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Stromproduktion: Belgien schaltet dritten Atomreaktor ab

Kernkraftwerk Doel (Archivbild): Reaktor 3 und 4 mussten vom Netz genommen werden Zur Großansicht
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Kernkraftwerk Doel (Archivbild): Reaktor 3 und 4 mussten vom Netz genommen werden

Gleich drei Reaktoren belgischer Atomkraftwerke sind derzeit abgeschaltet. Das gefährdet die Stromproduktion - und stellt die Pläne des Landes zum Atomausstieg infrage.

In Belgien ist innerhalb weniger Monate die Hälfte der Atomstromproduktion des Landes wegen Reaktorproblemen ausgefallen. Am Donnerstag informierte der belgische Atomkraftwerksbetreiber Electrabel in einer Mitteilung über den langfristigen Ausfall eines dritten von insgesamt sieben Reaktoren.

Durch den Ausfall fehlen dem Land nun 3000 von ursprünglich 5700 Megawatt Produktionskapazität aus Atomkraft. Belgien bezieht mehr als die Hälfte seines Strombedarfs aus Atomkraft.

Probleme macht derzeit der Reaktor 4 im Atomkraftwerk Doel nördlich der Hafenstadt Antwerpen. Nach Angaben von Electrabel gibt es dort ein Ölleck. Dadurch sei eine Hochdruckturbine schwer beschädigt worden. Der Reaktor wurde am Dienstag vom Netz genommen und bleibt nach Angaben des Betreibers mindestens bis Jahresende außer Betrieb.

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Atomsicherheit: Belgische Problemzonen
Ende März mussten bereits Reaktor 3 des Kraftwerks Doel und Reaktor 2 des zweiten belgischen Atomkraftwerks in Tihange bei Lüttich wegen Schäden dauerhaft heruntergefahren werden. Auch diese Reaktoren werden wohl nicht vor dem Herbst wieder in Betrieb genommen.

Pläne zum Atomausstieg in Gefahr

Schon zuvor hatten Doel 3 und Tihange 2 für mehrere Monate keinen Strom geliefert. Behörden hatten im November 2012 an Druckbehältern schwerwiegende Materialfehler gefunden - in erster Linie Risse - und die Reaktoren vom Netz genommen. Nach einer Prüfung waren beide Reaktoren im Juni 2013 wieder hochgefahren worden. Im März 2014 ließ die Agentur für Nuklearkontrolle FANC sie dann erneut abschalten. Tests mit dem Material der Reaktorbehälter hatten Fragen zur mechanischen Belastbarkeit der Stoffe aufgeworfen.

Die Ausfälle der mit Doel 4 nun insgesamt drei Reaktoren stellen Belgiens Pläne zum Ausstieg aus der Atomkraft infrage. Die Reaktoren sollten nach einer Laufzeit von je 40 Jahren zwischen 2015 und 2025 abgeschaltet werden. Die Ausfälle betreffen aber ausgerechnet die neuesten Reaktoren, sodass die älteren womöglich länger als vorgesehen am Netz bleiben müssen.

jme/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
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1. Früher
anders_denker 15.08.2014
war alles besser, auch die Qualität der Reaktoren ;-)
2. Ausstieg in Gefahr?
einervondenen 15.08.2014
Wohl eher der Zeitplan durcheinander. Der Ausstieg scheint damit besiegelt.
3. Wir sind doch auch noch da
professorA 15.08.2014
Zitat von sysopAPGleich drei Reaktoren belgischer Atomkraftwerke sind derzeit abgeschaltet. Das gefährdet die Stromproduktion - und stellt die Pläne des Landes zum Atomausstieg infrage. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/belgien-reaktor-4-im-atomkraftwerk-doel-wurde-abgeschaltet-a-986219.html
und können an sonnigen und windigen Tagen doch jede Menge E-Strom nach Belgien liefern, wie man - auch bei SPON - immer wieder lesen kann. Natürlich können wir nur minuten- oder stundenweise liefern, ja nach Sonne und Wind, aber da sollen sich die Belgier nicht so anstellen.
4. Dass Belgien
chico 76 15.08.2014
Zitat von einervondenenWohl eher der Zeitplan durcheinander. Der Ausstieg scheint damit besiegelt.
Reaktoren, nach 40 Betriebsjahren, abschaltet, ist kein Ausstieg per se. Eher das verzichten auf einen Neueinstieg. Bisher bleiben wir die einzige Nation, die durch vorzeitige Stilllegung einen Teilausstieg praktizierten. Den muss man sich leisten können. Bei den Überforderten wird der Strom abgestellt.
5. @professorA
rudi.waurich 15.08.2014
Also wirklich! Wieso haben die Belgier nicht schon lange ein paar Windräder auf dem Deich stehen? Die können sich echt anstellen! Ich fürchte, der in Deutschland über's Knie gebrochene Atomausstieg wird auch nicht anders ablaufen...
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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