Bomben in Europa: US-Ministerium will Alt-Atomwaffen modernisieren

Von Otfried Nassauer

Außenminister Westerwelle fordert den Abzug der letzten Atomwaffen aus Europa, doch in Washington gibt es ganz andere Pläne: Das US-Energieministerium hat jetzt sogar zwei Milliarden Dollar beantragt, um B-61-Bomben zu modernisieren - sie lagern auch in Deutschland.

US-Pläne: Alte Atombomben sollen modernisiert werden Fotos
USAF

Der Haushaltsentwurf des amerikanischen Energieministeriums enthält eine faustdicke Überraschung. Für die Jahre 2011 bis 2015 wurden fast zwei Milliarden US-Dollar beantragt, mit denen die Modernisierung der Atombomben des Typs B61 vorangetrieben werden soll. Waffen dieses Typs lagern auch in Europa, unter anderem im Eifeldorf Büchel beim Jagdbombergeschwader 33 der Bundeswehr. Insgesamt hat die US-Luftwaffe derzeit rund 150 strategische B-61-Bomben im aktiven Arsenal, hinzu kommen rund 400 Exemplare mit geringerer Sprengkraft und eine Reserve von etwa 200 weiteren Bomben.

Sie sind die letzten Überbleibsel der atomaren Hochrüstung während des Kalten Krieges in Europa. Die Bundesregierung will den Abzug der Bomben durch Gespräche in der Nato erreichen. So steht es im Koalitionsvertrag, so hat es Außenminister Guido Westerwelle öffentlich gefordert - und damit in Washington Befremden ausgelöst. Sollte die Budgetplanung des US-Energieministeriums gebilligt werden, könnte der Abzug hinfällig werden.

In den USA ist die National Nuclear Security Administration (NNSA) für die Entwicklung, den Bau und die Modernisierung atomarer Waffen zuständig. Sie ist dem Energieministerium zugeordnet und stimmt ihre Pläne mit dem Verteidigungsministerium ab. NNSA-Chef Thomas d'Agostino und Verteidigungsminister Robert Gates sind Befürworter einer umfassenden Modernisierung der US-Nuklearwaffen und der zugehörigen industriellen Infrastruktur. Beide dienten schon unter Präsident George W. Bush und befürworteten die Modernisierung alter Atomwaffen als auch die Entwicklung einer neuen Generation, des sogenannten Reliable Replacement Warhead (RRW).

Machbarkeitsstudie über Modernisierung der Bomben geplant

Die NNSA hat den Milliardenbetrag für die auch in Deutschland gelagerten B-61-Atombomben eingeplant. Der Haushaltsentwurf des US-Energieministeriums sieht zunächst eine umfassende Machbarkeitsstudie über die Modernisierung der "ältesten Nuklearwaffen im noch verbliebenen Arsenal" vor. Dabei sollen die Möglichkeiten einer Lebensdauer-Verlängerung der nuklearen und nicht-nuklearen Komponenten der Bomben untersucht werden - ebenso wie die Möglichkeit, die nukleare Kernkomponente wiederzuverwenden.

Zudem sollen die Waffe, die bisher etwa vom europäischen Tornado-Kampfjet oder amerikanischen F-15- und F-16-Flugzeugen transportiert werden kann, an die nächste Generation nuklearfähiger Jagdbomber wie den Joint Strike Fighter angepasst werden. Nach Abschluss der Machbarkeitsstudie soll die Entwicklung der Komponenten für die Modernisierung der Atombomben starten. Im neuen Haushaltsentwurf der NNSA ist dieses Projekt das größte Einzelvorhaben der kommenden Jahre. Es soll auf die Entwicklung einer weitgehend neuen Nuklearwaffe hinauslaufen, der B61, Modifikation 12.

Gänzlich neu ist der Plan nicht. Bereits im Haushaltsgesetz für 2010 hatte sich die NNSA 32,5 Millionen Dollar für erste Voruntersuchungen zur Modernisierung der B61 bewilligen lassen. Der Kongress stellte für die Bewilligung einer höheren Summe Bedingungen und machte zudem deutlich, dass er sich die Entscheidung über Arbeiten zur Modernisierung der nuklearen Komponenten vorbehalte. Ein Jahr später legt die NNSA nun nach. Aus der Voruntersuchung ist ein Milliardenprojekt höchster Priorität geworden.

Aus fünf alten sollen zwei moderne Bombenversionen werden

Es ist ein geschickter Schachzug der Befürworter einer Modernisierung der US-Atomwaffen. Bislang gibt es fünf Versionen der B-61-Atombombe. Zwei werden als Bewaffnung für strategische Bomber eingesetzt: die Version ("Mod") 7 und der atomare Bunkerbrecher, die Mod 11. Drei weitere sind taktische Atomwaffen, die im Rahmen regionaler Abschreckungssysteme wie zum Beispiel in der Nato eingesetzt werden. Dazu gehören die in Europa lagernden ältesten Waffen vom Typ B61 Mod 3 und 4, sowie - als Reserve in den USA - neuere Waffen des Typs B61 Mod 10. Dabei handelt es sich um die umgebauten Sprengköpfe abgerüsteter Pershing-II-Raketen.

Die Modernisierung soll aus bislang fünf Modellen zwei moderne Versionen machen - die bunkerbrechende Atomwaffe B61 Mod 11 und die neue atomare Mehrzweckbombe Mod 12. Diese weitgehend neue Waffe soll ab etwa 2018 sowohl von Langstreckenbombern als auch von Jagdbombern genutzt werden können.

Noch ist das Projekt nicht beschlossen. Zunächst muss US-Präsident Barack Obama entscheiden, ob die Pläne der NNSA im "Nuclear Posture Review" gebilligt werden. Obama wird den mit Spannung erwarteten Bericht, der die künftige Nuklearplanung der USA beschreibt, dem US-Kongress demnächst vorlegen.

Heftiger Streit um künftige Ausrichtung der US-Atompolitik

Über die Ausrichtung des Papiers wird seit Wochen heftig gestritten. Verteidigungs- und Energieministerium kämpfen darum, die Türen zur Modernisierung nuklearer Waffen oder gar zum Bau neuer Bomben offen zu halten. Mit Vizepräsident Joseph Biden liefern sie sich harte Auseinandersetzungen darüber, wie deutlich der Bericht zeigen soll, dass Obama seiner Vision einer atomwaffenfreien Welt auch praktische Schritte folgen lässt - und welche Möglichkeiten der nuklearen Modernisierung er sich trotzdem offen hält. Dabei geht es auch darum, ob die US-Regierung die Entwicklung neuer Atomwaffen öffentlich ausschließt.

Hans Kristensen, Leiter des nuklearen Informationsprojektes der Federation of American Scientists (FAS), sieht die Budgetforderungen des Energieministeriums als Teil des politischen Pokers um Geld: "In Washington muss man sehr viel fordern, wenn man nach all den notwendigen Kompromissen letztlich vom Kongress das Geld für seine wichtigsten Vorhaben bekommen will."

Der Haushaltsentwurf aus dem Energieministerium sei der Startschuss für die nächste Runde im Kampf um Geld. Kristensen hält es für eine hoch spannende Frage, "ob die Modernisierung der Bomben des Typs B61 letztlich gebilligt wird". Denn der Kongress habe bereits im letzten Jahr angemerkt, dass mit dem Vorhaben "auch die Tür zu neuen Atomwaffen offen gehalten werden" könne.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Das bestätigt ...
mexi42 15.03.2010
Zitat von sysopAußenminister Westerwelle fordert den Abzug der letzten Atomwaffen aus Europa, doch in Washington gibt es ganz andere Pläne: Das US-Energieministerium hat jetzt sogar zwei Milliarden Dollar beantragt, um B-61-Bomben zu modernisieren - sie lagern auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,683553,00.html
meine Ansicht: Wir sind nach wie vor Besatzungszone. Volle Souveränität hat es nie gegeben.
2. Vollkommen egal
makutsov 15.03.2010
Wo die Dinger lagern ist doch vollkommen egal. Hauptsache sie kommen nie zum Einsatz. Daher hat man wohl mehr davon sich für den Frieden einzusetzen als jetzt ein Problem künstlich zu generieren, was die letzten 30 Jahre keinen interessiert hat. Daher: Laaaaaaaaaaaaangweilig.
3. Da muß sich Guido wohl ins Zeug legen.
amir2008 15.03.2010
Die USA werden bald vor Guido erzittern. Er hat sie ja schon mal öffentlich gewarnt. Die sollen uns mal kennenlernen wie es jetzt in D zugeht.
4. Tja, ein AM hätte überlegt gehandelt
lmike, 15.03.2010
und über das Verteidigungsministerium im zuständigen NATO-Stab mitteilen lassen das die Restnutzungsdauer der Tornado-Flugzeugzellen als B61-Träger im Jahre 2015 auläuft. Ein Ersatz dieser Träger wäre nicht vorgesehen da alle finanziellen Mittel der Luftwaffe für das Projekt A400M benötigt werden. Die neuen A400M werden als wichtiger Bestandteil der Truppenversorgung in Afghanistan betrachtet. Und das dürfe unseren amerikanischen Freunden doch nicht egal sein. So und noch wesentlich filigraner läuft Diplomatie. Sich hinzustellen und lauthals nach Entfernung der Atomwaffen zu schreien dürfte wegen der unterschiedlichen Stanpunkte nur zum Gesichtsverlust für einen führen...
5. aw
kdshp 15.03.2010
Zitat von mexi42meine Ansicht: Wir sind nach wie vor Besatzungszone. Volle Souveränität hat es nie gegeben.
Hallo, da hat auch nie einer dran gezweifelt deswegen war herr westerwelles (FDP) vorstoß auch was voreilig oder absicht indem man was fordert wo man weiß es wird eh von anderen entschieden.
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Atom-Abrüstung: Die Verträge der USA und Russlands
Start I
In den Start-Abkommen haben Russland und die USA eine nukleare Abrüstung vereinbart. Die Abkürzung Start steht für Strategic Arms Reduction Treaty (Vertrag zur Verringerung der strategischen Nuklearwaffen).

Der Start-I-Vertrag wurde 1991 zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion geschlossen. Nach der allseitigen Ratifizierung trat er im Dezember 1994 in Kraft. Die Vertragsparteien vereinbarten, die Bestände der weitreichenden Systeme (über 5000 Kilometer) um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent zu verringern - auf etwa 8500 amerikanische und rund 7000 sowjetische Sprengköpfe. Der Vertrag ist am 5. Dezember 2009 ausgelaufen.
Start II
Der Start-II-Vertrag wurde im Januar 1993 unterzeichnet. Das Abkommen sieht eine weitere Verringerung der Bestände und den völligen Verzicht auf bodengestützte Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen vor.

Ursprünglich verpflichteten sich die Seiten, die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe an bodengestützten Interkontinentalraketen, U-Boot-Raketen sowie Langstreckenbombern bis Januar 2003 in zwei Stufen auf etwa ein Drittel zu reduzieren. Den USA verbleiben danach noch 3500 Sprengköpfe, Russland 3000. Russland ratifizierte den Vertrag erst im Jahr 2000. Im Streit um die US-Raketenabwehrpläne wurde er allerdings durch das Sort-Abkommen ersetzt.
Sort
2002 unterzeichneten der US-amerikanische Präsident George W. Bush und der russische Präsident Wladimir Putin einen Vertrag über die Verringerung der strategischen Atomwaffen. Nach dem bis 2012 gültigen Sort-Vertrag (Strategic Offensive Reductions Treaty) ist eine Begrenzung auf 1700 bis 2200 Sprengköpfe vorgesehen.
Start III
"Es ist der umfassendste Abrüstungsvertrag in nahezu zwei Jahrzehnten", sagt US-Präsident Barack Obama. Er unterschrieb gemeinsam mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedew am 8. April 2010 in Prag eine Abmachung, die eine Absenkung der Zahl der nuklearen Sprengköpfe in den nächsten sieben Jahren um 30 Prozent vorsieht - von je 2200 auf je 1550. Die Zahl der Trägersysteme (Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) wird dem Start-III-Vertrag zufolge auf je 800 halbiert. Das neue Abkommen soll zehn Jahre gelten.

Experten schätzen allerdings, dass sowohl die USA als auch Russland längst über eine geringere Anzahl von funktionsfähigen Atomwaffen und Trägersystemen verfügen, sie demnach gar nicht abrüsten müssen. Außerdem werden strategische Bomber im neuen Start-Vertrag als eine Atomwaffe gezählt. Im alten Abkommen galten sie als zehn Waffen.