Alarmierender Senatsbericht In US-Waffen stecken massenhaft gefälschte Chips

Der US-Senat ist zutiefst beunruhigt: In amerikanischen Waffensystemen sind große Mengen gefälschter Elektronikteile verbaut worden, die meisten stammen aus China. Experten fürchten, dass die Billigware auf dem Schlachtfeld versagt - eine potentiell tödliche Gefahr für die Soldaten.

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AP

Gefälschte Elektronikteile sind für Privatnutzer ein Ärgernis, für Soldaten sind sie eine potentiell tödliche Gefahr. Ein Report des US-Senats hat jetzt aufgedeckt, dass eine wahre Flut minderwertiger Ware ihren Weg in amerikanische Waffensysteme findet - die meisten Teile stammen aus China.

"Zutiefst beunruhigend" sei, was man da herausgefunden habe, sagte US-Senator Carl Levin bereits im vergangenen November. Der US-Rechnungshof GAO hatte zuvor über eine Scheinfirma 16 elektronische Bauteile für Waffensysteme bei 13 chinesischen Lieferanten eingekauft. Das Ergebnis: Alle 16 Teile waren Fälschungen. Sieben davon kommen unter anderen in Flugzeugen wie dem Kampfjet F-15 und dem Schwenkrotor-Transporter V-22 zum Einsatz.

Jetzt hat der US-Senat einen neuen, wesentlich umfangreicheren Bericht vorgelegt. In einem Zweijahres-Zeitraum von 2009 bis 2010 hatte ein fünfköpfiges Team die Materialbeschaffung des Militärs geprüft. "Das Problem der gefälschten Bauteile ist in der militärischen Beschaffungskette weit verbreitet", resümiert das Committee on Armed Services des US-Senats im schönsten Beamtenjargon. Mit anderen Worten: Es gibt minderwertige Chips, wohin man blickt.

Die Prüfer hätten sich lediglich einen Teil der Beschaffungskette angesehen und schon dort rund 1800 Teile entdeckt, die vermutlich gefälscht waren. Diese bestanden ihrerseits aus diversen Komponenten. Am Ende seien rund eine Million verdächtige Artikel zusammengekommen.

"China ist das Epizentrum des globalen Handels mit Fälschungen"

Bei 126 der 1800 verdächtigen Bauteile schauten die Rechercheure genauer hin - und es zeichnete sich schnell ab, woher die Ramschware hauptsächlich kam: "China ist das Epizentrum des globalen Handels mit Fälschungen", heißt es in dem 122 Seiten starken Bericht. Dafür gebe es "überwältigende und unbestreitbare Beweise".

Der Ausschuss übt scharfe Kritik an Peking: "Die chinesische Regierung unternimmt nichts gegen das Geschäft mit Fälschungen, das in dem Land offen betrieben wird." Mehr als 70 Prozent der 126 genauer verfolgten Bauteile habe man nach China zurückverfolgt. Auf Platz zwei folgt Großbritannien mit einem Anteil von elf Prozent und Kanada mit neun Prozent.

Dem Bericht zufolge steckt die Ramschware zum Teil in millionenschweren Waffensystemen - unter anderem im Kampfhubschrauber AH-64 "Apache", im Marine-Helikopter SH-60B "Seahawk", in diversen Transportflugzeugen und sogar im Missionscomputer der "Thaad"-Rakete, einem wichtigen Bestandteil des US-Abwehrsystems gegen ballistische Atomraketen.

Der Report listet einige Beispiele im Detail auf:

  • Im Marine-Helikopter SH-60B fanden sich gefälschte Teile in Infrarot-Zielgeräten. Fallen sie aus, kann der Pilot in einem Gefecht seine "Hellfire"-Raketen nicht mehr einsetzen und bei Nacht keine Ziele mehr identifizieren oder Gefahren erkennen.
  • In Transportflugzeugen der Typen C-130J "Hercules" und C-27J "Spartan" sowie im Marine-Transporthubschrauber CH-46 "Sea Knight" wurden gefälschte Komponenten in Bildschirmen verbaut, die über den Zustand der Triebwerke, den Spritverbrauch und den aktuellen Standort informieren. Der Hersteller der Chips, eine Firma im chinesischen Shenzhen, hat laut dem Senatsbericht rund 84.000 vermutlich gefälschte elektronische Bauteile an das Pentagon geliefert. "Viele dieser Teile wurden in militärische Flugzeuge eingebaut."
  • Auch die P-8A "Poseidon", eine für Schiffs- und U-Boot-Bekämpfung umgebaute Boeing 737, ist betroffen. 2009 flog ein Eisdetektor an Bord einer Boeing-Maschine einfach aus seiner Halterung. Erst anderthalb Jahre später, im August 2011, warnte Hersteller Boeing die US-Marine. Offenbar hatte ein chinesischer Lieferant gebrauchte Teile als Neuware verkauft.

Von den minderwertigen Bauteilen können große Gefahren ausgehen. Militärische Teile, so heißt es in dem Bericht, müssten etwa in größeren Temperaturbereichen funktionieren als industrielle oder kommerzielle Komponenten. Unter den teils extremen Bedingungen des Schlachtfelds kann das für Soldaten lebensrettend sein.

Russisches Roulette unter Gefechtsbedingungen

"Fälscher entfernen oft die Teilenummer des Herstellers", so der Bericht. "Solche Komponenten können grundlegende Prüfungen bestehen, aber im Feld versagen, wenn sie extremen Temperaturen oder anderen Belastungen ausgesetzt sind." Der Senat zitiert den Präsidenten des Branchenverbands Semiconductor Industry Association mit der Aussage, der Einsatz gefälschter Komponenten beim Militär sei "russisches Roulette": Ausgerechnet im Gefecht - dem Moment der größten Belastung - könnten minderwertige Teile den Dienst einstellen.

Der US-Senat veranlasste auch eine genauere Prüfung der verdächtigen 1800 Bauteile durch die Missile Defense Agency (MDA), die für das Raketenabwehrsystem zuständig ist. Die Ergebnisse waren erschreckend. Die MDA konnte die Leistungsklassen von rund 60 Prozent der 1800 Bauteile identifizieren. Nur 20 Prozent waren demnach für den militärischen Einsatz geeignet. 50 Prozent waren lediglich für die industrielle und 30 Prozent für die kommerzielle Nutzung bestimmt oder sogar von noch geringerer Qualität.

Die MDA stieß dabei auf ein weiteres pikantes Detail. Bei 1500 der 1800 verdächtigen Komponenten konnte sie den Produktionsstatus in Erfahrung bringen. Das Ergebnis: 30 Prozent der Teile wurden im Mai 2011 noch immer hergestellt. Zudem bezögen zahlreiche Firmen in der Beschaffungskette des Militärs ihre Ware von unabhängigen Zulieferern - anstatt vom Originalhersteller oder autorisierten Lieferanten. "Und das, obwohl die Gefahr des Kaufs gefälschter Teile bei unabhängigen Zulieferern bei weitem größer ist", kritisiert der Senatsausschuss. Hinzu komme die kaum überschaubare Zahl an Zulieferern: Allein die 1800 verdächtigen Bauteile kamen von mehr als 650 Unternehmen, von denen jedes wiederum ein ganzes Netz von Lieferanten habe.

Das Urteil des Senatsausschusses fällt vernichtend aus: Die Nachforschungen "haben eine Beschaffungskette offengelegt, die sich beim Einkauf elektronischer Bauteile für unsere sensibelsten Verteidigungssysteme auf Hunderte ungeprüfte Firmen verlässt". Das führe zu einem "nicht hinnehmbaren Risiko für die nationale Sicherheit und die Sicherheit von US-Militärausgaben".

Verwunderlich erscheint das allerdings kaum, denn unter steigendem Zeit- und Kostendruck erwerben die Streitkräfte vieler Staaten immer öfter Material bei kommerziellen Anbietern, anstatt für mehr Geld eigenes Gerät zu entwickeln. Das gilt auch für reiche Industrienationen wie die USA - wo etwa in Kampfhubschraubern gewöhnliche iPads und Smartphones Dienst tun.

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metzelkater 22.05.2012
1. Wie bescheuert ist das Pentagon bitteschön?
Die machen sich nur Sogen um minderwertige Qualität? Dann soltlen sie mal überlegen, was im Falle eines bewaffneten Konfliktes mit China oder einem Verbündeten der Chinese passieren könnte: Der Chinesische Soldat drückt ein Knöpfchen und das amerikanische Waffensystem versagt. Zumindest würde ich mir diverse hintertürchen einbauen, wenn ein potentieller Gegner bei mir Chips für die Waffentechnik einkauft. Auch wenn es teurer ist, in solche System dürfen eigentlich nur Chips aus eigener Produktion rein.
sehdarm 22.05.2012
2.
Zitat von sysopAPDer US-Senat schlägt Alarm: In amerikanischen Waffensystemen sind große Mengen gefälschter Elektronikteile verbaut worden, die meisten stammen aus China. Experten fürchten, dass die Billigware auf dem Schlachtfeld versagt - eine tödliche Gefahr für die Soldaten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,834445,00.html
Was wohl erst los ist, wenn bei der nächste Studie die ganzen Hintertürchen entdeckt werden?
Suppenhahn 22.05.2012
3. Sehr unwahrscheinlich
Einige der behaupteten Imitate sind derart komplex, dass eine Nachahmung Unmengen von Geld gekostet haben würde. Eher muss man wohl annehmen, dass hier einige Hersteller Fehlproduktionen aus eigener Herstellung wegwünschen. Beziehungsweise den Käufer grundsätzlich angelogen haben, was die Eigenschaften der betreffenden Teile angeht.
jens.kramer 22.05.2012
4. Unglaublich
Irgendwann geht die Welt unter weil die Schnäppchenjäger im Pentagon China.Ramsch eingekauft haben. Da braucht Putin nur mal sauer sein weil seine Olga fremdgeht und sein Erstschlag gegen die Welt wird aufgrund gefälschter Chips unbeantwortet bleiben. Ich bin fassungslos und werde nach Moskau übersiedeln, oder Peking.
akmsu74 22.05.2012
5. das kommt davon...
...wenn man Privatunternehmen an lebenswichtige Sachen ran lässt... Ver- und Entsorgung, Infrastruktur und Sicherheit haben in Privathand NICHTS verloren!
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