Chemische Analyse: Womit Stradivari seine Geigen lackierte

Nein, auch die deutschen und französischen Forscher haben das Geheimnis des besonderen Klangs der berühmten Stradivari-Geigen nicht lüften können. Aber sie wissen nun, aus welchen Bestandteilen der Lack besteht - damit können sie zumindest das farbige Schimmern der Geigen erklären.

Stradivari-Geigen: Das Geheimnis des alten Lacks Fotos
AFP

Paris - In jahrelanger Kleinarbeit haben Forscher aus Deutschland und Frankreich die Zusammensetzung des Lacks der berühmten Stradivari-Geigen entschlüsselt. Es handele sich um zwei dünne Schichten eher einfacher Lacke, berichteten sie in der Fachzeitschrift " Angewandte Chemie International Edition". Ob der Lack tatsächlich wie vermutet zum einzigartigen Klang der Instrumente beiträgt, konnten die Forscher jedoch nicht klären.

Das Rätsel um die Stradivari-Geigen, die heute teilweise für Millionenbeträge verkauft werden, beschäftigt die Musikwelt seit Jahrhunderten. Oft wurde vermutet, dass außer dem verwendeten Holz auch der Lack für die außergewöhnliche Klangqualität der Instrumente verantwortlich sein könnte.

Für die Untersuchungen wurden nun fünf Violinen des italienischen Geigenbaumeisters untersucht, die im Pariser Musikmuseum aufbewahrt werden. Alle Instrumente sind in gutem Zustand und decken zudem rund 30 Jahre des Schaffens des Künstlers (vermutlich 1644 bis 1737) aus Cremona ab.

Die an den Forschungen beteiligten Chemiker, Geigenbauer und Restauratoren stellten schnell fest, dass Stradivari bei der Auswahl seiner Materialien keine besonderen Ansprüche stellte. "Er hat Bestandteile benutzt, die verbreitet und leicht zugänglich waren", heißt es in dem Artikel.

Verschiedene Pigmente fügte er zu der obersten Schicht hinzu

Eine Analyse mit dem Synchrotron-Teilchenbeschleuniger vom SOLEIL-Projekt bei Paris zeigte, dass Stradivari zunächst das Holz mit einem Öl versiegelte, das auch Maler dieser Epoche benutzten. Darüber habe er eine leicht getönte Öl-Harz-Schicht aufgetragen. Eine mineralreiche Schicht, wie sie in früheren Arbeiten vermutet wurde, entdeckten die Wissenschaftler nicht. Auch Hypothesen über die Verwendung proteinhaltiger Materialien oder fossilen Bernsteins konnten nicht bestätigt werden.

Zu der obersten Schicht fügte Stradivari rote Pigmente wie Eisenoxide sowie einen Anthrachinonfarbstoff zu, die auch in der Malerei verwendet wurden. Diese Technik könnte laut den Forschern das Schillern und die holzlackartige Oberfläche der Geigen erklären.

"Wir haben aber leider keine Belege dafür, dass der Lack einen Einfluss auf den Ton hat", sagte Jean-Philippe Echard aus dem Forschungs- und Restaurationslabor des Pariser Musikmuseums. Die Pigmente seien zudem auch nur in den vier jüngsten Instrumenten gefunden worden. Ihre Aufgabe sei es offenbar vor allem gewesen, "den Lack zu färben".

Wie genau Stradivari den Lack herstellte, sei jedoch noch nicht klar, sagte Echard und vergleicht das mit einem Kochrezept. "Bisher haben wir die Zutaten, aber wissen nicht, wie wir sie mischen sollen. Muss man zuerst den Zucker mit den Eiern reintun oder kommt das Mehl zuerst?"

Das wollen die Forscher jetzt in neuen Experimenten herausfinden. Auf jeden Fall sei das neue Wissen über den Lack hilfreich für das Konservieren der wertvollen Instrumente, sagte der Chemiker. Auch heutige Geigenbauer seien sehr interessiert - sie versuchten schon lange, bei ihren Instrumenten einen ähnlichen optischen Schimmereffekt wie Stradivari zu erzielen.

Wissenschaftler sind seit Jahrzehnten dem Klanggeheimnis der heute zum Teil millionenteuren Stradivari-Instrumente auf der Spur. Zuletzt durchleuchtete unter anderem ein Mediziner Stradivari-Geigen mit einem Computertomografen. Er fand heraus, dass in der Dichte des Holzes eine Erklärung für den einzigartigen Klang der Instrumente liegen könne. Stradivari gilt als der berühmteste Geigenbauer aller Zeiten. Er fertigte im Laufe seines Lebens mehr als tausend Saiteninstrumente. Heute sind nach Schätzungen noch etwa 600 Instrumente erhalten.

lub/dpa/AFP

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