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Brennelemente aus Jülich: Behörden rätseln über verschollenen Atommüll

Die Verwirrung ist komplett: Mehr als 2000 Brennelementkugeln aus dem Atomforschungszentrum Jülich sind verschwunden. Das Land NRW und das Bundesamt für Strahlenschutz schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Castor-Behälter in Jülich: Verwirrung über verschwundene Brennelemente Zur Großansicht
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Castor-Behälter in Jülich: Verwirrung über verschwundene Brennelemente

Hamburg/Jülich/Salzgitter - Eine Atompanne in Nordrhein-Westfalen sorgt für Empörung: Die Landesregierung vermisst nach Informationen des SPIEGEL 2285 Brennelementkugeln aus dem Forschungszentrum Jülich bei Aachen. Jetzt schieben sich Bund und NRW im Streit um den Verbleib des Atommülls gegenseitig die Verantwortung zu.

Ein Sprecher des NRW-Energieministeriums sagte, nach den in Düsseldorf vorliegenden Informationen müssten die Kugeln ins niedersächsische Forschungsbergwerk Asse gegangen sein. Einen genauen Überblick müssten aber das Bundesumweltministerium und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) haben.

Nordrhein-Westfalen sieht jetzt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in der Pflicht. "Der Vorgang ist absolut alarmierend. Die Bundesregierung, und hier insbesondere der für Strahlenschutz zuständige Bundesumweltminister, muss schnellstens lückenlos aufklären", sagte Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Es gehe "möglicherweise um hochradioaktiv belasteten Atommüll". Selbst wenn die Kugeln in Asse sein sollten, gehörten sie dort gar nicht hin. "Asse ist kein Lager für hochradioaktive Brennelemente", sagte Remmel. Zuvor hatte schon Hans Christian Markert, Atom-Experte der Grünen, im SPIEGEL den laxen Umgang mit radioaktiven Stoffen kritisiert.

Hintergrund: Sollten sie sich tatsächlich in der Asse befinden, wäre das ein schwerer Regelverstoß. Denn dort durften nur schwach und mittelradioaktive Abfälle aus der Republik gelagert werden - jedoch keine Brennelemente. Die Grünen sprachen von einem Skandal. Möglicherweise seien die Kugeln "illegal und falsch deklariert in der Asse entsorgt worden" und dort jetzt ein wesentlicher Teil des milliardenschweren Problems in dem Endlager, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer.

"Nicht nachvollziehbar, dass die Betreiber keine Auskunft geben können"

Das Bundesamt für Strahlenschutz verwies auf seine Zuständigkeit für die Asse seit 2009 und erklärte: "Aus den Unterlagen des alten Asse-Betreibers Helmholtzzentrum München geht nicht hervor, dass die jetzt vermissten knapp 2300 radioaktiven Brennelementekugeln aus dem stillgelegten Versuchsreaktor Jülich in dem Bergwerk Asse lagern." Es sei "nicht nachvollziehbar, dass der Betreiber der Jülicher Anlage und die Landesaufsicht nicht Auskunft geben können, wo die abgebrannten Kernbrennstoffe verblieben sind".

Im alten Salzbergwerk Asse sind von 1967 und 1978 insgesamt 126.000 Fässer mit Atommüll eingelagert worden - angeblich um die Endlagerung zu erforschen. Das Endlager gilt als marode und von Wassereinbrüchen bedroht. Das BfS bereitet derzeit eine mögliche Rückholung des Atommülls vor.

Der Versuchsreaktor in Jülich lief von 1966 bis 1988 und wird seitdem zurückgebaut. Er galt als Prototyp für den 1989 ebenfalls von der damaligen SPD-Landesregierung stillgelegten Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) in Hamm-Uentrop. Das Forschungszentrum Jülich gab an, dass im eigenen Zwischenlager derzeit in 152 Castorbehältern 288.161 intakte abgebrannte Brennelementkugeln plus 124 Absorberkugeln aus dem benachbarten Hochtemperaturreaktor lagern. Zudem seien in der Zeit der Entwicklung und des Betriebs des Hochtemperaturreaktors "zahlreiche abgebrannte Brennelementkugeln zu unterschiedlichen Forschungszwecken untersucht" worden.

Die THTR-Technologie unterscheidet sich deutlich von der Funktionsweise der in Westeuropa hauptsächlich verbreiteten Leichtwasserreaktoren. In den THTR sind die von einem Graphitmantel umhüllten, tennisballgroßen Brennelementkugeln übereinander aufgeschichtet. In einem einzigen Brennelement befinden sich wiederum Tausende winzige Kügelchen, die aus Plutonium, Americium und Curium bestehen. Gekühlt werden diese Reaktoren nicht mit Wasser, sondern mit Edelgasen.

sto/dapd/dpa

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1. ...
Barath 03.04.2011
Zitat von sysopDie Verwirrung ist komplett: Mehr als 2000 Brennelementkugeln aus dem Atomforschungszentrum Jülich sind verschwunden. Das Land NRW und Bundesamt für Strahlenschutz schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,754760,00.html
Das einzige was daran wundert ist, daß es an die Öffentlichkeit kommt.
2. Tja
veremont 03.04.2011
Zitat von BarathDas einzige was daran wundert ist, daß es an die Öffentlichkeit kommt.
Tja, da müssen die Ökofaschisten hinter stecken! (Ironie)
3. Eins ist sicher...
ichse-michse 03.04.2011
Zitat von BarathDas einzige was daran wundert ist, daß es an die Öffentlichkeit kommt.
... die werden die "undichte Stelle" schneller finden als ihre verschwundenen Kugeln.^^
4. genau
michi610 03.04.2011
Zitat von BarathDas einzige was daran wundert ist, daß es an die Öffentlichkeit kommt.
Dem stimme ich voll und ganz zu.
5. Tippe mal ...
llofwyr 03.04.2011
... auf schwarze Entsorgung in der Asse. Wir brauchen für verstrahltes Grundwasser übrigens gar keine AKWs mehr - wir brauchen nur zu warten, bis die ersten Fässer in der Asse korrodiert sind. Glückauf, Norddeutschland!
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