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Chinas Aufrüstung: Amerika fürchtet den Machtverlust im Pazifik

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In rasantem Tempo verstärkt China sein Militär - und verunsichert damit Washington: In einem neuen Bericht warnt das Pentagon vor Pekings Aufstieg zur regionalen Streitmacht. Verlieren die USA schon in wenigen Jahren die Vorherrschaft im Pazifik?

Chinas Rüstung: Flugzeugträger und Tarnkappenbomber Fotos
REUTERS/ CCTV

Viel Masse, kaum Klasse - so lautete lange Zeit das Urteil westlicher Experten über Chinas Volksbefreiungsarmee. Doch das ändert sich seit einigen Jahren, und zwar in atemberaubendem Tempo. Mit ungeheurem Finanzaufwand modernisiert Peking seine Streitkräfte.

Die USA reagieren zunehmend verunsichert auf diese Entwicklung - ablesbar unter anderem an den jährlichen Berichten des Pentagon über Chinas militärische Entwicklung. In der neuen Version, die das US-Verteidigungsministerium jetzt vorgelegt hat, steht zwar auf den ersten Blick wenig Neues im Vergleich zum Bericht von 2010. Doch an mehreren Stellen wird deutlich: Die USA fürchten zunehmend um ihre Vormachtstellung im Pazifik.

Nach wie vor ist China - darin stimmt das Pentagon mit den meisten Fachleuten überein - weit davon entfernt, einen direkten Waffengang mit den USA gewinnen zu können. Zu groß ist der Vorsprung der Amerikaner in Sachen Technologie, Erfahrung und in netzzentrierter Kriegsführung.

Dennoch können die Chinesen die USA an einer Stelle schon jetzt empfindlich treffen: Mit ihren neuen Waffensystemen können sie die Fähigkeit der Amerikaner, ihre Macht im Pazifik auszuüben, stören und stellenweise sogar unterbinden.

Diese sogenannten Anti-Access/Area-Denial-Fähigkeiten, kurz A2/AD, sind im aktuellen Bericht erneut ein wichtiges Thema. Dahinter verbirgt sich die Strategie, einem technisch überlegenen Feind mit relativ einfachen Mitteln den Zugang zu strategisch wichtigen Gebieten zu verwehren - etwa indem man an den Küsten Anti-Schiffsraketen stationiert und es für Flugzeugträger zu riskant macht, in ein bestimmtes Seegebiet vorzudringen.

Machtposition der USA im Pazifik wackelt

Die USA sehen dadurch ihren Machtanspruch im Pazifik bedroht, der in erster Linie mit Flugzeugträgern demonstriert und durchgesetzt wird. Die riesigen, leicht zu ortenden und verwundbaren Schiffe in konfliktbeladene Gebiete wie die Taiwan-Straße zu schicken, könnte durch Chinas neue Waffensysteme schlicht zu gefährlich oder zu kostspielig werden.

Taiwan, das von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird, taucht im neuen Pentagon-Bericht explizit als Ziel chinesischer Ambitionen auf - vermutlich ein Grund für die heftige Reaktion Pekings auf den Report. "Bis 2020 wird die Volksbefreiungsarmee ihre militärischen Optionen für Taiwan wahrscheinlich stetig erweitern", heißt es in dem Bericht. Pekings Ziel laute "deter, delay, deny": Andere Mächte sollten abgeschreckt werden, zugunsten Taiwans zu intervenieren, so dass eine solche Operation verzögert oder ganz verhindert werde. Mit anderen Worten: Sollte China in Taiwan einmarschieren, könnten die USA der Inselrepublik womöglich nicht mehr beistehen.

Entsprechend beunruhigt gibt sich das Pentagon. Tempo und Umfang der chinesischen Aufrüstung "könnten das militärische Gleichgewicht in der Region destabilisieren und zu Missverständnissen und Spannungen mit den Nachbarn führen", heißt es in dem Bericht.

2020 wird darin zum Alptraum-Datum für die US-Strategen. "Die Volksbefreiungsarmee ist auf dem besten Weg, ihr Ziel zu erreichen, bis 2020 ein modernes Militär mit regionalem Fokus aufzubauen", heißt es. So plane Peking, bis zu diesem Termin ein aus 35 Satelliten bestehendes System mit globaler Abdeckung im Orbit zu haben, heißt es im Pentagon-Bericht.

Offensive im Orbit

Satelliten sind unter anderem wichtig, um ballistische Raketen mit Zielkoordinaten zu versorgen. Im Mittelpunkt amerikanischer Sorgen steht die Dongfeng-21D. Nur ein Geschoss dieser Art soll in der Lage sein, einen Flugzeugträger zu versenken. Als die ersten Berichte über das System auftauchten, gaben Experten noch Entwarnung - weil sie der Meinung waren, die Chinesen könnten eine ballistische Rakete nicht präzise genug steuern, um ein bewegliches Ziel wie ein Schiff zu treffen.

Doch dann erschien Mitte Juli eine Studie im "Journal of Strategic Studies", die erste Zweifel weckte: Die Chinesen, hieß es, würden schon bald die Fähigkeit besitzen, Raketen wie die DF-21D per Satellit ins Ziel zu lenken. Der neue Pentagon-Bericht führt die DF-21D zudem als atomwaffenfähig auf. Auch der aufreizend öffentliche Erstflug eines neuen chinesischen Stealth-Kampfjets und Fotos einer Tarnkappen-Drohne trugen nicht eben zur Beruhigung in den USA bei.

Zugleich arbeitet Peking am Aufbau einer eigenen Flugzeugträgerflotte. Einen ehemals ukrainischen Flugzeugträger, die "Warjag", haben die Chinesen bereits umgerüstet und auf Jungfernfahrt geschickt. Das Schiff soll inzwischen "Shi Lang" heißen - benannt ausgerechnet nach jenem chinesischen Admiral, der 1681 Taiwan erobert hat.

Doch Fachleute vermuten, dass es sich bei dem Koloss vor allem um eine Test- und Trainingsplattform handeln soll. Das Pentagon vermutet, dass China noch in diesem Jahr mit dem Bau eines eigenen Trägers beginnt, der 2015 einsatzfähig sein könnte. Unsicher ist dagegen, ob die Chinesen dann auch schon genug Know-how für Start und Landung von Kampfflugzeugen auf See gesammelt haben.

Die neuen Fähigkeiten könnten die Chinesen dazu verführen, ihr Militär einzusetzen, "um diplomatische Vorteile zu erzielen, ihre Interessen voranzutreiben oder Konflikte in ihrem Sinne zu lösen", sagte Michael Schiffer, Ostasien-Experte des Pentagon, bei der Vorstellung des Berichts in Washington.

"90.000 Tonnen Diplomatie"

Dieser Satz steht auch in dem Papier selbst - und zeigt die Furcht der USA, von China mit den eigenen Waffen geschlagen zu werden. Flugzeugträger etwa werden von den USA seit jeher als politisches Mittel eingesetzt. "Wir bringen 90.000 Tonnen Diplomatie in den Pazifik", sagte US-Admiral Thomas Rowden über den Träger USS "Ronald Reagan", als der im Sommer 2010 gemeinsam mit anderen Schiffen ein Manöver in der Region durchführte. "90.000 Tonnen Diplomatie" ist inzwischen eine Umschreibung für Flugzeugträger, die in Powerpoint-Präsentationen des US-Militärs und sogar als Logo auf T-Shirts auftaucht.

Nicht weniger bekannt ist ein Satz von Bill Clinton, der als US-Präsident den Flugzeugträger USS "Theodore Roosevelt" besuchte: "Wenn in Washington von einer Krise die Rede ist, fragt jeder als Erstes: 'Wo ist der nächste Flugzeugträger?"

Behält das Pentagon mit seinem Bericht recht, dürfte diese Art der amerikanischen Machtprojektion bald Geschichte sein - zumindest in Teilen des Pazifiks. Selbst auf Feldern, die eher fürs Prestige wichtig sind, wollen die Chinesen die USA demnach abhängen: Bis 2020 plane Peking die Einrichtung einer permanent bemannten Raumstation, 2030 wolle man auf dem Mond landen.

Die USA haben ihre Pläne für eine Rückkehr zum Erdtrabanten dagegen begraben - sie sind schlicht zu teuer. Geldmangel bereitet auch US-Militärs Kopfzerbrechen, während die Chinesen ihre Militärausgaben rapide ausbauen. Zuletzt kündigte Peking im März eine Steigerung des Budgets um 12,7 Prozent auf 91,5 Milliarden Dollar an.

In Wahrheit, so schätzt das Pentagon, hat China 2010 sogar 160 Milliarden Dollar in seine Streitkräfte gesteckt. Das ist zwar immer noch weniger als ein Viertel des US-Militärbudgets, das 2010 bei 721 Milliarden Dollar lag. Doch das Pentagon muss sich in den kommenden Jahren voraussichtlich auf Kürzungen einstellen - die Chinesen holen schnell auf.

Kein Geringerer als Admiral Mike Mullen - als Generalstabschef immerhin der höchste Soldat der USA - hat die Verschuldung als größte Bedrohung für die nationale Sicherheit bezeichnet. Dennoch sucht man ein Wort vergeblich im neuen Pentagon-Bericht: Schulden.

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1. US-Engagement in "Failed States" Asiens versus China und Indien
Sumerer 25.08.2011
Zitat von sysopIn rasantem Tempo verstärkt China sein Militär - und verunsichert die damit Washington: In seinem neuen Bericht warnt das Pentagon vor Pekings Aufstieg zur regionalen Streitmacht. Verlieren die USA schon in wenigen Jahren die Vorherrschaft im Pazifik? http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,782440,00.html
Die schon jetzt den asiatischen Kontinent beherrschenden Staaten sind China und Indien. Darüber täuschen auch ein paar Flugzeugträger der USA mehr - in dieser Region - nicht mehr hinweg.
2. ..
marcuswd, 25.08.2011
"Die neuen Fähigkeiten könnten die *????* dazu verführen, ihr Militär einzusetzen, "um diplomatische Vorteile zu erzielen, ihre Interessen voranzutreiben oder Konflikte in ihrem Sinne zu lösen" von welchem Land ist hier die Rede? USA könnten gut dazu passen.
3. Supermächte werden immer kurzlebiger
UHamm 25.08.2011
Das Römische Reich,seinerzeit die Weltmacht schlechthin, überdauerte 500 Jahre. Die USA, seit dem 2. Weltkrieg Weltmacht, geht dem Niedergang entgegen- nach etwa 70-80 Jahren. Auch China wird nicht ewig Weltmacht sein können. Die Welt wird sich ohnehin anders entwickeln als gedacht. Die Zeit der Ausbeutung von armen Ländern wird bald enden. Es werden neue Mächte entstehen (z.B. Indien). Ich bin auch nicht sicher im Hinblick auf die Vergangenheit des Pazifikraumes, ob eine Ablösung der US- Vorherrschaft überhaupt nachteilig sein kann.
4. Überraschung?
natschos83 25.08.2011
Warum sollte China auch nicht in der Lage sein den Vereinigten Staaten das Zepter abzunehmen. Für mich eine logische Konsequenz. Das Chinesische Volk ist fleißig, loyal, zäh und hat verhältnismäßig niedrige Ansprüche was die Verwirklichung individueller Interessen angeht. Die "Einer für alle" Mentalität macht dieses Milliardenvolk brandgefährlich.
5. Nichts neues
maka2 25.08.2011
Die chinesische Regierung hat schon in den letzten Jahrzehnten praktisch immer nach dem selben Muster gehandelt Was manchmal als konfliktfreudig erscheinen mag, ist letztendlich doch immer grundlegend pragmatisch. Anders als die Amerikaner, Russen, und auch die EU, mach China schon seit einiger Zeit eigentlich nichts mehr aus ideologischen Gründen. Wenn es Profit macht und die eigene Position der Stärke ausbaut, dann wird gehandelt. Wenn es profitabler ist nichts zu tun, dann wird das gemacht. China lässt sich einfach nicht in Zugzwang nehmen. Sie müssen niemandem etwas beweisen, weder dem Ausland, noch der eigenen Bevölkerung. Aus einer Konfrontation mit den Nachbarn kann China keinerlei Vorteile erlangen. Dann verfängt man sich nur in teuren und langen Militär-Aktionen und der Handel mit Amerika und Europa bricht ein. Man zahlt nur drauf und hat nichts zu gewinnen. Sollte aber die USA still und leise in den Hintergrund treten, dann wird eine Stelle für die regionale Vormacht frei. Es wäre hochgradig unvernünftig, wenn China da jetzt nich langsam anfangen würde sich die Schuhe anzuziehen. Eine Position von hohem Einfluss wird frei, und China kann den Posten wiederstandslos übernehmen. Und wenn man dafür mehr militärisches Equipment braucht, dann wird das eben gekauft, so einfach ist das. Der einzige Haken ist, dass autoritäre Unterdrückung nur richtig gut funktioniert, wenn die Bevölkerung arm ist und nicht die müßige Zeit hat über Menschenrechte nachzudenken, oder die Möglichkeiten sich miteinander auszutauschen. Und jetzt wo man den Lebensstandard stätig und zügig am steigen hat, wird es immer schwieriger die Leute dazu zu bringen sich auf ihren Brot-Erwerb zu konzentrieren und nicht über mehr Freiheiten und Demokratie nachzudenken. Bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt.
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