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Umstrittene Klimaschutztechnik

Altmaier lässt unterirdische Abgas-Speicher prüfen

Kohlendioxid unter der Erde speichern - unkalkulierbares Risiko oder Hoffnung für den Klimaschutz? Das Wirtschaftsministerium untersucht, ob, wann und wie sich diese Speicher bauen lassen.

Von

DPA

Stahlwerk in Duisburg (Nordrhein-Westfalen)

Mittwoch, 12.09.2018   06:50 Uhr

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Es ist eine der umstrittensten Technologien zum Klimaschutz: das Einlagern von Kohlendioxid im Untergrund, bekannt als Carbon Capture and Storage oder kurz CCS. Das Bundeswirtschaftsministerium lässt dieses Verfahren nun genauer untersuchen. Das Ressort von Peter Altmaier (CDU) hat dazu ein externes Gutachten in Auftrag gegeben.

Für die Regierung sollen die Experten ermitteln, "welche Infrastrukturen erforderlich sind" und ab welchem Punkt es sich lohne, "eine Infrastruktur überhaupt aufzubauen". Für solche neuen Technologien seien "weitere Ausbaupotenziale" zu diskutieren. Bei CCS geht es laut Wirtschaftsministerium um Speicherstätten und Leitungen.

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Die Beamten wollen wissen: Welche Flächen werden gebraucht, welche kommen infrage? Was würde es kosten? Wie lange dauert die Umsetzung? Am Ende des Fragenkatalogs findet sich auch der Punkt Akzeptanzprobleme. Zumindest die müssten im Ministerium eigentlich gut bekannt sein.

REUTERS

Kohlelager in Bottrop (Archivbild)

Unter Slogans wie "CO2ntra Endlager" hatten um das Jahr 2010 Tausende Demonstranten gegen Pläne für "CO2-Klos" protestiert. RWE und der damalige Eigentümer Vattenfall erprobten in dieser Zeit das Abscheiden des Klimagases in Braunkohlekraftwerken.

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In einem Versuchsprojekt für die Bundesregierung leitete das Deutsche Geoforschungszentrum (GFZ) zwischen 2008 und 2013 insgesamt 67.000 Tonnen Kohlendioxid in den Untergrund bei Ketzin in der Nähe von Potsdam. Die Wissenschaftler untersuchten, wie sich das Gas ausbreitet, wenn es nicht einfach in leere Erdgasfelder gepumpt wird, sondern in salzwasserführende Schichten 630 Meter unter der Oberfläche.

Im Untergrund muss das eingefangene Kohlendioxid jahrtausendelang bleiben, wenn die CCS-Technologie dem Klima helfen soll. Kritiker befürchten aber, dass sich das Kohlendioxid allmählich doch Wege in die Atmosphäre bahnt. Das teure Abscheiden des Kimakillers aus den Abgasen wäre umsonst gewesen.

Auf seinem Weg durchs Gestein könne das CO2 zudem Schadstoffe freisetzen, gibt das Umweltbundesamt zu bedenken. Das Gas könne auch tief eingeschlossenes Salzwasser nach oben drängen, sodass Grundwasser, Seen oder Böden versalzen.

Die Bedenken und öffentliche Proteste wirken bis heute. Kaum ein Kohlekonzern spricht noch über das Einlagern des Treibhausgases. Aber in Zeiten, in denen Deutschland ein Klimaziel nach dem anderen verfehlt, beginnt die Diskussion um CCS erneut - allerdings mit einem anderen Akzent als vor einem Jahrzehnt.

"Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie ernst wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens nehmen und welche Konsequenzen daraus folgen", sagt der ehemalige BGR-Präsident Hans-Joachim Kümpel, der inzwischen ein Projekt der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) zu Klimaschutz in der Industrie leitet. "Ein Ergebnis dieser Diskussion sollte auch die Entscheidung sein, ob wir die CCS-Technologie für Emissionen aus dem Industriesektor wollen oder nicht. Dabei sprechen wir explizit nur über solche Emissionen, die produktionsbedingt unvermeidbar und auch chemisch nicht verwertbar sind."

Industriegase durch technische Innovationen vermeiden

Damit gemeint sind zum Beispiel Emissionen, die bei der Produktion von Stahl, Zement und Chemikalien entstehen und sich nicht einfach durch Ökostrom vermeiden lassen. Laut Umweltbundesamt waren das 2016 rund sieben Prozent aller deutschen Treibhausgase, pro Jahr fallen so 62 Millionen Tonnen an.

Einen Aufruf von acatech zu einer neuen Debatte über die Speicherung oder Verwertung von CO2 unterzeichneten im vergangenen November auch Umweltschutzorganisationen wie der WWF und Germanwatch sowie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Nach den Maßstäben der Klimapolitik drängt die Zeit, weil schon ab 2030 die Emissionen der Industrie bei der Produktion von Stahl, Zement und Chemikalien sinken sollen. Das hat sich die Bundesregierung in ihrem Klimaschutzplan 2050 vorgenommen. Zunächst will Berlin versuchen, die Industriegase durch technische Innovationen zu vermeiden oder in neuen Produkten wie Kunststoffen zu nutzen. "Daran anschließend ist, falls zusätzlich erforderlich, auch eine mögliche Rolle von CCS in diesem Kontext zu prüfen", heißt es in dem Papier.

Mit dieser Verpflichtung begründet das Wirtschaftsministerium auch die aktuelle Untersuchung für eine mögliche CCS-Infrastruktur in Deutschland. Wie die laufenden Arbeiten an neuen Stromtrassen zeigen, dauern solche Großprojekte leicht ein bis zwei Jahrzehnte.

Treibhausgas-Bunker vor England

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, hat die vergangene Bundesregierung sogar schon Pläne für CCS-Anlagen in Deutschland vorangebracht. Im November 2017 veröffentlichte die EU-Kommission eine neue Liste mit 173 Vorhaben zum Ausbau der Energieinfrastruktur, welche die Mitgliedstaaten als Projekte von gemeinsamem Interesse einstufen. Ausgewählte Kandidaten haben zum Beispiel Anspruch auf einfachere Genehmigungsverfahren. Zu den Vorhaben gehören auch CCS-Terminals am Rhein.

In ihnen soll CO2 verflüssigt und mit Tankschiffen nach Rotterdam transportiert werden. Vor der englischen Küste soll das Kohlendioxid schließlich in Gesteinsformationen unter dem Meeresgrund gepumpt werden. Angestoßen haben das Projekt mit dem Namen "Teesside CO2 hub" mehrere Gemeinden und energieintensive Industriebetriebe aus dem Nordosten Englands, von ihnen kommt ein Großteil der zu versenkenden Treibhausgase. Falls die Investitionsentscheidung positiv ausfällt, soll der Treibhausgas-Bunker vor England 2025 in Betrieb gehen. Später könnten dann Importe aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland folgen.

Deutschland habe der Aufnahme des Projekts in die EU-Liste zugestimmt, bestätigt ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. Am Rhein jedoch treffen die Berliner Aktivitäten in Sachen CCS auf keine große Begeisterung. Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg erklären, dass für sie erneuerbare Energien und Energieeffizienz Vorrang hätten. Am deutlichsten distanziert sich ausgerechnet das industriestarke NRW. Ein Sprecher von Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) teilt mit, in Nordrhein-Westfalen fehle es sowohl für CO2-Terminals als auch für Pipelines an Akzeptanz und Bedarf.

Korrektur: Das Versuchsprojekt zur CO2-Speicherung bei Ketzin in der Nähe von Potsdam wurde vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) durchgeführt und nicht von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), wie es zunächst in diesem Text hieß.

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