Brennglas-Effekt bei Londoner Hochhaus "Der Architekt hat nichts gelernt"

Autos schmelzen, Reporter brutzeln Spiegeleier: Der Sonnenstrahl von der Glasfassade eines Londoner Wolkenkratzers ist so potent, dass die Bauherren nun reagieren - und Schutzgerüste aufstellen. Architekten debattieren über den Brennglas-Effekt.

Von und , London


Normalerweise sorgt ein neuer Wolkenkratzer für Ärger, weil er große Teile der Nachbarschaft in Schatten versenkt. Nicht so das Walkie Talkie: Der 37-stöckige, im Bau befindliche Glasturm im Londoner Finanzviertel gibt zu viel Licht. Die konkav geschwungene Südfassade reflektiert und bündelt die Sonnenstrahlen wie ein Brennglas. Ab mittags wird der schattige Bürgersteig in einer der Nachbarstraßen Meter für Meter hell erleuchtet und brütend heiß. Der Effekt ist so stark, dass Plastik schmilzt.

"Hier, schauen Sie", sagt Ali Akay, Betreiber des Frisörsalons Re-Style in der Straße Eastcheap. Er zeigt auf das handgroße Brandloch in der Fußmatte am Eingang seines Ladens. "Das war der Lichtstrahl". Auf einmal habe die Matte zu kokeln angefangen. Nebenan vor dem Viet-Café haben sich Fliesen gelöst - angeblich auch durch das gleißende Licht.

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Reflektierender Wolkenkratzer: Hochhaus Walkie Talkie mit Brennglas-Effekt
Seit am Montag bekannt wurde, dass Außenspiegel und Armaturenbrett eines auf der Straße geparkten Jaguars in der Hitze verformt wurden, ist der Wolkenkratzer in der Fenchurch Street Stadtgespräch. Die britischen Zeitungen schreiben vom "Todesstrahl". Reporter machen sich einen Jux daraus, auf dem Bürgersteig in der Eastcheap Spiegeleier in der Pfanne zu brutzeln. Einer twitterte später, er habe sich dabei fast die Haare angesengt.

Der auslösende Effekt sei physikalisch absolut nachvollziehbar, sagt Ulrich Königs, Professor für Architektur an der Bergischen Universität Wuppertal. Simulationen der Lichtwirkung eines neuen Gebäudes würden durch Bauplaner regelmäßig durchgeführt. Allerdings gehe es in der Simulation bislang immer um ganz andere Effekte.

"Wie ein breitschultriger Banker"

Erst seit einigen Jahren könnten Hochhäuser auch in kurvigen Geometrien gebaut werden, sagt Königs. Wie eben das Walkie Talkie, das so heißt, weil es nach oben breiter wird. Der 200 Millionen Pfund teure Hingucker vom uruguayischen Star-Architekten Rafael Vinoly ist eins der neuen Wahrzeichen der Londoner Skyline. Es sehe aus wie ein "breitschultriger Banker, der aus seinem Nadelstreifenanzug quillt", kommentierte der "Guardian" einmal.

Der Brennglaseffekt der gekrümmten Fassade wird noch verstärkt, weil keine einfachen Glasscheiben mehr verbaut werden. "Um zu verhindern, dass sich die Räume im Inneren eines Hochhaus aufheizen, kommt stark reflektierendes Glas zum Einsatz - wie bei einer Sonnenbrille", sagt Königs. Drinnen bleibt es schön kühl, bei einem gewissen Sonnenstand könne es draußen aber zu dieser hochenergetischen Konzentration kommen.

Wie vor Akays Laden und dem vietnamesischen Café nebenan. Seit Dienstagabend stehen hier Gerüste mit schwarzen Netzen. Die Bauherren des Walkie Talkie haben sie eiligst errichtet, um die Nachbarn vor den Strahlen zu schützen. Zwei bis drei Wochen sollen die Vorhänge bleiben. Sobald die Sonne der Jahreszeit entsprechend tiefer steht und die Strahlen in einem anderen Winkel auf die Hochhausfassade treffen, soll sich das Problem von selbst erledigt haben.

Verkettung unglücklicher Umstände

Der Stand der Sonne lasse sich leicht simulieren, das werde in der Planung schon oft getan, sagt Architekt Königs. Allerdings gucken die Experten dabei eher auf den Schatten, den ein geplantes Hochhaus auf sein Umfeld werfen würde. Oder, welche Nachbarn durch die Reflexion der Glasscheiben beeinträchtigt werden könnten. "Eine automatische Überprüfung auf den Brennglas-Effekt gibt es nicht." Generell hänge es von der Erfahrung der Architekten und Ingenieure ab.

Was derzeit in London passiert, sei wirklich selten, sagt Königs, eine Verkettung unglücklicher Umstände. Manchmal könnte schon eine Stunde später ein anderes Lichtverhältnis die Situation auflösen. "Ein Blitzschlag in den geparkten Jaguar wäre nicht unwahrscheinlicher."

Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass Architekt Vinoly solche Schlagzeilen macht. Sein 2003 gebautes, gläsernes Vdara-Hotel in Las Vegas schickte ebenfalls einen "Todesstrahl" nach unten - direkt auf die Schwimmbad-Terrasse mit den Liegestühlen. Passanten vor dem Walkie Talkie fragen sich daher, wie ihm schon wieder solch ein Planungsfehler unterlaufen konnte. "Der Architekt hat offenbar nichts gelernt", sagt ein Mann. "Erst verbrennt er die Liegestühle in Las Vegas, jetzt setzt er London in Brand".

Die schnelle Reaktion der Immobilien-Entwickler Land Securities und Canary Wharf in London zeigt allerdings: Man will den Imageschaden auf ein Minimum begrenzen. Der Jaguar-Besitzer wurde sofort entschädigt, die betroffenen Läden mit Gerüsten provisorisch geschützt. Negativ-Schlagzeilen könnten künftige Mieter abschrecken. Wer will schon in einen Skandalbau einziehen?



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Seite 1
paoloDeG 04.09.2013
1. Der Architekt hat Archimede nicht personlich gekannt!
Der Architekt hat Archimede nicht personlich gekannt, deswegen der Architekt kennt den Brennglas-Effekt nicht! Anstatt Auto zu schmelzen, diese Wolkenkratzer könnten mit thermische Energie von der Sonne Elektrizität produzieren oder warmes Wasser! Und vieleicht damit ihren eigenen Bedarf decken! Man kann immer das Beste draus machen!
joot 04.09.2013
2. optional
Gerüste für 2 Wochen schön und gut, aber wie plant man dauerhaft mit dem Problem umzugehen? Theoretisch müsste es ja alle 6 Monate für jeweils mehrere Wochen (je nach Wetterlage) auftreten... kann ja wohl keine Dauerlösung sein?
atom2 04.09.2013
3. Unfassbar
Meines Erachtens ist dieser Vorgang absolut unfassbar. Jeder, der in Physik besser war als 5-, weiß auf den ersten Blick, daß eine konkave spiegelnde Fläche das Sonnenlicht bündeln wird und daß es dann heiß wird. Wenn dem Herren Architekten das tatsächlich zum zweiten Mal passiert sein sollte, wäre wirklich mal interessant zu erfahren, ob seine Versicherung das diesmal dann noch trägt oder diesmal grobe Fahrlässigkeit geltend macht.
physikalix 04.09.2013
4. Da will wohl jemand eine neue Fussmatte!
Mal ehrlich: Dass durch die konkave Fassade die Sonne auf die Strasse stärker fokussiert wird, OK. Dass dadurch das Licht sehr hell wird und bei stärkerer Fokusierung auch heiss wird, OK. Dass zu bestimmten Tageszeiten ein sehr heisser Fokus entstehen kann, sodass sich Fliessen lösen - kann sein. Dass aber ein kreisrunder Brennfleck von wenigen Zentimeter Durchmesser entsteht - kaum glaublich. Das hiesse, dass die Fenster in sehr grosser Präzision auf einem Parabolspiegel angeordnet sind und der Fokalpunkt sehr präzise auf dem Boden der Fussmatte liegt. Dann stellt sich die Frage: Der Brennpunkt wandert mit der Sonne, warum gibt es keine Brennspur? Die Geschicht mit den Spiegleiern ist wohl auch eher "wishful thinking". Deshalb werden auch keine bruzzelnden Eier gezeigt. Trotzdem ein Treppen-Witz der Architekturgeschichte. Langfristig wird man entweder einpaar Fenster drehen bzw. kippen müssen oder entsprechend abschatten, jedenfalls ist die Fassade dann futsch.
pinsel66 04.09.2013
5. optional
Bauvorhaben dieser Größenordnung werden üblicherweise durch Modellsimulation auf Ihre Wirkung auf das Umfeld begleitet. Das man nicht darauf kommen kann das ein Gebäude das aussieht wie ein abwärts gerichteter Ausschnitt eines Rasierspiegels auch genauso wirkt ist schon absonderlich. Ich habe allerdings auch eine Ausbildung zum Architekten durchlaufen und muss sagen das die Vermittlung von naturwissenschaftlichen oder ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen eindeutig keinen Schwerpunkt darstellten. Ein Großteil der Kommilitonen war schon mit trivialen trigonometrischen Funktionen überfordert.
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