Atomunfall in Südfrankreich: AKW-Betreiber rätselt über Explosionsursache

Von und Annika Joeres

Ein Ofen für radioaktive Abfälle ist explodiert, ein Arbeiter gestorben - doch die Ursache für das Unglück in der Atomanlage Marcoule bleibt unklar. Trotzdem gaben die Behörden schnell Entwarnung, die französischen Medien berichten sehr gelassen. Nur die Anwohner reagieren empört.

Paris - Die Meldung schockierte die Börsen und weckte Erinnerungen an das Unglück in Japan: Explosion in Atomanlage in Frankreich. Doch mit den Detailinformationen kam auch die Erleichterung: Es gab zwar einen Toten, aber keinen Atomunfall mit katastrophalen Folgen für die Umwelt.

Die französische Atomaufsichtsbehörde (ASN) hat den Unfall in der südfranzösischen Anlage Marcoule am Montagnachmittag offiziell für beendet erklärt. "Dieser Unfall bedeutet keine Radioaktivität und keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung", teilte die ASN mit, die ihren Krisenstab umgehend wieder auflöste.

Die Explosion in einem Verbrennungsofen habe ein Feuer entfacht, das gegen 13 Uhr unter Kontrolle gewesen sei. Das Gebäude, in dem der Ofen stand, sei nicht beschädigt worden. Die vier Verletzten, von denen einer schwere Verbrennungen erlitt, seien nicht radioaktiv verstrahlt worden. Auch außerhalb des Gebäudes sei keine Radioaktivität gemessen worden. Nun solle untersucht werden, wie es zu dem Unfall kam.

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Marcoule: Explosion in stillgelegter Atomanlage
Die Anlage Marcoule ist etwa 20 Kilometer von Avignon entfernt. Bei der Explosion in dem Ofen, in dem Rohre und Schutzkleidung aus Atomkraftwerken eingeschmolzen wurden, starb ein Arbeiter. Der bei dem Unfall gestorbene Arbeiter sei "in Sekundenschnelle" verbrannt, sagte ein Sprecher des Betreibers EDF zu SPIEGEL ONLINE. Der Mann habe in einem Raum neben dem Verbrennungsofen gearbeitet, als dieser explodiert sei.

Mitarbeiter "schockiert"

Das Rätselraten über die Ursache der Explosion geht weiter. Roland Vierne aus dem Management des Betreibers der Anlage sagte gegenüber der Zeitung "20 minutes", bislang habe man keine Erklärung für die Detonation, die Gendarmerie untersuche den Fall. Die Mitarbeiter seien "schockiert".

Die französischen Medien berichteten unaufgeregt über den Zwischenfall. Den Web-Seiten des "Nouvel Observateur" und der "Liberation" brachten die Meldung über die Explosion in der Atomanlage an Position drei beziehungsweise vier. In Frankreich, das einen Großteil seines Stroms mit Nuklearmeilern produziert, gibt es vergleichsweise wenig Kritik an der Technologie.

Die Organisation "Sortir du nucléaire", die gegen die Atomkraft in Frankreich kämpft, berichtete dennoch über viele Mails besorgter Menschen. "Ich habe im Radio von dem Unfall gehört - was ist mit meinen Kindern, die in der Nachbarschaft zur Schule gehen?", fragt ein aufgebrachter Vater. Nach Informationen der Anti-Atom-Gruppe sollen Lehrer von Grundschulen ihre Schüler früher nach Hause entlassen haben, weil aufgebrachte Eltern dies gefordert hätten.

"Natürlich machen wir uns riesige Sorgen hier im Rhône-Tal", sagt etwa Monique Labarthe. Die 64-jährige Atomkraftgegnerin wohnt bei Aix-en-Provence, rund 100 Kilometer südlich von Marcoule. "Wann immer Gifte in die Rhône gelangt sind, bekam es der ganze Süden Frankreichs zu spüren", sagt Labarthe. Sie habe schon mehrfach Angelverbote und Warnungen erlebt. Auch diesmal, so glaubt sie, müsse radioaktive Asche in den Fluss gelangt sein. "Aber meistens haben die Behörden uns erst Wochen später informiert - so wird es auch in diesem Fall sein."

Anwohner fordern Transparenz

Die Gegend um Marcoule ist dicht besiedelt. Die jährlich auch von Millionen Touristen besuchten Städte Orange und Avignon sind nur wenige Kilometer entfernt, direkt an der Atomanlage liegen als besonders hochwertig ausgezeichnete Weinberge. Und die Rhône, größter Fluss Südfrankreichs, fließt nur rund 200 Meter neben den radioaktiven Abfällen entlang.

Umweltministerin Nathalie Kosciuscko-Morizet von der konservativen Regierungspartei UMP wurde am späten Montagnachmittag am Unfallort erwartet. Die Grünen forderten die Regierung zu Transparenz auf. "Die Anwohner und alle Franzosen müssen ohne Verzögerung über die Entwicklungen informiert werden", betonte Parteichefin Cécile Duflot. Nach der Katastrophe in Fukushima habe die Regierung sich zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet. Nun sei die Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.

Die in Wien ansässige Internationale Atomenergiebehörde IAEA nahm wegen des Unfalls Kontakt zu den französischen Behörden auf. Das IAEA-Zentrum für nukleare Notfälle sei sofort aktiviert worden, sagte IAEA-Chef Yukiya Amano.

Die Nuklearanlage Marcoule umfasst mehrere kleinere Reaktoren, die allesamt stillgelegt sind. Das letzte Kraftwerk, ein Schneller Brüter, stellte 2010 den Betrieb ein. Im vergangenen März hatte es einen Zwischenfall in Marcoule gegeben, den die Atomaufsicht nachträglich auf Stufe zwei eingestuft hat. Betrieben wird die Anlage von einer Tochter des französischen Stromkonzerns EDF. Die EDF-Aktie stürzte nach dem Unfall um mehr als sieben Prozent ab.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Glaubwürdigkeit
sirleon 12.09.2011
Ist doch jedes Mal das selbe Spiel: Erstmal alles nicht so schlimm und drei Tage später kommt ein Teil der wahren Katastrophe erst an´s Licht. Ich bin gespannt.
2. keine Radioaktivität, alles sicher
tatsache2011 12.09.2011
"Dieser Unfall bedeutet keine Radioaktivität und keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung" bei einem Ofen zur Verbrennung radioaktiver Sachen (?). "Die EDF-Aktie stürzte nach dem Unfall um mehr als sieben Prozent ab." Eine panische, hysterische Reaktion der Börse oder german Angst ?
3. unabhängig
Schäfer 12.09.2011
Zitat von sysopEin Ofen für radioaktive Abfälle ist explodiert, ein Arbeiter gestorben - doch die Ursache für das Unglück in der Atomanlage Marcoule bleibt unklar. Trotzdem gaben die Behörden schnell Entwarnung,*die französischen Medien berichten sehr gelassen. Nur die Anwohner*reagieren empört. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,785831,00.html
Offiziellen Verlautbarungen glaubt sowieso niemand mehr, weil bislang immer Desinformationspolitik betrieben wurde (Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima) und die Hälfte aller Verschwörungstheorien sich als real erwiesen haben. Ich hoffe im Netz wird man demnächst unabhängige Geigerzählermessungen erfahren können.
4. Traurig
Michael Giertz 12.09.2011
Zitat von tatsache2011"Dieser Unfall bedeutet keine Radioaktivität und keine Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung" bei einem Ofen zur Verbrennung radioaktiver Sachen (?). "Die EDF-Aktie stürzte nach dem Unfall um mehr als sieben Prozent ab." Eine panische, hysterische Reaktion der Börse oder german Angst ?
Faszinierend finde ich ja immer, dass bei solchen Katastrophen fast immer sofort über Kosten, Imageschäden und eben Verluste an den Börsen schwadroniert wird. Früher hätte man sowas "pietätlos" genannt, heute ist sowas offenbar völlig in Ordnung. Und ich bin bestimmt nicht "alt" mit 29 - ich find's trotzdem pietätlos, einfach nur widerlich, dass Geld und Kommerz alles ist, was heute noch zählt. Auch in der Berichterstattung. Traurig.
5. Offizielle Verlautbarungen
baloo55 12.09.2011
Nach Angaben der französischen Regierung trat keine radioaktive Strahlung aus. Wer glaubt denn noch solchen Regierungsverlautbarungen, und das beziehe ich jetzt keinesfalls nur auf Frankreich.
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