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Biomasse: Pflanzenmüll aus dem Meer soll Strom liefern

Algen und Pflanzenreste sind an den deutschen Stränden ein Ärgernis für Badegäste und eine Gefahr für Deiche. Forscher wollen das Grünzeug jetzt für ihre Zwecke einspannen: Sie hoffen, aus dem riechenden Abfall Strom, Kosmetika und Lebensmittel zu gewinnen.

Rohstoff aus dem Meer: Strom und Lebensmittel aus Pflanzenresten Fotos
AP

Grün und schleimig liegen sie da - Algen, Gräser, angeschwemmte Pflanzenreste aus dem Meer. An Stränden und Deichen von Nord- und Ostsee verursachen sie bisher vorwiegend eines: hohe Entsorgungskosten. Denn vor allem für die Touristen müssen die Badeorte regelmäßig von dem unansehnlichen Treibgut befreit werden.

Doch man kann den vermeintlichen Abfall aus dem Meer auch als wertvollen Rohstoff sehen. So will etwa Schleswig-Holstein aus der Biomasse künftig Strom produzieren. Aber auch für Kosmetik, Wellness oder Arznei sind die Algen geeignet.

An der Nordsee sind die riesigen Mengen an Biotreibgut eine Aufgabe für den Küstenschutz. Problematisch wird es, wenn bei Ebbe zurückweichende Wassermassen Pflanzenteile im Deichvorland abreißen und die Flut diese an die Deichkanten spült. Dadurch kann die Grasnarbe, die den Deichkörper schützt, verloren gehen.

Wasserbautrupps müssen die sogenannten Treibsel am Deichfuß regelmäßig räumen. 22.000 Tonnen pro Jahr fallen alleine an der Nordseeküste von Schleswig-Holstein an, wie Helmut Groskreutz, Leiter der Arbeitsgruppe Treibsel im Landesumweltministerium, erklärt.

Biogas aus Nordsee-Treibgut soll Strom liefern

Bisher räumten die Bautrupps die angeschwemmten Treibsel zusammen, sortierten anorganisches Material wie Plastikabfälle aus und häckselten die verbleibende organische Biomasse klein, um sie zurück auf den Deich und ins Vorland zu verblasen. Doch Schleswig-Holstein hat eine neue Verwertungsmethode gefunden: Die Hanseatische Umwelt GmbH aus Sandhagen bei Rostock will die Biomasse von den Nordseestränden abholen und daraus Strom erzeugen. "Mit dieser Lösung sind wir Vorreiter", sagt Groskreutz stolz.

Das Treibselprojekt brachte für die Hanseatische Umwelt Andreas Abdessemed ins Rollen. "Bereits jetzt steht fest, dass sich die Pflanzenreste als Substrat wirtschaftlich einsetzen lassen", sagt er. Ein Langzeit-Gärversuch stehe kurz vor dem Abschluss, für 2010 sei eine Pilotanlage geplant. Das Unternehmen könne die gesamte jährlich in Schleswig-Holstein anfallende Treibselmenge verwerten, erklärt der Betriebswirt. Hintergrund für die Bemühungen um das Strandgut seien auch die steigenden Preise für Substrate wie Mais gewesen, die auf knappen Ackerflächen gewonnen werden.

Energetische Verwertung von Algen und Seegras kompliziert

Auch an der Ostseeküste kämpfen die Gemeinden mit Seegräsern und Algen. "Ich will meinen Hotelgästen einen sauberen Strand bieten", sagt Jutta Arnold, Direktorin eines Hotels auf Rügen. Auch in diesem Jahr ließ die Unternehmerin den Strandabschnitt vor ihrer Anlage mehrmals räumen.

"Ich lasse einen Kettenbagger kommen", sagt sie. Der Räumdienst koste allerdings 160 Euro pro Stunde. Anschließend werde die Biomasse an Land gelagert, wo sie dann 14 Tage abtropft. "Und dann, obwohl das keine schädlichen Sachen sind, wird sie irgendwann ins Meer zurückgeschoben oder sie wird von Entsorgungsunternehmen abgeholt", erklärt Arnold. Die Entsorgung schlage mit 40 Euro die Tonne zu Buche.

Die Fachhochschule Flensburg untersucht seit 2007, ob auch Seegras-Algen-Gemische Energie liefern können. Verschiedene Ostsee-Treibsel ließen sich grundsätzlich vergären, meint Jens Born, Professor für chemische Technologie. Der Biogasertrag von acht bis 20 Kubikmeter bezogen auf eine Tonne Ausgangsmaterial sei jedoch gering.

Zum Vergleich: Einige Gräser bringen in etwa das Zehnfache. Zudem enthielten die Meeresanspülungen außer Biomasse auch noch 50 Prozent Sand, was ihre Verwertung erschwert. Wird es also niemals Biogasanlagen geben, die Ostsee-Treibsel verwenden? "Ich glaube, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagt Born.

Lebensmittel und Kosmetik aus Seegras

In eine andere Richtung denkt Christel Dötsch-Jutsch vom Forschungsunternehmen Aquazosta Marine Plant Biotechnology in Schwerin. Vor allem das Seegras (Zostera marina), das bereits in früheren Zeiten etwa zu Dämmzwecken genutzt wurde, sei ein wertvoller Naturrohstoff mit großem Potenzial, erklärt die Biologin. "Ich habe Wege gefunden, um daraus beispielsweise Kosmetika, Thalasso-Wellnessanwendungen, Produkte für die Ernährungswirtschaft und Arzneimittel herzustellen."

Möglicherweise lautet die Lösungsformel für das Strandgutproblem der deutschen Küsten also sowohl "Verbrennen oder Vergären", als auch "Auftragen, Essen und Heilen".

Wolfgang Müller, AP

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