Bitcoin-Boom Islands Geldschürfer

Das kleine Island mausert sich zum Hotspot für Kryptowährungen. Die dünn besiedelte Insel bietet perfekte Bedingungen für Bitcoin und Co. Kann das gut gehen?

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Aus Island berichtet


Filmen und fotografieren, sagt Philip Salter, sei schon okay - aber doch besser nur in diese eine Richtung. Der junge Münchner steht an einem Metallzaun auf einer zugigen Ebene der isländischen Halbinsel Reykjanes. Dahinter liegt eine Handvoll Leichtbauhallen. Wenn der nahe Kontrollturm des Flughafens Keflavik, so sagt Salter, auch auf den Bildern zu erkennen wäre, dann wäre das eher unpraktisch. Man wolle ja keine Diebe anlocken.

Der Mann hat einen interessanten Jobtitel: Head of Mining Operations. Doch die Hallen hinter dem Zaun sind nicht etwa der Eingang zur Mine eines Bergwerks. Sie stehen voller Computer in endlosen Regalreihen.

Das Unternehmen Genesis Mining betreibt weltweit solche Farmen. Mit jeweils Tausenden von Prozessoren werden komplizierte mathematische Berechnungen für Kryptowährungen wie etwa Bitcoin durchgeführt. Schürfen nennt man das. Und wer das macht, wird dafür in virtueller Währung entlohnt. Zuletzt war das für viele ein ziemlich einträgliches Geschäft, trotz aller Kursschwankungen.

Die Rechnerfarm, in der die Computer von Genesis Mining stehen
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Die Rechnerfarm, in der die Computer von Genesis Mining stehen

Bitcoin-Farmen gibt es in zahlreichen Ländern, etwa in China, aber auch in Kanada, Schweden und den USA. Die Gegend um Zug in der Schweiz vermarktet sich als "Crypto-Valley". Aber in Island boomt die Technologie ganz besonders.

Aus zwei Gründen: Das ganzjährig kühle, aber nicht extrem frostige Klima vereinfacht die Kühlung der Rechner - zumindest solange es gelingt, Salz aus der Meeresluft und aggressive Vulkanasche mit Filtern draußen zu halten. Und es gibt auf Island reichlich Strom, der sauber produziert wird. 85 Prozent der Energie stammen aus erneuerbaren Quellen, aus Geothermie (65 Prozent) und Wasserkraft (20 Prozent) - traumhafte Werte im Vergleich zu Ländern wie China.

"Es gibt einen ziemlichen Hype um Island und Bitcoin", sagt auch Eyjólfur Magnús Kristinsson. Als Chef des Unternehmens Advania Data Centers kann ihn das eigentlich nur glücklich machen. Magnús' Unternehmen betreibt mehrere Datenzentren auf der Insel. In den vergangenen Jahren ist die Firma nach seinen Angaben um das Zehnfache gewachsen. "2018 werden wir 70 bis 80 Prozent unseres Umsatzes mit Kryptowährungen machen", sagt Magnus. Auch Genesis hat sich bei ihm eingemietet.

Aber ist das, was mit Bitcoin und Co. gerade auf Island passiert, nur eine Blase? Ist es gefährlich für die Wirtschaft der Insel, vielleicht gar für diejenige Europas und der Welt? Ungute Erinnerungen werden wach an den jüngsten Crash. Damals hatten Islands spekulationsfreudige und lax kontrollierte Banken nicht nur das Kapital ihrer Kunden, sondern auch viel politisches Vertrauen verspielt - und auch in EU-Ländern die Krise verstärkt.

Blick über die Innenstadt von Reykjavík (Archivbild)
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Blick über die Innenstadt von Reykjavík (Archivbild)

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), auf internationaler Ebene eine Art "Superzentralbank", hatte zuletzt gewarnt, Kryptowährungen könnten Finanzstabilität bedrohen. Islands Zentralbank mag sich auf SPIEGEL-Anfrage aktuell nicht zum Thema äußern. Ein Sprecher schreibt, niemand im Haus habe Interesse, über Mining zu sprechen. Der Begriff ist in Anführungsstrichen geschrieben. Die Mail endet mit dem Verweis auf ein vier Jahre altes Statement zur potenziellen Gefahr von Kryptowährungen für Anleger und Nutzer.

Seitdem hat sich freilich einiges getan. Ein Symbol dafür ist auch Islands erster Bitcoin-Geldautomat, der im Innenstadthotel Hlemmur Square steht. Man kann das Gerät mit Geldscheinen füttern und sich dafür Kryptogeld zum Beispiel auf die virtuelle Geldbörse seines Handys laden. "Jeden Tag wird hier gekauft", sagt Hotelier Klaus Ortlieb. "Wir haben viele junge Gäste. Die können, bevor sie fahren, ihr restliches Geld in Bitcoins tauschen."

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Island: Die Insel der Bitcoins

Aufgestellt hat die Maschine der Bitcoin-Entrepreneur Jason Scott. Der stammt eigentlich aus den USA, landete im Zuge der WikiLeaks-Affäre aus Angst vor Strafverfolgung aber in Island und gründete dort die Piratenpartei mit. Er glaubt an Kryptowährungen, auch weil er dem Staat nicht traut, sagt er. Also nicht nur dem isländischen, sondern generell nicht.

"Ich hoffe auf das Beste und bereite mich auf das Schlimmste vor", so Scott. Mit Bitcoins ließen sich zum Beispiel Kapitalverkehrskontrollen umgehen, wie sie Islands Bevölkerung nach der Krise auferlegt wurden, sagt er. Und Geld verdienen lässt sich damit auch. Wer etwa an seinem Automaten einkauft, muss sieben Prozent Kommission zahlen, ein Prozent davon geht an das Hotel.

"Wir rennen einfach ein bisschen schneller als die anderen"

Aber ist überhaupt genug Strom da für die in Windeseile hingestellten Rechnerparks? In den vergangenen Wochen war immer wieder zu lesen, dass Bitcoin-Mining dieses Jahr mehr Elektrizität verbrauchen dürfte als alle privaten Haushalte Islands zusammengenommen. Diese Prognose stammt von Johann Snorri Sigurbergsson. Er ist Manager des drittgrößten Stromversorgers HS Orka, dem einzigen privaten Stromunternehmen Islands.

Im Geothermiekraftwerk Svartsengi
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Im Geothermiekraftwerk Svartsengi

"Wir rennen einfach ein bisschen schneller als die anderen", sagt Johann Snorri. Deswegen spreche man Datenzentren gezielt als Kunden an. Allein basierend auf den Wachstumszielen von Advania rechnet er dann vor, dass Islands Krypto-Schürfer in diesem Jahr 840 Gigawattstunden (GWh) an Strom verbrauchen könnten. Der Haushaltsverbrauch in Island liegt bei nur 700 Gigawattstunden.

Allerdings muss man eben auch wissen, dass Islands drei große Stromunternehmen jedes Jahr zwölfmal so viel Strom generieren, wie Krypto-Schürfen und Privathaushalte zusammen verbrauchen. Der meiste Strom des Landes geht an die drei großen Aluminiumhütten. Eine von ihnen, die Aluhütte Straumsvik, steht direkt gegenüber von einem der Advania-Datenzentren. Allein sie verbraucht in etwa 2650 GWh pro Jahr.

240 Grad heißes Wasser aus dem Untergrund

Strom ist in Island nicht knapp. Pro Einwohner produziert das Land neunmal so viel Strom wie im EU-Schnitt. Das liegt vor allem an der Geothermie. Die ist in Island so attraktiv, weil die Insel geologisch hochaktiv ist. Sie liegt auf dem sogenannten Mittelatlantischen Rücken, wo die Eurasische und die Nordamerikanische Erdplatte jedes Jahr um rund zwei Zentimeter auseinanderdriften. Daher die ganzen Vulkane, Erdbeben, heißen Quellen und Geysire.

Einer der Orte, wo sich die Faszination der Geothermie erkennen lässt, liegt etwa 20 Kilometer südöstlich des Flughafens. Wer sich über die mit Lavabrocken bedeckte Ebene der Halbinsel Reykjanes dem Kraftwerk Svartsengi nähert, sieht die mächtigen Dampfsäulen schon von Weitem. Seit 1976 wird hier durch die Kraft aus dem Untergrund Strom und Wärme gewonnen. Aus 13 Bohrlöchern strömen etwa 240 Grad heißes Wasser und Dampf.

Weltweit bekannt ist Svartsengi, weil mit der Abwärme des Kraftwerks die Badebecken der sogenannten Blauen Lagune geheizt werden, einer der größten Touristenattraktionen Islands. "Bis jetzt haben wir für das Bitcoin-Mining gar nichts investiert", sagt Johann Snorri von der Betreiberfirma HS Orka. "Wir nutzen nur überschüssige Elektrizität."

Kraftwerk Svartsengi und Blaue Lagune (Archivbild)
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Kraftwerk Svartsengi und Blaue Lagune (Archivbild)

Wegen der Krypto-Firmen ein neues Kraftwerk bauen? Oder auch nur ein neues Bohrloch für die Geothermiezentralen? Nein, das werde man erst mal nicht tun, sagt Energiemanager Johann Snorri.

Erneuerbare Energien sind im Land ohnehin nicht beliebig ausbaubar. Das hat auch damit zu tun, dass jährlich 2,1 Millionen Touristen unberührte Landschaften sehen wollen - und keine Staudämme. Für die Bitcoin-Industrie heiße das: "Es gibt eine Grenze des Wachstums", so Johann Snorri. Die Isländer scheinen bereit, mit dieser Erkenntnis zu leben. Das klingt eigentlich ganz geerdet.

Wie das Schürfen funktioniert

Das Geschäft mit Kryptowährungen hat übrigens zwei Komponenten: Man kann wie ein Glückspieler auf steigende oder fallende Kurse an den zahllosen Handelsbörsen setzen. Oder man kann Geld schürfen, wie es etwa die Kunden von Genesis Mining tun.

Und das geht so: Die Bezahlsysteme wie Bitcoin oder Etherneum sind dezentrale Systeme. Transaktionen zwischen Käufern und Verkäufern werden im Netz in sogenannten Blöcken zusammengefasst, alle Blöcke zusammen ergeben die sogenannte Blockchain. Und für diese Transaktionen müssen ständig - mit großem Rechenaufwand - Prüfsummen berechnet werden. Dadurch lässt sich Betrug beweisen. Die Computer in den Datenzentren von Island sind also eine Art Rechnungsprüfer des Bezahlsystems.

Wer Transaktionen erfolgreich prüft, schürft damit zugleich neue virtuellen Münzen. Denn diese werden dem Computerbesitzer als Belohnung für seine Dienste zugeteilt. Dadurch vergrößert sich natürlich auch die virtuelle Geldmenge.

Genesis mietet nun Hallen an und stellt dort Computer auf. Kunden können diese Rechner dann für sich arbeiten lassen. Nur wenn sie beim Rechnungsprüfen mehr virtuelle Knete verdienen, als sie an Genesis zahlen, machen sie Gewinn. Ausgezahlt werde täglich, so die Firma.

Mining-Computer im Rechenzentrum
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Mining-Computer im Rechenzentrum

Ob dieses Business auf Dauer funktioniert? Man habe "weit über eine Million Kunden", sagt Salter. Und was ist mit den massiven Kursschwankungen? Gefährden die nicht das Vertrauen? "So schlimm sieht es nicht aus für Bitcoin", so der Genesis-Mann. Betrachte man die Kursentwicklung der Kryptowährung über die Jahre, sei man aktuell bei Blase Nummer fünf. Auch die werde der Bitcoin überstehen.

Teilt nun jeder im isländischen Bitcoin-Business diese Einschätzung? Man glaube jedenfalls an die Blockchain-Technologie, die den Kryptowährungen zugrunde liegt, sagt IT-Manager Magnús. Aber selbst wenn man mit diesem Glauben falsch liege, sei das kein riesiges Problem: "Wenn Bitcoin morgen aufhören würde zu existieren, würden wir nicht pleitegehen." So beschreibt es auch Johann Snorri von HS Orka: "Wenn alle Datenzentren heute zumachen würden, dann würden wir das schon spüren. Aber der Einfluss wäre nicht riesig. Das ist nur ein Pfeiler unseres Geschäfts."

Fischer zu Investmentbankern?

Smári McCarthy sitzt für die Piratenpartei im isländischen Parlament, dem Althing. Er ist einer der ersten Politiker Islands, die sich eingehender mit dem Boom des Bitcoin-Minings auf der Insel befasst haben. "Ich glaube, dass sich da viele Möglichkeiten für uns ergeben. Wir sollten mitmachen und davon profitieren."

Seit einigen Wochen wird in Island über eine Steuer für Bitcoin-Miner diskutiert. Das Problem: Den Entscheidungsträgern fehlen die Zahlen. Wie groß ist die Wertschöpfung durch Mining im Land? Niemand weiß es. Selbst auf so simple Fragen wie die Zahl der aktiven Unternehmen gibt es derzeit keine Antwort. "Unser Einblick in das alles ist null", klagt der Abgeordnete McCarthy. Das klingt dann doch wieder ein bisschen wie in der jüngsten Krise, als auf einmal Fischer zu Investmentbankern geworden waren.

Bitcoin-Mining auf Island, das ist jedenfalls ein ziemlich verschwiegenes Geschäft. Zum Beweis holt McCarthy sein Handy aus der Tasche. Er zeigt das Foto eines Schiffscontainers. Der stehe seit einiger Zeit im Hafen seines Heimatortes auf den Westmännerinseln, ein dickes Kabel führe hinein.

Als der Parlamentarier durch ein verbogenes Lüftungsgitter nach drinnen spähte, konnte er Regale voller Computer sehen, die augenscheinlich in Betrieb waren. Auch davon zeigt er ein Foto. Offenbar werden auch auf den Westmännerinseln Krypto-Münzen erzeugt. Mittlerweile stehe sogar ein zweiter Container dort.

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Seite 1
soisses1 02.04.2018
1. Nun
das Schüfen wird grenzwertig rentabel, der Bitcoin Kurs ist für gute Gewinne nicht mehr hoch genug. Meine Prognose: Weiter nach unten bis 2500 Euro und dann schauen wir, wie es weiter geht, bzw. was davon noch übrig bleibt.
Der Artikel gefällt mir 02.04.2018
2. Ein Spekulationsobjekt ist kein Zahlungsmittel!
Wenn ich fürchten muß der Bitcoin ist morgen vielleicht 10 Prozent mehr Wert, oder umgekehrt - dann zahle ich damit nicht im Supermarkt, oder auf der Tankstelle. Dann horte ich den Bitcoin oder stosse ihn ab. Und der Energieverbrauch beantwortet die Frage, ob es intelligentes Leben im Universum gibt mit "Nein"
dirk.resuehr 02.04.2018
3. Geld
gilt als allgemeine Tauschmittel gegen Waren aller Art. Das gilt für Bitcoins nicht, obwohl es Ausnahmen gibt. Allgemein jedenfalls gilts nicht. Ergo mag ja jeder in Bitcoins investieren. Das ist Zocken und höchst unsicher. Innerhalb kurzer Zeit gewaltig gestiegen, dann nur noch 1 Drittel des Höchstwertes.Sofern Bitcoins irgendwann von jedem akzeptiert werden, kann man investieren, vorher besser nicht.
JiggiZiggi 02.04.2018
4.
Zitat von soisses1das Schüfen wird grenzwertig rentabel, der Bitcoin Kurs ist für gute Gewinne nicht mehr hoch genug. Meine Prognose: Weiter nach unten bis 2500 Euro und dann schauen wir, wie es weiter geht, bzw. was davon noch übrig bleibt.
Das hängt alles ab von der Effizienz der eingesetzten ASICs und dem Strompreis. Für den kleinen Mann mit seiner GPU ist Bitcoin Mining bei deutschen Strompreisen (30EUR-Cent je kWh) nicht mehr rentabel, für large Scale Mining mit effizienten ASICs wie etwa in Island mit billigem Strom (4,3 Dollar Cent pro Kilowattstunde) dagegen schon.
martinm70 02.04.2018
5. Als Währung hat Bitcoin keine Chance mehr
Diverse Online Händler akzeptieren sie mittlerweile schon nicht mehr da zu volatil und Transaktionen viel zu lange dauern. Diese Transaktionsdauer wird zudem immer länger werden, es ist prinzip bedingt das jede Transaktion von jedem Rechner im Bitcoin Netzwerk mitprotokolliert werden muß. Die aktuelle Blase ist ja bereits am Platzen, spätestens einem Jahr werden auch die letzten das Vertrauen in Bitcoins verloren haben und sie wird nur noch ein Spielball von Spekulanten sein. Diese Phasen wo Menschen geglaubt haben sie würde quasi aus dem Nichts reich werden gabs immer mal wieder. Früher in den 80ern gabs mal ein Kettenbrief System namens Top 12, daran kann ich mich noch gut erinnern. Gewissermaßen war quasi der erste "analoge" Versuch von Bitcoin Mining. Das Prinzip ist eh immer das gleiche. Es werden einige wenige(!) Leute damit reich, auf Kosten von 90% die dadurch eine Menge Geld verlieren :)
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