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Bericht zur Nuklearsicherheit: Frankreich soll alle Atomkraftwerke nachrüsten

Frankreichs Kernkraftwerke sind nur unzureichend gegen Naturkatastrophen geschützt - das hat das Institut für Nuklearsicherheit nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters festgestellt. Die Experten dringen auf eine umfassende Nachrüstung.

Kernkraftwerk in Bollène: 58 Atomreaktoren sind in Frankreich im Betrieb, einer im Bau Zur Großansicht
AP

Kernkraftwerk in Bollène: 58 Atomreaktoren sind in Frankreich im Betrieb, einer im Bau

Paris/Hamburg - Die Katastrophe von Fukushima hat gezeigt, dass Atomreaktoren auch gegen unerwartet starke Naturkatastrophen gesichert sein sollten. Viele europäische Staaten haben aus dem japanischen Desaster Konsequenzen gezogen: Deutschland beschloss den Ausstieg bis zum Jahr 2022. Viele Länder führten Tests durch, um zu prüfen, ob die Sicherheitsstandards ihrer Reaktoren ausreichen - das passierte auch in Frankreich.

Jetzt teilt Frankreichs Institut für Nuklearsicherheit (IRSN) nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit: Alle 58 Reaktoren, die im Land in Betrieb sind, sowie eine im Bau befindliche Anlage sollten nachgerüstet werden. Die Experten bezeichnen die geforderten Sicherheitsmaßnahmen als "harten Kern" für die Reaktoren.

Das IRSN hat untersucht, wie gut die Kernkraftwerke Fluten, Erdbeben, Stromausfällen und Fehlfunktionen im Kühlsystem standhalten würden. Den daraus resultierenden 500 Seiten umfassenden Bericht legten sie jetzt der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN vor. Die ASN will ihre Schlussfolgerungen Ende des Jahres der Regierung präsentieren.

Wie erdbebensicher sind die Anlagen?

Es sei notwendig, weitere Mechanismen in die Reaktoren einzubauen, die wichtige Funktionen wie Kühlung und Stromzufuhr schützten, sagte IRSN-Direktor Jacques Repussard. Zum Beispiel sollte jeder Reaktor über mindestens einen Dieselgenerator an abgelegener Stelle verfügen, der auch im Falle eines sehr starken Bebens nicht ausfalle. Repussard meint, die Reaktoren müssten künftig auch extremen Naturkatastrophen standhalten können - etwa einem Beben, das die südfranzösische Stadt Nizza zerstört oder dem Zusammenbruch sämtlicher Staudämme, was zu starken Überflutungen führen würde.

Frankreichs älteste Reaktoren wurden paarweise gebaut. Falls an einem Reaktor ein Problem auftritt, können so die Ressourcen des zweiten genutzt werden - technische ebenso wie das Personal. "Man hat sich nie vorgestellt, dass beide Reaktoren gleichzeitig mit einem Problem zu kämpfen haben", sagte Repussard.

Er konnte noch nicht sagen, wie viel Zeit die Umsetzung der vorgeschlagenen Verbesserungen in Anspruch nehmen würde. Auch sei noch nicht klar, wie hoch die Kosten sind, die auf den Stromkonzern EDF, den Betreiber der französischen Kernkraftwerke, zukommen. "Wir würden gerne einen Zeitplan sehen, der nur wenige Jahre umfasst", so Repussard. Seiner Aussage zufolge könnten alle französischen Reaktoren so verbessert werden, dass sie den neuen Ansprüchen genügen.

wbr/Reuters

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insgesamt 215 Beiträge
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1. Wetten dass...
lemmy01 17.11.2011
Wetten, dass da außer ein paar Alibimaßnahmen rein gar nichts passieren wird...
2. Frankreich ist doch pleite
unente, 17.11.2011
Die könnten aber noch Geld von der "EU" oder doch besser gleich von der BRD, für die Sicherung ihrer "sicheren AKW" verlangen - schließlich wollen wir doch von Vertrahlung verschont bleiben, bei einer Hauptwindrichtung West.
3. jetzt erst?
Gebetsmühle 17.11.2011
Zitat von sysopFrankreichs Kernkraftwerke sind nur unzureichend gegen Naturkatastrophen geschützt - das hat*das Institut für Nuklearsicherheit nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters festgestellt. Die Experten dringen auf eine umfassende Nachrüstung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,798324,00.html
nachrüsten mit sicheren dieselgeneratoren zur stromversorgung? au weia, man sollte eigentlich meinen, das hätten die schon längst. da geht man das risiko von billiarden-schäden ein, weil man an den paar euro für einen sicheren dieselgenerator spart. aus meiner sicht gehören auf jedes atomkraftwerk solarzellen und eine biogas-anlage, um die stromversorgung im ernstfall wirklich zu sichern.
4. -
Zwergnase, 17.11.2011
Wette, dass denen die Nachrüstung billiger kommt als Deutschland der Ausstieg nebst langfristiger Folgen ?
5. Von diesen Reaktoren....
danielwetzler 17.11.2011
... sind aktuell 3 Stück damit ausgelastet deutschen Strombedarf zu decken, der durch die Abschaltung der älteren deutschen AKWs entstanden ist. Na, ob wir dadurch nun sicherer leben ?
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Fotostrecke
Grafiken: Fakten zur globalen Atomindustrie
Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


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