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Biozide: Nervengift auf der Fassade

Von Güven Purtul

Fassade eines Wohnblocks: "Allein die Wirkstoffprüfung bei den Bioziden dauert Jahrzehnte" Zur Großansicht
DPA

Fassade eines Wohnblocks: "Allein die Wirkstoffprüfung bei den Bioziden dauert Jahrzehnte"

Gedämmte Hausfassaden setzen Gifte frei, die Mensch und Umwelt schaden können. Das Problem ist lange bekannt - doch Behörden unternehmen nichts.

Das Gift dient einem guten Zweck, es soll Schimmel verhindern. Nachts kühlen Oberflächen gedämmter Hausfassaden stark ab, da sie keine Sonnenwärme speichern und keine Wärme von innen durchlassen. Deshalb bleiben sie länger feucht, bieten gute Lebensbedingungen für Algen und Schimmelpilze. Als Gegenmittel setzen viele Maler auf biozidhaltige Putze und Farben.

Spuren der Giftstoffe finden sich allerdings in der Umwelt. Schweizer Studien zeigen, dass die Gifte vor allem in kleinen Gewässern bedenkliche Konzentrationen erreichen. Darunter sind Nervengifte wie Terbutryn, dessen Einsatz in der Landwirtschaft seit 2002 verboten ist.

Auch Menschen werden direkt bedroht: "Gefahr besteht nicht nur für die Umwelt", sagt Susanne Smolka vom Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN), "sondern auch für die Personen, die solche Putze und Farben an den Fassaden anbringen."

Zulassungsstelle für Biozidprodukte in Deutschland ist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) im Einvernehmen mit dem Umweltbundesamt und dem Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) für den Bereich Gesundheitsschutz.

Das BfR hat bisher noch überhaupt keine biozidhaltigen Fassadenschutzmittel auf Risiken überprüft. Begründung: "Dem BfR lagen bislang noch keine Anträge im Biozidzulassungsverfahren vor." Risiken würden "im Rahmen der derzeit stattfindenden Bewertungen der Wirkstoffe" geprüft, schreibt die BAuA auf Anfrage.

Verkauf ohne Prüfung

Klingt gut, allerdings läuft diese Bewertung seit über zehn Jahren. Stichtag war eigentlich der 15. Mai 2014, doch zuvor wurde das "EU-Altwirkstoffprogramm" bis 2024 verlängert. Für alle Biozide, die vor dem 14. Mai 2000 auf dem Markt waren, gilt also weiterhin eine großzügige Übergangsregelung: Sie sind "zulassungsfrei verkehrsfähig", bis die Prüfung Dutzender Wirkstoffe abgeschlossen ist.

"Allein die Wirkstoffprüfung bei den Bioziden dauert Jahrzehnte", kritisiert Smolka. "In der Zwischenzeit dürfen die Hersteller ihre Biozidprodukte ohne behördliche Prüfung weiter verkaufen". Die BAuA verweist auf das europäische Verfahren: "Im Rahmen der Biozid-Verordnung werden immer zuerst die Wirkstoffe und dann die Produkte, welche diese Wirkstoffe enthalten, einer Überprüfung unterzogen", sagt BAuA-Sprecher Christian Schipke.

Für die Wirkstoffbewertung verlange die Behörde von den Herstellern verschiedene Gutachten, etwa zur Toxikologie. Sie prüfe aber auch Umwelteinträge sowie die Wirksamkeit der Biozidprodukte: "Wenn ein biozider Wirkstoff aus einer Fassade herausgewaschen wird und dies zu einem Risiko für Gewässer und Böden führt oder dazu führt, dass dadurch die Wirksamkeit in der Fassade nicht ausreichend gewährleistet ist, kann die Zulassung verweigert werden". Doch dazu müsste eben erst mal geprüft werden.

Problem mit der Auswaschung

Für eine Abschätzung des Umweltrisikos braucht es zudem Umweltdaten, etwa über Biozide in Gewässern. Und da gibt es offenbar erhebliche Lücken: "Ein Programm zur gezielten Messung von Bioziden in der Umwelt und damit auch in Oberflächengewässern und im Grundwasser gibt es nach unserer Kenntnis bisher in Deutschland nicht", schreibt das Umweltbundesamt (UBA) auf Anfrage.

"Es gibt da ein Problem mit der Auswaschung", sagt der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Florian Pronold (SPD). Im Interview mit der NDR-Sendung "45 Min" zeigt er sich jedoch überrascht, dass die Umweltüberwachung mangelhaft ist: "Ich bin davon ausgegangen, dass ein systematisches Monitoring existiert. Dann bring ich das auf den Weg", verspricht er.

Nicht die einzige Baustelle für Pronold: Deutschen Behörden liegen bisher nicht mal Verbrauchsdaten vor: "Über die eingesetzten Mengen an Bioziden in Fassadenschutzmitteln und Putzen in Deutschland haben wir leider gar keine Informationen", schreibt das UBA. Auch Produktions- und Absatzmengen seien "leider nicht bekannt", obwohl diese Daten "dringend benötigt werden".

"Angaben liegen nicht vor"

Der Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie kann bei der Frage nach dem Biozidverbrauch nicht weiter helfen: "Angaben dazu liegen uns nicht vor", antwortet ein Sprecher. Für alle eingesetzten Wirkstoffe werde die Umweltverträglichkeit "durch strenge europäische Zulassungsverfahren sichergestellt".

Strenger ist die Marktüberwachung bei den von Landwirten verwendeten Pestiziden, trotz teilweise gleicher Wirkstoffe. "Die Hersteller von Pestiziden müssen jährlich melden, was sie hier in Deutschland vermarkten und was sie importieren bzw. exportieren", sagt Smolka, "diese Daten haben wir bei den Fassadenfarben nicht".

Pronold will nun handeln: "Wenn dieses Wissen nicht existiert, dann muss man alles tun, um die Zahlen zu bekommen".


"45 Min - Die Wärmedämmerung" im NDR-Fernsehen am 16. November 2015, 22 Uhr

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insgesamt 156 Beiträge
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1. Na und ?
westerwäller 16.11.2015
Spart doch Energie und rettet uns vor dem Klimatod! Wie die quecksilberhaltigen Energiesparlampen auch ... Wer gegen so etwas ist, fährt bestimmt auch Auto und heizt seine Wohnung über 16° Celsius ...
2.
pauschaltourist 16.11.2015
Mir reicht es bereits, dass ich im ach so toll isolierten Haus unter 8 Grad Außentemperatur morgens nach dem Aufstehen durch die ganze Wohnung laufen und bei JEDEM Fenster im unteren Bereich das dort aufgelaufene Wasser wegwischen muss. Der Vormieter betrieb diesen zeitraubenden Aufwand scheinbar weniger regelmäßig, denn überall sind an diesen Stellen schwarze Schimmelspuren zu sehen...
3. Aber wir...
Gerüchtsvollzieher 16.11.2015
"retten" doch das Klima! ! Für dieses große Ziel muß man doch die Umwelt- und Gesundheitsgefährdung als Kolateralschaden akzeptieren, oder? Die Gefährdung durch sehr oft unsinnige Gebäudedämmung interessiert nicht, ist also in D politisch gewollt.
4. Unterschiedlicher Anwendungsbereich
JaguarCat 16.11.2015
Erst einmal: Es ist verständlich, dass Pestizide strenger geprüft werden als Zusatzstoffe zu Malerfarbe. Das ergibt sich schon daraus, dass Pestizide großflächig direkt auf die Felder gespritzt werden, es also unvermeidbar ist, dass erhebliche Teile davon mit dem Regen fortgewaschen werden und dann eben in Oberflächengewässer oder gar ins Grundwasser eingetragen werden. Hinzu kommt, dass mit den Pestiziden ja überwiegend solche Pflanzen geschützt werden sollen, die wir später auch mal essen. Leider gibt es nun in der Tat das Problem, dass die genannten Fungizide auf der Oberfläche der Fassade wirken sollen. Im Inneren ist in einer gut gebauten und gut gedämmten Wand ja alles trocken - außen wasserdichter Putz, dann wasserdichte Dämmung, dann die gemauerte Wand, die von innen (wo geheizt wird) getrocknet wird. Wenn die Bewohner also nicht das Lüften vergessen (das ist aber zum Glück selten), dann kann sich Schimmel höchstens auf der Außenseite von solchen Wänden bilden, auf die die Sonne zu selten scheint, also insbesondere solchen, die nach Norden zeigen. Damit dort das Schimmelgift nun langfristig wirkt, muss es langfristig vom Putz abgegeben werden. Und damit kann immer wieder was abgewaschen werden. So gibt es tatsächlich Bedarf, das zu regulieren und den Verbrauch an Anti-Schimmel-Mittel zu minimieren. Das Problem betrifft übrigens alle Dämmsysteme und nicht nur das oft verteufelte (aber billige) Styropor. Je dicker die Wand, und je weniger innen geheizt wird, desto kälter ist es nunmal außen.
5. Wenn wir wüßten, was alles in die Umwelt gelangt!
sfk15021958 16.11.2015
Alte Analytiker-Weisheit: Man findet nur das, was man sucht! Permanent werden die Untersuchungsstellen der Überwachungsbehörden personell ausgedünnt, da helfen auch keine Analysenautomaten! Hinterher wundert man sich, welchen Noxen man in der Umwelt ausgesetzt ist!
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