologie.

Die Organisation "Sortir du nucléaire", die gegen die Atomkraft in Frankreich kämpft, berichtete dennoch über viele Mails besorgter Menschen. "Ich habe im Radio von dem Unfall gehört - was ist mit meinen Kindern, die in der Nachbarschaft zur Schule gehen?", fragt ein aufgebrachter Vater. Nach Informationen der Anti-Atom-Gruppe sollen Lehrer von Grundschulen ihre Schüler früher nach Hause entlassen haben, weil aufgebrachte Eltern dies gefordert hätten.

"Natürlich machen wir uns riesige Sorgen hier im Rhône-Tal", sagt etwa Monique Labarthe. Die 64-jährige Atomkraftgegnerin wohnt bei Aix-en-Provence, rund 100 Kilometer südlich von Marcoule. "Wann immer Gifte in die Rhône gelangt sind, bekam es der ganze Süden Frankreichs zu spüren", sagt Labarthe. Sie habe schon mehrfach Angelverbote und Warnungen erlebt. Auch diesmal, so glaubt sie, müsse radioaktive Asche in den Fluss gelangt sein. "Aber meistens haben die Behörden uns erst Wochen später informiert - so wird es auch in diesem Fall sein."

Anwohner fordern Transparenz

Die Gegend um Marcoule ist dicht besiedelt. Die jährlich auch von Millionen Touristen besuchten Städte Orange und Avignon sind nur wenige Kilometer entfernt, direkt an der Atomanlage liegen als besonders hochwertig ausgezeichnete Weinberge. Und die Rhône, größter Fluss Südfrankreichs, fließt nur rund 200 Meter neben den radioaktiven Abfällen entlang.

Umweltministerin Nathalie Kosciuscko-Morizet von der konservativen Regierungspartei UMP wurde am späten Montagnachmittag am Unfallort erwartet. Die Grünen forderten die Regierung zu Transparenz auf. "Die Anwohner und alle Franzosen müssen ohne Verzögerung über die Entwicklungen informiert werden", betonte Parteichefin Cécile Duflot. Nach der Katastrophe in Fukushima habe die Regierung sich zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet. Nun sei die Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.

Die in Wien ansässige Internationale Atomenergiebehörde IAEA nahm wegen des Unfalls Kontakt zu den französischen Behörden auf. Das IAEA-Zentrum für nukleare Notfälle sei sofort aktiviert worden, sagte IAEA-Chef Yukiya Amano.

Die Nuklearanlage Marcoule umfasst mehrere kleinere Reaktoren, die allesamt stillgelegt sind. Das letzte Kraftwerk, ein Schneller Brüter, stellte 2010 den Betrieb ein. Im vergangenen März hatte es einen Zwischenfall in Marcoule gegeben, den die Atomaufsicht nachträglich auf Stufe zwei eingestuft hat. Betrieben wird die Anlage von einer Tochter des französischen Stromkonzerns EDF. Die EDF-Aktie stürzte nach dem Unfall um mehr als sieben Prozent ab.

Mit Material von dpa und AFP

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