Neue Boeing-Panne Frontscheibe in Dreamliner-Cockpit gerissen

Boeing hat neuen Kummer mit seinem Dreamliner: Die Frontscheibe einer 787 auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Neu-Delhi ist kurz nach dem Start gerissen. Die Probleme mit der Scheibe sind nicht neu.

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Neu-Delhi/Frankfurt - Genau 13 Langstreckenjets des Typs Boeing 787 Dreamliner hat die Fluggesellschaft Air India in ihren Diensten. Stolz stellte man die jüngste Neuerwerbung Mitte März bei der Fachmesse "India Aviation 2014" in Hyderabad aus. Doch tatsächlich hat die Airline immer wieder Probleme mit dem vermeintlichen Vorzeigeflieger - und gerade ist ein weiteres dazugekommen. Oder besser gesagt: Es hat sich zurückgemeldet.

Weil die Frontscheibe während des Fluges einen Riss bekam, musste eine Maschine von Air India in der Nacht zum Samstag zum Startpunkt in Frankfurt zurückkehren. Eine Sprecherin des Flughafens bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass die Feuerwehr die Landung der Maschine begleitet habe. Das sei das "normale Procedere".

Eigentlich sollte der Flug AI 120 nach Neu-Delhi gehen. Doch etwa eine halbe Stunde nach dem Abflug trat das Problem an der Scheibe auf. Den Passagieren sei nichts passiert, sagte ein Sprecher von Air India. Sie sollten am Samstagabend nach einer Reparatur mit derselben Maschine nach Neu-Delhi fliegen. Die Fluggesellschaft war zunächst nicht für einen weiteren Kommentar zu erreichen. Flugzeughersteller Boeing erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE lediglich, man wisse von der vorfristigen Umkehr der Maschine - und stehe Air India, wenn nötig, mit Hilfe zur Verfügung.

Die Probleme mit der Scheibe sind nicht neu. Im November vergangenen Jahres hatte schon einmal ein Exemplar bei einer Air-India-Maschine Schaden genommen. Der Dreamliner war damals von Neu-Delhi über Sydney nach Melbourne unterwegs. Das Problem war kurz vor der Landung in Melbourne aufgetreten. Die Fluggesellschaft erklärte auch damals, es habe keine Gefahr für die Fluggäste bestanden. Schäden an Cockpitscheiben könnten jederzeit auftreten und seien kein spezielles Problem des Dreamliners.

Gehärtetes Spezialglas und Kunststofflagen

Im Januar 2013 war die Scheibe einer Boeing 787 auf einem japanischen Inlandsflug von Tokio nach Matsuyama kaputtgegangen. Auch hier hatte die betroffene Fluggesellschaft All Nippon Airways erklärt, so etwas könne bei verschiedenen Flugzeugtypen vorkommen. Man sehe keine spezifische Dreamliner-Malaise.

Schuld an solchen Rissen kann zum Beispiel eine unterschiedlich starke Hitzebelastung in den verschiedenen Teilen der Scheibe sein. Auch eine mechanische Beschädigung durch einen auftreffenden Gegenstand kann die Scheibe bersten lassen. Gefährlich wird es, wenn nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Lagen zerstört sind - dann könnte ein Druckabfall drohen.

Der Dreamliner verfügt über vier Cockpitscheiben. Hersteller ist das US-Unternehmen PPG Aerospace Transparencies. Für die Scheiben werden mehrere Lagen eines gehärteten Spezialglases ("Herculite II") verbunden, dazwischen liegen Kunststoffschichten. Die Firma unterhält weltweit mehrere Ersatzteillager, darunter in Amsterdam, um defekte Teile auszutauschen.

Der aktuelle Vorfall reiht sich ein in die lange Pannenserie des Dreamliners. Im vergangenen Herbst hatte eine Boeing 787 von Air India eine Rumpfplatte verloren - ohne dass die Crew dies bemerkt hatte. Andere Fluggesellschaften berichteten von defekten Toilettenspülungen und Heizgeräten sowie falschen Alarmsignalen. Und Brände in Batterien hatten dafür gesorgt, dass die gesamte Dreamliner-Flotte im vergangenen Jahr drei Monate lang am Boden bleiben musste.

Der Air-India-Sprecher G. Prasada Rao nannte die Probleme jetzt "Kinderkrankheiten": Die meisten seien mittlerweile behoben worden. Zuletzt hatte es Berichte über Haarrisse in Dreamliner-Tragflächen gegeben, von denen insgesamt 40 Maschinen betroffen sein sollen. Schuld daran ist nach Angaben von Boeing ein verändertes Fertigungsverfahren beim Hersteller Mitsubishi Heavy Industries. Allerdings hatte auch Konkurrent Airbus mit Rissen in den Flügeln seines Flaggschiffs A380 zu kämpfen.

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Mit Material von dpa



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
spiegelleser_wissen_wenig 10.05.2014
1. Ich hoffe dass die Probleme gelöst werden
Ich hoffe, dass Boeing die Probleme mit der 787 bald in den Griff kriegt. Sie ist immerhin das einzige größere Passagierflugzeug, dass die Insassen nicht mit ölhaltiger Luft aus den Triebwerken, die hochgiftiges Trikresylphosphat(TKP) enthält, als Atemluft versorgt.
chiefseattle 10.05.2014
2. Kinderkrankheiten
Der Dreamliner hat verhältnismässig mehr 'Kinderkrankheiten', weil sämtliche Teile von verschiedenen Firmen hergestellt werden, hauptsächlich in Japan. Boeing macht nur die Endmontage und die Testflüge. Nach dem Motto 'viele Köche verderben den Brei' wird es auch weiterhin Probleme mit der B787 geben.
Soordhin 10.05.2014
3. optional
Scheiben, genauer gesagt einzelne Schichten von Cockpitscheiben, springen relativ regelmäßig bei allen derzeitigen Verkehrsflugzeugen, das ist definitiv kein spezielles 787 Problem. Es muss wohl echt saure Gurken Zeit sein wenn man aus einem alltäglichen technischen Zwischenfall so einen reißerischen Artikel zusammenstoppelt.
Alfons Emsig 10.05.2014
4.
Auch die 787 saugt Umgebungsluft an, und wenn dies während des Startvorgangs der Triebwerke geschieht, gelangen auch hier schadstoffhaltige Abgase in die Kabine. Jedenfalls kann ich nach insgesamt 15 Flugstunden im 787 in dieser Hinsicht keinen Unterschied zu anderen Langstreckenfliegern (z.B. B777, A330 / 340) feststellen. Das gilt auch für den angeblich höheren Kabinendruck und die höhere Luftfeuchtigkeit: Subjektiv nicht besser oder schlechter. Beim Dreamliner wurde in vielen Bereichen technisches Neuland betreten. Die Cockpitfenster gehören eher nicht dazu.
susanne_tatter 10.05.2014
5. Spannend
Zitat von sysopREUTERSBoeing hat neuen Kummer mit seinem Dreamliner: Die Frontscheibe einer 787 auf dem Weg von Frankfurt nach Neu Delhi ist kurz nach dem Start gerissen. Die Probleme mit der Scheibe sind nicht neu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/boeing-787-dreamliner-frontscheibe-im-cockpit-gerissen-a-968649.html
Unabhängig davon, ob andere Flugzeuge ebenso von dem Problem betroffen sind, könnte es sich beim Dreamliner weges des sehr hohen Faserverbundanteils im Rumpf und entsprechend niedrigerem E-Modul der Rumpfstruktur um ein konzeptionelles Problem handeln, wenn die Scheiben als tragende Elemente mit dem Rumpf verklebt sind und entsprechend höher belastet werden. Aber das ist alles sehr einfach über die Elastizität des Scheibenklebers einstellbar. Das wird kein ernstzunehmendes Problem ...
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