Atomkraftwerke Tausende Risse in belgischen Reaktoren entdeckt

Die Risse sind größer und zahlreicher als bislang bekannt: Die belgische Atomaufsicht meldet, die Schäden an den Reaktoren seien schon beim Bau aufgetreten.

  AKW in Doel, Flandern (August 2014): Angst vor brüchigem Material
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AKW in Doel, Flandern (August 2014): Angst vor brüchigem Material


Antwerpen - Die Probleme in zwei belgischen Atomreaktoren sind offenbar größer als angenommen. Man habe Tausende neue Risse in den Reaktoren gefunden, teilten der Betreiber Electrabel und die belgische Atomaufsicht FANC (Federal Agency for Nuclear Control) unter Berufung auf genauere Untersuchungen mit. Dabei seien auch längere Risse erfasst worden als bei früheren Inspektionen. Die betroffenen Reaktoren Doel 3 in Flandern und Tihange 2 in der Wallonie stehen seit längerem still.

Die Risse in den Reaktorbehältern sind nach den bisherigen Erkenntnissen von FANC und Electrabel nicht während des Betriebs, sondern schon während des Baus der Reaktoren vor mehr als drei Jahrzehnten entstanden.

Risiko durch brüchiges Material

Die größten Risse in Doel sind den neuen Messungen zufolge 18 Zentimeter lang, während man nach Messungen 2012 noch höchstens von neun Zentimetern ausgegangen war. In Tihange wurden das Maximum sogar von sechs Zentimetern 2012 auf jetzt 15,5 Zentimeter revidiert. Gezählt wurden in Doel nun rund 13.000 Risse, während es bei der letzten Untersuchung 8000 gewesen waren. In Tihange stieg die Anzahl von 2000 auf 3150.

Bei den im Jahr 2012 entdeckten Rissen habe es keine Veränderungen gegeben, betonte die belgische Atomaufsicht. Sie seien nicht größer geworden. Als ein mögliches "globales Problem der Atomkraftwerke" hatte Jan Bens, Leiter der belgischen Atomaufsicht FANC, die Risse in den Druckbehältern bezeichnet. Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace, empfahl, die Risse im Metall ernster zu nehmen als bisher und weltweite Untersuchungen einzuleiten.

Bedenken gibt es weiterhin wegen der laut FANC "unerwarteten" Brüchigkeit des Behältermaterials. Diese Brüchigkeit war bereits in Labortests im vergangenen Jahr festgestellt worden. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde besteht das Risiko, dass bei einem Unfall, bei dem der Reaktor mit kaltem Wasser gekühlt werden müsste, die Mantelung bricht und radioaktiv verseuchtes Wasser austritt. Dazu hat die Behörde von Electrabel weitere Studien verlangt.

Abschaltung langfristig geplant

Im April sollen sich nun internationale Experten mit den Risiken beschäftigen. Eine endgültige Entscheidung, ob die Meiler wieder angefahren werden können, trifft die FANC. Electrabel rechnet mit der Entscheidung nicht vor Juli.

Belgien hat an den Standorten Doel und Tihange insgesamt sieben Atomreaktoren. Doel ist rund 150 Kilometer, Tihange etwa 80 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt. Im Zuge des geplanten Atomausstiegs sollen nacheinander alle Reaktoren an diesen beiden einzigen Standorten des Landes abgeschaltet werden.

nik/afp

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