Kalter Krieg Was wurde aus der Neutronenbombe?

Die Neutronenbombe war eine gespenstische Waffe des Kalten Kriegs: Sie sollte sowjetische Soldaten qualvoll töten, Gebäude, Straßen und Fabriken aber intakt lassen. Stationiert wurde sie nie - zum Glück für Deutschland.

US Department of Energy

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Noch kurz vor seinem Tod war der Erfinder der Neutronenbombe davon überzeugt, dass seine Waffe die Welt besser machen könnte. "Sie ist die vernünftigste und moralischste Waffe, die jemals entwickelt wurde", sagte der 89-jährige Samuel Cohen im September 2010 der "New York Times". "Sie ist die einzige Atomwaffe der Geschichte, die in der Kriegführung sinnvoll ist. Wenn der Krieg vorbei ist, ist die Welt noch intakt."

Dieses Argument funktioniert freilich nur unter der Annahme, dass Krieg im Allgemeinen und der qualvolle Strahlentod von Menschen im Besonderen nicht unvernünftig sind. Zumindest technisch gesehen aber hatte Cohen, der im Dezember 2010 an Magenkrebs starb, durchaus recht. Die Bombe, die er 1958 erfand und die 1962 erstmals getestet wurde, explodierte einige Hundert Meter über dem Boden und entfaltete im Umkreis von nur etwa einem Kilometer ihre Wirkung. Eine langfristige radioaktive Verseuchung gab es nicht - angeblich konnte man schon 24 Stunden später das Gebiet gefahrlos betreten.

"Man kotzt sich die Eingeweide heraus"

Während die Wirkung anderer Atomwaffen vor allem auf der Druck- und Hitzewelle beruht, konstruierte Cohen seine Bombe so, dass sie einen Großteil ihrer Energie in Form harter Neutronenstrahlung freisetzt. Genutzt wird dabei die Kernfusion; die Neutronenbombe ist eine spezielle Version der Wasserstoffbombe. Die freigesetzten Neutronen durchdringen selbst schwere Materialien weitgehend ungehindert, haben auf Lebewesen aber eine verheerende Wirkung.

Das war auch Cohen klar. Wer einen Kilometer vom Explosionsherd entfernt steht, sei "physiologisch die elendeste Kreatur, die man sich vorstellen kann", sagte Cohen in einem TV-Interview. "Man kotzt sich die Eingeweide heraus, und der Kopf fühlt sich an, als würde er platzen." Da die Neutronenstrahlung auch die Außenhülle sowjetischer Panzer nahezu ungehindert durchdrungen hätte, hielten Befürworter die Bombe für ein effektives Mittel gegen eine Invasion der Sowjets in Westeuropa.

Kritiker wandten allerdings früh ein, dass die Idee, Moskaus Panzerarmeen zu stoppen und zugleich das angegriffene Gebiet - in diesem Fall vor allem Deutschland - intakt zu lassen, auf mehreren Trugschlüssen basiert. Zwar setzt eine Neutronenbombe 30 bis 45 Prozent ihrer Energie sofort in Strahlung um, was bis zu zehnmal mehr ist als bei normalen Atomwaffen. Doch mindestens die Hälfte ihrer Energie fließt nach wie vor in die Druck- und Hitzewelle. Zivile Gebäude würden innerhalb des Explosionsradius kaum stehen bleiben.

Da der Wirkungsbereich taktischer Neutronenwaffen klein ist, hätte man zudem Hunderte, wenn nicht gar Tausende von ihnen einsetzen müssen, um einen massiven Angriff sowjetischer Panzerarmeen spürbar zu verlangsamen. Das Ergebnis wären aller Wahrscheinlichkeit nach schwere Verwüstungen gewesen.

"Symbol der Perversion menschlichen Denkens"

Hinzu kamen weitere ethische Argumente. Denn je nachdem, wie viel Strahlung Menschen abbekommen, kann ihr Tod noch grausamer sein als von Cohen beschrieben. Akut Strahlenkranke leiden wochenlang unter Erbrechen, Durchfall und Lähmungen und werden von Krämpfen geschüttelt, ehe sie sterben. Bei geringeren Strahlendosen können sie noch viele Jahre später dem Krebs zum Opfer fallen. Auch aus diesem Grund bezeichnete etwa der SPD-Politiker Egon Bahr die Neutronenbombe als "Symbol der Perversion menschlichen Denkens".

BBC-Doku über die Geschichte der Atombomber
Während andere am Atomwaffenprogramm der USA beteiligte Physiker später Schuldgefühle hegten, trommelte Cohen jahrzehntelang für seine Erfindung. Doch eine US-Regierung nach der anderen weigerte sich, Neutronenbomben in ihr Arsenal aufzunehmen. Präsidenten John F. Kennedy etwa wollte das Wettrüsten mit der Sowjetunion nicht weiter beschleunigen. Sein Nachfolger Lyndon B. Johnson lehnte den Einsatz von Neutronenbomben in Vietnam ab, weil er eine internationale Verurteilung der USA befürchtete. Jimmy Carter wiederum glaubte, die Neutronenbombe könnte die Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets torpedieren.

Das vielleicht wichtigste Argument gegen die Neutronenbombe war aber ironischerweise jenes, das Cohen selbst für seine Waffe ins Feld führte: die im Vergleich zu anderen Atomwaffen geringeren Kollateralschäden. Das - so befürchteten nicht nur Friedensaktivisten, sondern auch US-Militärs - könnte die Hemmschwelle zu einem tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen senken, der dann womöglich zu einem umfassenden nuklearen Schlagabtausch zwischen den Supermächten eskaliert.

"Effektives Mittel, Krieg auf moralische Art zu führen"

Erst 1981 änderten die USA ihren Kurs: Präsident Ronald Reagan bestellte 700 Neutronen-Sprengköpfe, um die Überlegenheit der sowjetischen Panzertruppen in Europa auszugleichen. Erst nach massiven Protesten in Europa wurde die Stationierung der Waffen abgesagt.

Auch Frankreich und China haben Neutronenbomben erfolgreich entwickelt, aber nie an die Truppe ausgeliefert. Dies hat nach frei verfügbaren Informationen nur Russland getan - allerdings in Gestalt einer Rakete namens ABM-3 "Gazelle", die keine feindlichen Panzertruppen, sondern anfliegende Atomraketen bekämpfen soll.

Die USA haben ihre Neutronen-Sprengköpfe für Raketen und Artilleriegeschosse 1992 außer Dienst gestellt, der letzte wurde 2003 zerstört. Physiker Cohen aber blieb ein glühender Verfechter seiner Waffe, die er in Büchern, Zeitungsbeiträgen und Gesprächen mit Politikern anpries. "Schon früh", sagte Cohen noch kurz vor seinem Tod, "habe ich radioaktive Strahlung als effektives Mittel erkannt, Krieg auf moralische Art zu führen."

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Jeannette Corbeau
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Seite 1
ThomasGB 17.01.2016
1. Ach Leute, ...
Die Entwicklung der Neutronenbombe wurde doch nicht aus humanitären Gründen eingestellt. Man kam einfach einmal zu der, natürlich überhaupt nicht naheliegenden, Erkenntnis, das diese genauso dreckig ist, wie eine normale Atombombe. Und warum soll man denn ein haufen Geld für etwas ausgeben, was man bereits hat?
Leser161 17.01.2016
2. Leude...
Wenn das schon so anfängt "sollte sowjetische Soldaten qualvoll töten". Dem Waffendesigner ist es egal was die Waffe mit Leuten anstellt. Solange der militärischer Zweck erreicht wird. Und der war meines Wissens Töten ohne Infrarstrukturzerstörung. Qual war ggf. ein Nebeneffekt. Wir können uns nur weiterentwickeln und Dinge wie Krieg vermeiden, wenn wir klar denken, statt irgendjemanden zu dämonisieren in dem wir ihm Qual als erste Absicht unterstellen.
bauausdo 17.01.2016
3. Schwupps
Berühmt war damals eine Karikatur, die die Wirkung der Neutronenbombe anhand eines Kruzifixes zeigte: "Schwupps, da war der Heiland weg" stand unter dem plötzlich leeren Kreuz.
teacher20 17.01.2016
4. Ideologische Auseinandersetzung
Das Erstaunliche war, dass die Stationierung der "Neutronenbombe" den Europäern während der Präsidentschaft des (etwas naiven) Friedenspräsidenten James Earl ("Jimmy") Carter schmackhaft gemacht werden sollte (Zum Realisten wurde Carter - zu spät, um seine Präsidentschaft zu retten - erst durch die "Iranische Revolution" und den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan). Carter glaubte nämlich an einen humanitären Fortschritt gegenüber den Folgen "herkömmlicher" Atomwaffen, womit er in der Logik des "Kalten Krieges" trotz aller furchtbaren Folgen, die der Einsatz der Waffe gehabt hätte, eigentlich nicht ganz Unrecht hatte. Insofern war die Behauptung Egon Bahrs, die "Neutronenbombe" (die keine "Bombe" war, sondern ein Raketensprengkopf gewesen wäre) sei ein "Symbol der Perversion menschlichen Denkens" eher eine ethische und zudem ideologische Behauptung, mit der er sich durchaus im Einklang mit der sowjetischen Propaganda und der des Warschauer Paktes befand. Denn die Gegenseite erkannte sehr schnell, dass es sich bei den Einsatzszenaren für die Bombe in erster Linie um defensive gehandelt hätte, die die Blitzkriegs-Vorwärtsstrategie des WP über den Haufen geworfen hätten und dem der WP, der bereits damals unter enormen Wirtschaftsproblemen litt, kaum etwas entgegenzusetzen gehabt hätte. Es waren also nicht humanitär-ethische Motive, die den Protest der Sowjetunion und ihrer Vasallen leiteten. Sehr wohl ethisch motiviert ließen sich Bahr, die beginnende "Friedensbewegung" und nicht zu Vergessen DER SPIEGEL, der der "Neutronenbombe" eine Titelgeschichte widmete, hier (noch erfolgreich im Gegensatz zum späteren "Doppelbeschluss", denn Carter verzichtete recht schnell auf die Stationierung, auch ein Zeichen für die Unsicherheit und die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit dieses schwachen Präsidenten, die der "Anti-Visionär" Helmut Schmidt im Zusammenhang mit der Genesis des "Doppelbeschlusses" Ende der 70er Jahre sehr wohl sah) nolens volens vor den Karren der sowjetischen Propaganda spannen.
westerwäller 17.01.2016
5. Der Autor führt seine eigene Argumentation ad absurdum
Zitat: "explodierte einige Hundert Meter über dem Boden und entfaltete im Umkreis von nur etwa einem Kilometer ihre Wirkung." Also eine kleine (!) Kernwaffe mit chirurgischer Präzision, die sich auf das Schlachtfeld auswirkt. Wäre ihm eine größere lieber gewesen, die auch die Städte im Umkreis vernichtet? "Eine langfristige radioaktive Verseuchung gab es nicht - angeblich konnte man schon 24 Stunden später das Gebiet gefahrlos betreten." Das würde ich zwar nicht vorbehaltlos unterschreiben (einen gewissen Fallout gibt es wohl...), aber ist das nicht besser, als eine Waffe, die langfristige, radioaktive Verseuchung erzeugt? Aber kein Krieg ist doch besser! Geschenkt ...
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