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10. September 2018, 10:20 Uhr

Copenhagen Suborbitals

Der Traum von der "Søjus"

Aus Kopenhagen berichtet

Sie wollten einen Menschen ins All schießen - und gesund zurückholen. Dann wurde Ex-Chef Peter Madsen wegen eines brutalen Mordes verurteilt. Was machen die Bastler der Copenhagen Suborbitals nun?

Irgendwann wurde Thomas Pedersen dann doch nervös. Warum blieb der polnische Fischkutter dort so nachhaltig stumm? Warum reagierte er nicht auf die eindringlich gefunkten Warnungen? Die Warnungen, dass hier, im Seegebiet ESD 139 vor der Ostküste von Bornholm, gleich eine Rakete in den Himmel donnern sollte. Da sollte, nein, da musste man doch Abstand halten, auch aus eigenem Interesse. Auch der Luftraum war an diesem Samstagmorgen im August längst gesperrt.

Nur der Trawler, der ließ sich weiter nicht beirren.

Pedersen, im Hauptberuf Reinraumtechniker bei der Technischen Universität in Lyngby bei Kopenhagen, wusste: Wenn der Pole da drüben nicht verschwände, würde er als Startdirektor die Sache definitiv abblasen müssen. Dann wären er und seine etwa 20 Mitstreiter umsonst hier herausgekommen, mit ihrer schwimmenden Startplattform "Sputnik", dem Kontrollschiff "Bolette Munkholm", den Schlauchbooten und dem Kleinflugzeug.

Dann würde "Nexø 2" nicht fliegen, an diesem Tag nicht, vielleicht sogar für den Rest des Jahres nicht. Es wäre ein weiterer Rückschlag gewesen, nach all den technischen Verzögerungen des Projekts, nach dem Wirbel um die unvorstellbare Tat ihres Ex-Chefs Peter Madsen.

Es gab nur noch eine Chance. Petersen schickte ein paar Leute mit dem einzigen noch verfügbaren Beiboot, einer grauen Nussschale mit einem 20-PS-Außenborder, über die kabbelige See hinüber zu den Fischern. Die zeigten ihre Papiere vor, als Beweis, dass sie legal fischten. Als sie schließlich begriffen, dass es um anderes ging, um ihre Sicherheit nämlich, packten sie ihre Netze ein und machten sich auf den Weg. Dem Start stand nichts mehr im Wege.

Was dann geschah, übertrugen ein Dutzend Kameras auf der Startplattform und an Bord der Rakete: Nach dem Countdown schoss die orange-weiße "Nexø 2" röhrend in den Himmel. Im Kommandostand hielten sie erst den Atem an, dann gaben sie technische Werte durch, am Ende jubelten sie. Das Triebwerk brannte für rund 40 Sekunden, brachte die Rakete immerhin auf sechseinhalb Kilometer Höhe. Was, obwohl 14 Kilometer geplant waren, schon mal ganz gut war.

Und nicht nur das: Vom Scheitelpunkt ihrer Reise segelte die Rakete an einem Fallschirm zurück zur Erde, landete in der Ostsee. Sie wurde schon wenige Minuten später von einem Bergungsteam aufgefischt und zur "Bolette Munkholm" zurückgebracht. Mit dem Fallschirm gab es zwar einige Probleme, durch eine abgetrennte Leine ging er nicht nach und nach, sondern abrupt auf. Aber insgesamt war das Team mit dem Flug mehr als zufrieden.

"Für uns ist die Mission ein großer Erfolg. Jetzt werden wir mit etwas weitermachen, das viel größer ist", zieht Pedersen rund drei Wochen später Bilanz. Der von ihm mit geleitete Verein Copenhagen Suborbitals hat zur Präsentation der Ergebnisse in das Hauptquartier des Dänischen Ingenieursvereins geladen. Der Besprechungsraum im ersten Stock bietet an seiner rückwärtigen Seite eine atemberaubende Sicht auf Kopenhagens Hafen. Doch die 50 Gäste, die große Mehrzahl von ihnen Männer, blicken an diesem Abend nur nach vorn, wo Petersen und seine Kollegen berichten.

Jeder hier im Raum weiß: Es ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass das Team einen Erfolg vermelden kann. Das hat mit der Aufgabe an sich tun. Eine Rakete selbst zu bauen, nur mit einer Mannschaft aus Amateuren, für die das Basteln nur ein Hobby ist, mit wenig Geld für Bauteile und so weiter - das ist ein abenteuerliches Projekt. Das wissen sie hier - auch von vorherigen, teils gescheiterten Tests.

Vor allem aber hat es mit einem Mann zu tun, dessen Namen an diesem Tag niemand in den Mund nimmt. Treibender Kopf hinter Copenhagen Suborbitals - oder kurz CS - war lange Zeit der umtriebige, aber auch streitlustige Peter Madsen. Zusammen mit Christian von Bengtson hob er das Projekt vor zehn Jahren aus der Taufe, in einem schrabbeligen Hangar auf einem früheren Werftgelände auf Refshaleøen, außerhalb von Kopenhagens Innenstadt.

Es ging um nichts weniger, als das erste Amateurteam zu sein, das einen Menschen ins Weltall schießt. Mit einer selbst gebauten Rakete.

Im Juni 2014 schied Madsen dann allerdings im Streit aus, wollte allein weitermachen. Auch sein Mitstreiter von Bengtson verabschiedete sich. Die anderen CS-Bastler dagegen wollten an ihrem Traum festhalten, werkelten von da an in einer 630-Quadratmeter-Werkstatt. In Sichtweite von Madsens Quartier. Dann kam der August vergangenen Jahres: Madsen hatte die Journalistin Kim Wall auf eine Ausfahrt mit seinem selbst gebauten U-Boot "UC 3" mitgenommen, von der diese jedoch nie zurückkehrte.

Nach und nach kamen dann die Details eines unbegreiflichen Verbrechens ans Licht: Madsen hatte Wall brutal verstümmelt und ermordet, das Boot anschließend versenkt, um seine Spuren zu verwischen. Inzwischen ist er verurteilt und sitzt eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

Statt Raketen zu bauen, sollten die Mitarbeiter von Copenhagen Suborbitals nach der Tat zahllose Fragen beantworten, die der Öffentlichkeit auf den Nägeln brannten, Fragen über das Monster Madsen. Der Verein verschickte Statements per Mail, stellte einen Text auf seine Webseite, betonte, dass man mit Madsen schon lange nichts mehr zu tun habe. Doch an normale Arbeit war kaum mehr zu denken, lange Zeit passierte kaum etwas in der Werkstatt. Dazu kam ein Rückzug von Unterstützern, wie Rasmus Agdestein berichtet. Er leitet den Trägerverein der Copenhagen Suborbitals und ist im Hauptberuf in einem Pharmaunternehmen angestellt. "Aber dieser Rückzug ist kleiner ausgefallen, als man hätte befürchten müssen."

Inzwischen aber, so sagt man im Team, habe man mit dem Thema Madsen abschließen können. "Das haben wir definitiv überwunden", so Thomas Pedersen. Ein Satz, der besonders gut klingt, wenn man ihn nach einem erfolgreichen Test sagen kann.

Die Leute von Copenhagen Suborbitals, man kann das an dieser Stelle vielleicht noch einmal klar sagen, sind keine Spinner. Über das Ziel mag man diskutieren: Was bringt es, einen Menschen - vielleicht, irgendwann - an den Rand des Alls zu schießen, nur weil man es kann? Nun, es gibt den Beteiligten wohl vor allem eine Vision, ein gemeinsames Projekt. Andere spielen Wasserball oder Minigolf, singen im Chor, schreiben erotische Kurzgeschichten, malen Aquarelle.

Die Dänen wollen eben den Raumflug für jedermann. Das kann man nachvollziehbar finden - oder eben nicht. Auf jeden Fall ist es eine komplizierte Aufgabe.

Einerseits fehlt der Gruppe dafür etwas. Ein charismatischer Kopf, eine Art Maskottchen für den Traum vom All. Jemand, der bei Vorträgen weitere Unterstützer und vor allem Mitarbeiter rekrutiert. Andererseits war Madsen zwar genau das, tatsächlich sind durch ihn die meisten der aktuellen Mitglieder des Teams zum Raketenbau gekommen. Aber er war eben auch aufbrausend und herrisch, lange bevor er später zum Mörder wurde.

Das hat die Raketenbauer bis zum Zerreißen belastet. Also ist es vielleicht ganz gut, wenn die Bastler inzwischen ganz bewusst als Team auftreten.

Die Gruppe hat sich ohne Zweifel professionalisiert. Vorbei sind die Zeiten, als man zum Beispiel einen handelsüblichen Fön in der Rakete verbauen wollte, um ein Ventil warm zu halten. Oder man den damaligen Astronautenkandidaten auf ein Karussell des "Tivoli"-Freizeitparks schickte, um ihn zu "trainieren". Heute besteht die Flugplanung vor jedem Start aus nicht weniger als 192 einzeln abzuarbeitenden Schritten, gibt es zu jedem Aspekt des Projekts raumfüllende Flowcharts und Organigramme.

Auf die knapp sieben Meter lange "Nexø 2", angetrieben von Flüssigsauerstoff und Ethanol, soll nun die etwa doppelt so lange "Spica" folgen, mit ähnlicher Technik, aber einem 20-fach kräftigeren Motor. Diese Rakete soll es sein, mit der Copenhagen Suborbitals einen Menschen ins All schießen will. Die Reise soll dabei nicht um die Erde herumführen, sondern - wie eine Kanonenkugel, die man senkrecht nach oben feuert - eine parabelförmige Bahn aufweisen. Das nennt man einen suborbitalen Flug, daher kommt auch der Name des Teams.

"Den Prototyp des neuen Motors wollen wir in hundert Tagen fertig haben", gibt Pedersen das ambitionierte Ziel vor. "Es ist manchmal ganz gut, die Leute ein bisschen zu stressen." Wenn es ein paar Tage mehr würden, sei das auch halb so wild. Um den Motor auszuprobieren, braucht das Team freilich einen neuen Teststand. Bisher haben sie ihre Antriebe auf der Insel Refshaleøen ausprobiert, direkt bei ihrer Werkstatt. Doch das einst so verlassene frühere Werftgelände ist mittlerweile zum Hipster-Hotspot geworden.

"Und es wird immer schlimmer. Start-ups, Festivals, ein Haufen Leute sind da", sagt Jacob Larsen, der tagsüber für einen Raumfahrtzulieferer arbeitet. "Wenn wir da unseren neuen Motor zünden, würden einige Fensterscheiben ganz schön wackeln." Also sucht die Gruppe nach einem neuen Testgelände, man interessiert sich zum Beispiel für aufgegebene Steinbrüche in einiger Entfernung zur Stadt.

Der neue Motor soll dann zunächst eine unbemannte "Spica"-Rakete antreiben. "Wenn wir Glück haben, können wir in zwei Jahren starten", sagt Pedersen. Dann, irgendwann, kommt die Sache mit dem Menschen in der Kapsel. An einer Kabine für ihn arbeitet das Team auch schon. Eingequetscht wie in einem russischen "Sojus"-Schalensitz wird der Raumfahrer dort drinnen kauern, mit dem Sechsfachen der Erdbeschleunigung in die Polster des Gefährts gedrückt.

Søjus sozusagen.

Der Titel des ersten Dänen im All ist allerdings schon weg, der Ingenieur Andreas Mogensen hat ihn inne. Er flog vor Jahren für die Europäische Weltraumorganisation (Esa) zur Internationalen Raumstation, war insgesamt fast zehn Tage im All. Im "Cupola"-Modul der Raumstation, das mit seinen Panoramafenstern einen atemberaubenden Blick auf die Erde bietet, hat er extra ein Foto für die Raketenbauer von Kopenhagen gemacht. Signiert hängt ein großformatiger Ausdruck nun in der Werkstatt der Bastler.

Die haben, so ist zu hören, aktuell drei Kandidaten für den Platz im Cockpit. Allerdings müssen zwei davon nicht nur an der Rakete arbeiten, sondern auch an sich selbst. Sie gelten aktuell als zu schwer.

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