"Costa Concordia"-Havarie: Abschleppen, zerschneiden - oder liegenlassen

Von

Was wird aus der "Costa Concordia", wenn alle Opfer geborgen sind und das Öl abgepumpt ist? Noch nie wurde so ein großes Wrack gehoben. Experten erwägen nun, das havarierte Schiff einfach liegen zu lassen.

"Costa Concordia": Was wird aus dem Riesenwrack? Fotos
Getty Images

Hamburg - Noch liegen vermutlich Tote im Wrack der "Costa Concordia", Experten haben nicht einmal mit dem Abpumpen des Treibstoffs begonnen. Doch schon häufen sich Mutmaßungen darüber, wie das havarierte Kreuzfahrtschiff vor der toskanischen Küste geborgen werden soll.

Offizielle Pläne gibt es noch nicht. "Alles ist Spekulation", sagt Martijn Schuttevâer, Sprecher der niederländischen Bergungsfirma Smit, die das Öl aus den Tanks der "Costa Concordia" abpumpen soll. Noch hat die Reederei Costa Crociere, die Eigentümerin des Havaristen, kein Auftrag an eine Bergungsfirma erteilt. Inoffiziell aber laufen bereits die Vorbereitungen, Experten erkunden die Möglichkeiten vor Ort. "Wir konzentrieren uns auf das Öl", betont Schuttevâer. Noch in dieser Woche wollen die Spezialisten von Smit mit dem Abpumpen der 2400 Tonnen Treibstoff aus den 17 Tanks des Wracks beginnen. Gut einen Monat soll das Projekt dauern. Gegen Leckagen wurden vorsorglich Ölsperren ins Meer gelegt.

Taucher von Smit haben den Rumpf des gekenterten Schiffs mehrfach inspiziert. Die gewonnenen Erkenntnisse reichten jedoch bei weitem nicht, um zu wissen, wie die "Costa Concordia" geborgen werden könnte, sagt Schuttevâer. Intensive Untersuchungen seien nötig. Bis zu einer Entscheidung könnten Monate vergehen, die Bergung könnte ebenso lang dauern.

Noch nie musste ein solch großes Schiff gehoben werden. Die "Costa Concordia" ist deutlich größer als etwa die "Titanic". 60.000 Tonnen wog sie vor der Havarie, mit dem eingedrungenen Wasser hat sich das Gewicht noch einmal deutlich erhöht. Die leistungsstärksten Lastkräne tragen nur ein Zwölftel dieses Gewichts.

Die Hauptfrage ist, ob das Schiff als Ganzes geborgen werden kann, oder ob es zerschnitten werden und in vielen Teilen abtransportiert werden muss. Das 2002 im Ärmelkanal gesunkene Autofrachtschiff "MV Tricolor" besaß nur ein Drittel der Größe der "Costa Concordia" und musste für die Bergung dennoch zerstückelt werden. Die Aktion dauerte mehr als ein Jahr. Passagierschiffe sind weniger kompakt gebaut als etwa U-Boote oder Containerschiffe, die eher als Einheit geborgen werden können.

Zerstückeln ist die teuerste Variante

Beim deutschen Havariekommando etwa glaubt man nicht, dass die "Costa Concordia" in Gänze abtransportiert werden kann. Allerdings betonen Experten wie der Schiffsingenieur Stefan Krüger von der Universität Hamburg-Harburg, dass das Zerstückeln des Schiffes die teuerste Variante sei. "Allerdings", sagt Krüger, "wird jede Art von Bergung extrem teuer."

Um das Wrack abzutransportieren, seien im Wesentlichen zwei Schritte nötig:

  • Die Lecks müssen abgedichtet werden, etwa mit Stahlplatten, die zuvor angefertigt werden müssten.
  • Das Wasser muss abgepumpt werden.

Was simpel klingt, dürfte kompliziert werden: Dutzende Kammern - die sogenannten Schotten - im Rumpf des Schiffes dürften vollgelaufen sein. Und auch von oben strömt Wasser ein. "Die Anzahl der Räume ist das größte Problem", sagt Krüger. Sie nach und nach abzudichten und dann leerzupumpen sei ein "extremer Aufwand".

Sei das Wasser draußen und die Lecks geschlossen, stehe einem Abtransport übers Wasser wohl nichts im Wege, meint Krüger. Die "Costa Concordia" würde aufschwimmen und könne abgeschleppt werden. Freilich wären Schimmkräne und Stahlwinden nötig, um das Schiff aufzurichten und in Position zu bringen. Luftkissen, die bei Bergungen oft eingesetzt werden, sollen den Auftrieb erhöhen.

Führerlos auf hoher See

Bei der Hebung der Fähre "Herald of Free Enterprise", die 1987 im belgischen Hafen Zeebrügge gesunken war, wurden zudem Stützpfeiler in den Meeresgrund betoniert, auf denen Kräne standen. Damit wurde das Schiffswrack aufgerichtet - anschließend wurde es abgeschleppt. Ein ähnliches Szenario wird nun für die "Costa Concordia" diskutiert. Die Fähre aus Belgien war jedoch geradezu winzig verglichen mit dem Kreuzfahrtschiff.

Auch das Abschleppen hat seine Tücken, wie der Fall der "Herald of Free Enterprise" gezeigt hat: Auf dem Weg nach Taiwan, wohin das Schiff zum Abwracken gebracht werden sollte, rissen die Stahlseile zum Schleppschiff. Das Wrack trieb längere Zeit führerlos im Atlantik.

Aufgrund der immensen Probleme einer Bergung diskutieren Experten hinter vorgehaltener Hand eine weitere Option, die aber noch niemand offiziell aussprechen mag: Die "Costa Concordia" wird nach der Entfernung des Treibstoffs und wertvoller Systeme einfach liegen gelassen. Vielleicht wird das Wrack ja als Mahnmal akzeptiert.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Schadet die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
insgesamt 438 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Traumreise
Berg 21.01.2012
Der Sog der Traumschiffreisen ist so gewaltig, dass sich jährlich über 1 Mio Deutsche auf eine solche begeben. Und weitere Millionen werden es wohl erträumen. (Flugreisen halten auch unvermindert an - trotz Fluzeugabstürzen.) Abgesehen von der Schuldfrage, dem Rettungsmanagement, wo es viel zu beanstanden und zu verurteilen gibt, ist die Bilanz dieser Havarie eher positiv: nur um die 1% Tote. Und so wie das Schiff liegt, könnten heute noch alle lebendig obenauf sitzen. Das "Geschäft mit Kreuzfahrten" ist erst einmal nur für die Reederei beschädigt: materielle Verluste in die Hundertemillionen, zusätzliche Auflagen für künftige Fahrten, Personalverluste. Die Kreuzfahrtfans werden sich davon nicht abhalten lassen. Ein bisschen prickelnde Gefahr darf doch dabei sein.....
2. Kein Rückgang
michaelslo 21.01.2012
Zitat von sysopDas Schiffsunglück vor der italienischen Küste brachte vielfältige Debatten über die Sicherheit an Bord von Kreuzfahrtschiffen in Gang. Zuvor schon waren die Meeresgiganten wegen ihres hohen Schadstoffausstoßes ins Gerede gekommen. Bekommt die Boom-Branche Probleme? Schadet nun die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
Das Geschäft wird keinen Schaden nehmen. So lange es Leute gibt, die genug Geld haben, um "anderen" Urlaub zu machen, werden die Kreuzfahrtschiffe wieder voll belegt sein, genauso wie kurz nach dem Tsunami wieder Touristen in Phuket waren, um die Katastrophe aus nächster Nähe zu sehen oder auch aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
3.
berbatof 21.01.2012
Zitat von michaelsloDas Geschäft wird keinen Schaden nehmen. So lange es Leute gibt, die genug Geld haben, um "anderen" Urlaub zu machen, werden die Kreuzfahrtschiffe wieder voll belegt sein, genauso wie kurz nach dem Tsunami wieder Touristen in Phuket waren, um die Katastrophe aus nächster Nähe zu sehen oder auch aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
Etwas sehr krasse Konstruktion... ...aber solange man von Käpt´n Schmierhahn und seinen Bagaluten dorthin kutschiert wird :-)
4. -
derflieger 21.01.2012
Ein sehr hochbordiges Schiff mit pseudo-historischen Designanleihen, aber die Frontansicht lässt bei einem gewisse Zweifel an der Stabilität aufkommen. Ich zähle 18 Rettungsboote. Mit 5000 Leuten an Bord heisst das, das diese Boote sehr gross sein müssen, jedes dürfte an die 300 Personen fassen, in Ölsardinenbepackung. Solche Riesenrettungsboote habe ich auf anderen Schiffen noch nicht gesehen. Tolle Fotos übrigens. Der Riese hinter dem Dorf, wunderbar.
5. Schadet die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
angela_merkel 21.01.2012
Die Frage verstehe ich nicht. Dank des guten Krisenmanagements gab es doch kaum Tote (ca. 20, oder ?) unter den 5000 Passagieren. Bei jeden Flugzeugabsturz kommt ein Vielfaches an Leuten ums Leben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Technik
RSS
alles zum Thema Costa Concordia
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -24-
Größenvergleich: "Titanic" vs. "Costa Concordia" Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Größenvergleich: "Titanic" vs. "Costa Concordia"


Fotostrecke
"Concordia"-Unglück: Die schwierige Arbeit der Rettungskräfte
Wrack auf dem Felsen: Die Lage des havarierten Schiffs Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Wrack auf dem Felsen: Die Lage des havarierten Schiffs


Karte

  • Google Earth/ DigitalGlobe
    Die Lage der havarierten "Costa Concordia"