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Recycling-Konzept "Cradle to Cradle": Das Ende des Mülls

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Trigema-Hemd: Komplett kompostierbares T-Shirt Zur Großansicht
Trigema

Trigema-Hemd: Komplett kompostierbares T-Shirt

Eine Hoffnung wird wahr: Unternehmen erschaffen Produkte, die keinen Müll hinterlassen. Häuser, T-Shirts, Teppiche - ihr Material lässt sich komplett wiederverwerten.

Lüneburg - Was wird aus dem Stuhl, den wir zum Sperrmüll schleppen? Oder aus dem Teppich, den wir aus der neu bezogenen Wohnung reißen? Nicht viel. Das teure Material ist meist verloren.

Dabei ließen sich die meisten Produkte bei ihrer Herstellung so gestalten, dass sie komplett wiederverwertet werden können - und dabei nicht den geringsten Müll hinterlassen. Das behauptet jedenfalls die Bewegung Cradle-to-Cradle, kurz C2C und zu Deutsch "von der Wiege zur Wiege".

Sie sieht die Materialströme unserer Märkte als ein geschlossenes Kreislaufsystem, in dem kein Müll anfällt. Stattdessen zirkulieren Wertstoffe, mit denen immer wieder neue und somit bessere Produkte hergestellt werden können, anstatt sie unter großem Energieeinsatz zu Grabe zu tragen.

Der Cradle-to-Cradle-Bewegung hängen keine verspielten Weltverbesserer an, sondern Wissenschaftler, Wirtschaftsverbände und Unternehmer. Sie hoffen auf höhere Produktivität: Ein aktueller Forschungsbericht von McKinsey in Zusammenarbeit mit der Allen MacArthur Foundation rechnet vor, dass sich durch restaurative Kreisläufe bis 2025 pro Jahr eine Billion US-Dollar einsparen ließen.

Recyceltes Riesenschiff

Erste Branchen haben das Modell bereits übernommen: Die größten Containerschiffe der Welt etwa, die 398 Meter lange Emma-Maersk-Klasse, verfügen bereits über ein C2C-Register. Die Baustoffe werden so miteinander verbunden, dass sie sich bei der Demontage der Schiffe leichter wieder voneinander trennen lassen - und somit weniger Abfall zurückbleibt.

Ein Wirtschaftszweig, der von zurückkehrenden Materialien in besonderem Maße profitieren dürfte, ist das Bauwesen. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen entfällt auf diese Branche fast die Hälfte des Rohstoffverbrauchs in Europa.

Noch fehle es jedoch am politischen Rahmen, meint Christiane Benner, Vorstandsmitglied der IG Metall: "Wir brauchen ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz", forderte sie jüngst auf einem C2C-Kongress in Lüneburg. Das bestehende Recyclingsystem kritisierte sie scharf: "Unsere Recyclingwirtschaft ist eine Industrie für sich, mit eigenen Interessen. Die Lobby für echte Wiederverwertung hingegen ist einfach zu klein."

Umweltschonende Frisur

Laut des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) verbraucht der Bausektor ein Drittel aller Ressourcen weltweit. Die Stuttgarter Bauberatungsfirma Drees & Sommer erklärt Cradle-to-Cradle zu einem zentralen Thema der Zukunft.

Derzeit entwickle man Hochhausfassaden, die Feinstaub binden und Schall schlucken können. "Cradle-to-Cradle lässt sich nur mit allen Beteiligten umsetzen", erklärt Martin Lutz, Partner der Firma. "Wir wollen für den Bausektor als starkes Bindeglied auftreten".

Michael Braungart, Mitbegründer des Cradle-to-Cradle-Konzepts, warb auf dem Lüneburger Kongress plakativ für das Modell: Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die den Kongress per Videobotschaft eröffnet hatte, lobte er für ihre Frisur. "Wer seine Haare kürzer als fünf Zentimeter trägt, spart im Jahr 7000 Liter Duschwasser."

Der Professor der Chemie traf in den Neunzigerjahren auf einer Party in New York den US-amerikanischen Designer und Architekten William McDonough. Ihr gemeinsamer Nenner war die Wut auf schlecht entworfene Produkte, die Rohstoffe verschlingen, in der Herstellung zu viel Energie verbrauchen und am Ende nichts als Müll zurücklassen.

Nur ein Werbetrick?

Unternehmen unterschiedlicher Branchen fragen mittlerweile bei Braungarts Beratungsfirma "EPEA Internationale Umweltforschung" an, um Produkte zu entgiften, mit zusätzlichem Nutzen zu versehen oder in Kreislaufsystemen zurückzugewinnen.

In Kalifornien wiederum sitzt eine unabhängige Organisation, die solche Produkte mit Cradle-to-Cradle-Zertifikaten auszeichnet. Katja Hansen, Forscherin bei der EPEA, betont aber, dass es sich bei C2C nicht um ein offizielles Kontrollsystem handele, sondern vielmehr um eine Denkschule.

Besteht die Gefahr, dass Hersteller die C2C-Auszeichnung als Werbetrick ausbeuten? Nein, meint Benner von der IG Metall. "Wenn ein Produzent transparent nachweisen kann, dass die Wertstoffe wirklich zurückgenommen werden und in biologische oder technische Kreisläufe zurückgehen können, ist das kein Green-Washing, sondern ein Fortschritt."

SPIEGEL ONLINE zeigt Produkte von vier Unternehmen, die Cradle-to-Cradle-Konzepte umsetzen:

Cradle to Cradle - Beispiele aus der Industrie

I. Woodcube
Dämmen mit Massivholz: "Das ganze Haus könnte man komplett zerschreddern und im Wald verstreuen, ohne dem Wald damit zu schaden." Das sagt Matthias Korff, Initiator und Projektmanager des Woodcubes. Das fünfgeschossige Mehrfamilienhaus ist komplett aus Massivholz gebaut. Die 30 Zentimeter dicken Außenwände kommen ohne jeglichen Leim, Rigips, Kunststoff und zusätzlichen Dämmstoff aus.

Seit rund einem Jahr leben acht Parteien auf 1000 Quadratmetern – und wundern sich, dass die jährlichen Heizkosten unter 100 Euro liegen. Die Baukosten entsprächen laut Korff denen konventioneller Bauweisen. „Die Natur hat Baustoffe entwickelt, die schlichtweg besser sind, als die Erfindungen des Zauberlehrlings Mensch“, so Korff, der selbst in einer der Wohnungen lebt.

II. Desso
Luftreinigende Teppiche: Der niederländische Konzern Desso fertigt Teppiche für Büros, Kreuzfahrtschiffe und sogar den Kunstrasen fürs Wembley-Stadion. Das Unternehmen denkt Rohstoffkreisläufe im Sinne des Cradle-to-Cradle-Ansatzes: Aus der Kreide (Kalziumkarbonat), die niederländische Trinkwasserversorger als Abfallprodukt während der Wasseraufbereitung ausfiltern, gewinnt Desso einen Wertstoff für seine Teppichunterseiten (Foto). Bis zu 20.000 Tonnen Kreide könnten dafür genutzt werden.

Auch das Garn der Teppiche soll in Kreisläufen erhalten bleiben. So ist das Nylon des Modells "AirMaster" zu Teilen sogar aus vom Meeresboden geborgenen Fischernetzen gefertigt. Die Struktur dieses Nylons hat den Nebeneffekt, deutlich mehr Feinstaub aus der Raumluft zu binden als herkömmliche Teppiche. Ziel ist es, bis 2020 sämtliche Produkte so zu gestalten, dass der Verbraucher sie schließlich zurückgeben und das Unternehmen sie gänzlich wiederverwerten kann.

III. Wet Green
Olivenleder aus Reutlingen: Leder zu gerben, ohne mit hochgiftigen Chemikalien hantieren zu müssen, war lange ein unerreichtes Ziel der Lederindustrie. Als gefährliches Abfallprodukt der Fertigung kann Chrom VI in Lederwaren auftreten, was zuletzt dem Versandhaus Zalando Probleme bereitete. Sämtliche Schadstoffe komplett zu vermeiden und am Ende trotzdem ein weiches, konkurrenzfähiges Leder zu ermöglichen, gelang dem auf Gerbung spezialisierten Chemiker Heinz-Peter Germann gemeinsam mit dem Biotech-Unternehmen N-Zyme.

Der Schlüssel zur giftfreien Gerbung liegt im Olivenbaum, genauer gesagt in seinen Blättern. Diese sind ein Abfallprodukt der Olivenernte und werden normalerweise verbrannt. Nun kommen Tonnen solcher Blätter nach Deutschland und werden einer neuen Nutzung zugeführt, indem ihnen mit nichts als Wasser der hocheffektive Gerbstoff entzogen wird. Das Produkt ist patentiert und wird von der wet-green GmbH an Lederhersteller vertrieben. Das Potenzial ist laut Germann immens: "Mit der Biomasse der mediterranen Olivenblätter könnte man theoretisch bis zu 40 Prozent der weltweiten Ledergerbung abdecken."

IV. Trigema
First Mover aus Burladingen: Für seine komplett in Deutschland gefertigten Sportbekleidungsartikel ist Trigema ebenso bekannt wie für die eigensinnigen Werbespots mit einem Schimpansen. Als erster deutscher Textilfabrikant produziert Inhaber Wolfgang Grupp seit 2006 nach Cradle-to-Cradle-Philosophie. Gemeinsam mit Michael Braungart und seinen Zulieferern habe er dafür eigens Textilien entwickelt, die ein komplett kompostierbares T-Shirt ermöglichen.

Im gesamten Herstellungsprozess fallen keine unverwertbaren oder giftigen Stoffe an. Inzwischen gibt es jedes klassische Trigema-Hemd auch aus Cradle-to-Cradle-Produktion. Die Hemden machen etwa 10 Prozent der Gesamtkollektion aus. "Die Idee ist großartig", sagt Grupp, "und wenn ich nicht glauben würde, dass die C2C-Textilie eines Tages der Standard sein wird, hätte ich mich nicht dazu entschlossen."

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1.
Trondesson 01.03.2015
An sich keine schlechten Ideen, nur daß es keinen Wald mehr geben würde, in dem man den "Woodcube" verstreuen könnte, wenn für dessen serienmäßigen Bau der erbärmliche Rest unserer Wälder abgeholzt würde.
2.
dwg 01.03.2015
Hier werden die Konzepte wieder lustig vermengt. Konzepte, die im Ansatz grundverschieden sind. C2C braucht hochwertige, trennbare Materialien. Dabei kommt dann echtes Recycling heraus. Echtes Recycling ist z.B. auch mit industriellen Stanzabfällen möglich. Das meiste, was uns als Recycling verkauft wird ist Downcycling: Es kommen immer minderwertigere Materialien und Produkte heraus. Der berühmte Joghurtbecher kommt eben nicht zurück sondern findet sich in einem minderwertigen Produkt wieder, wenn er denn nicht gleich "thermisch verwertet wurde". Die andere Seite ist die Gesamtbelastung während der Lebensdauer - da kommen dann kompostierbare T-Shirts ins Spiel. Aber da wird auch das Weiterbetreiben eines alten Gerätes und auch das Reparieren eine sinnvolle Komponente. Das größte Missverständnis in dem Zusammenhang, was auch der Reputation der ganzen Branche geschadet hat ist der grüne Punkt. Da finden sich mittlerweile nur noch Besitzstandswahrer, die um ihre Profite bangen.
3. C2c
uventrix 01.03.2015
Cradle2Cradle ist die intelligente, wissenschaftliche Lösung für unsere Müll- Ressourcen- und Energieprobleme. Ohne Verzicht und Ökodusselei. Ohne Greenwashing und Bioveganfairtrade Schwachsinn. Echte, solide wissenschaftliche Lösungen die dazu da sind um zu demonstrieren, dass man nicht mehr länger "blöde" Produkte herstellen muss. Leider wächst die Idee nur sehr langsam aber wer Herrn BraungardBraungart zuhört und sich mit seinen Ideen beschäftigt merkt schnell, dass dies keine neubioideologisierte Religion ist, sondern wie geschrieben eine Denkschule die sich an Wissenschaftler und Inngenieure richtet und sie dazu auffordert bestehende Lösungen zu hinterfragen und echte Fortschritte in Sachen Stoffstrommanagement zu generieren.
4.
dwg 01.03.2015
Zitat von uventrixCradle2Cradle ist die intelligente, wissenschaftliche Lösung für unsere Müll- Ressourcen- und Energieprobleme. Ohne Verzicht und Ökodusselei. Ohne Greenwashing und Bioveganfairtrade Schwachsinn. Echte, solide wissenschaftliche Lösungen die dazu da sind um zu demonstrieren, dass man nicht mehr länger "blöde" Produkte herstellen muss. Leider wächst die Idee nur sehr langsam aber wer Herrn BraungardBraungart zuhört und sich mit seinen Ideen beschäftigt merkt schnell, dass dies keine neubioideologisierte Religion ist, sondern wie geschrieben eine Denkschule die sich an Wissenschaftler und Inngenieure richtet und sie dazu auffordert bestehende Lösungen zu hinterfragen und echte Fortschritte in Sachen Stoffstrommanagement zu generieren.
Richtig. Der Schwerpunkt liegt auf technisch-wissenschaftlichen Lösungen ohne den "religiösen" Überbau. Das Problem in dem Zusammenhang sind aber unsere in diesem Sinne "blöden" Produkte, wie Sie schreiben. Das Beispiel des Maersk Containerschiffes ist ja nicht ohne Grund da. Der Stahl solcher Schiffe wird auch jetzt schon recycelt. Das läßt sich durch leichteres Trennen noch weiter verbessern. Wenn man dann allerdings Smartphones und ähnliche Produkte anschaut, die zudem auch noch wesentlich kürzere Lebencyclen haben, sieht man, daß dort vieles untrennbar laminiert, bedampft oder sonstwie verbunden ist. Manches davon ist unnötig, anderes (LCD, OLED, etc.) technisch nötig.
5. nicht vergessen: Kaufhausumbauten
opinio... 01.03.2015
Messebau, es ist unglaublich, welche "Schätze" von da in den Counter wandern.
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Zum Autor
  • Ulf Pape lebt und arbeitet als freier Autor in Hamburg und ist Chefredakteur des unabhängigen "FALL"-Magazins, das zweimal jährlich erscheint. Die kommende Ausgabe befasst sich mit dem Thema Provinz.
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