Dampf im Fukushima-Reaktor Tepco zieht Roboter wegen schlechter Sicht ab

Auf dem Katastrophen-AKW Fukushima I stoßen selbst Roboter an Grenzen: Dampf in Reaktor 2 behindert ihre Sicht. Jetzt hat Tepco sie vorsichtshalber zurückgelotst. Hilfe bekommt der Betreiber jetzt vom französischen Atomkonzern Areva. Dessen Idee: Recycling von radioaktivem Wasser.

AP/ TEPCO

Tokio - Auf dem havarierten AKW Fukushima I arbeiten selbst ferngesteuerte Roboter unter erschwerten Bedingungen. Am Dienstag ist der Versuch gescheitert, sie weiter in Reaktor 2 vordringen zu lassen. Der Grund: Massenhaft Dampf wabert derzeit im Gebäude des Blocks. Die Kameras der Geräte seien beschlagen - und eine Orientierung dadurch erschwert. Tepco hat die Roboter nach eigenen Angaben deshalb vorsichtshalber zurückgelotst.

Nahe des Eingangs zu Reaktor 2 hatten Roboter am Montag während einer 51-minütigen Erkundung eine Strahlenbelastung von 4,1 Millisievert gemessen. Das sind umgerechnet 4,8 Millisievert pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Strahlenbelastung durch natürliche radioaktive Quellen bei 2,1 Millisievert - im ganzen Jahr. Am 15. März hatte die japanische Regierung die zulässigen Grenzwerte für die Arbeiter am AKW Fukushima I von 100 Millisievert auf 250 Millisievert pro Jahr erhöht.

In der Theorie könnte sich also ein zuvor unbelasteter Tepco-Arbeiter rund 60 Stunden im Reaktorgebäude 2 aufhalten, bis er diese Grenze erreicht hat. Allerdings gibt es dabei ein Problem: Die Temperatur im Gebäude habe 34 bis 41 Grad Celsius betragen, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji. Die Luftfeuchtigkeit sei mit 94 bis 99 Prozent aber zu hoch, um Reparaturtrupps an das Reaktorgebäude lassen zu können. Der Dampf müsse zunächst hinausbefördert werden.

Am Montag waren die Roboter auch erstmals in die Problemreaktoren 1 und 3 vorgedrungen. Dort war die gemessene Radioaktivität höher als in Reaktor 2: Sie betrug 10 bis 49 Millisievert pro Stunde in Block 1, und 28 bis 57 Millisievert pro Stunde in Block 3. Das ist nach Angaben des Betreibers fast 6000-mal höher als im Normalbetrieb des Reaktors. Eine akute Belastung von insgesamt etwa 1000 Millisievert (1 Sievert) genügt, um eine leichte Strahlenkrankheit auszulösen. Übelkeit, Erbrechen und eine vorübergehende Unfruchtbarkeit bei Männern können die Folge sein.

Ziel: Abkühlung auf 100 Grad Celsius

Der Betreiber Tepco hält unterdessen an seinem Krisenfahrplan für die kommenden Monate fest. Demnach wird es bis zu neun Monate dauern, bis alle Reaktoren stabilisiert werden können. Das Ziel ist eine Abdichtung aller Lecks und das Abkühlen der Stäbe auf unter 100 Grad Celsius. Danach soll das Areal möglicherweise abgedeckt werden, um ein weiteres Entweichen von radioaktiver Strahlung zu verhindern.

Doch zunächst arbeiten die Tepco-Männer weiterhin mit Hochdruck daran, die Kühlung der teils beschädigten Brennstäbe mit Millionen Litern von Wasser in Gang zu halten. Diese Maßnahme zeige zumindest eine gewisse Wirkung, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Dienstag. Wenn man die Kühlung aufrechterhalte, sei eine vollständige Kernschmelze unwahrscheinlich.

Diese Lösung wird allerdings immer mehr zum Problem: Die enormen Massen radioaktiv belasteten Wassers behindern Versuche, die vom Tsunami vor fast sechs Wochen zerstörten Kühlsysteme zu reparieren. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete, Ministerpräsident Naoto Kan wolle sich möglicherweise am Donnerstag ein Bild von der Lage in Fukushima machen.

Am Dienstag begannen die Arbeiter damit, das hochgradig mit radioaktiven Partikeln kontaminierte Wasser aus dem Turbinengebäude von Reaktor 2 zu pumpen. Tepco will so in den nächsten Wochen 10.000 Tonnen Wasser in eine Auffanganlage pumpen - aus dem Turbinengebäude von Reaktor 2 und einem damit verbundenen unterirdischen Tunnelschacht, der nahe am Meer liegt.

Pro Tag könnten dort etwa 480 Tonnen abgepumpt werden, meldete die Agentur Jiji Press. Damit würde das Abpumpen von 10.000 Tonnen etwa 21 Tage dauern. Nach Schätzung von Tepco befinden sich in und um das Turbinengebäude 25 000 Tonnen Wasser, das teils mit mehr als 1000 Millisievert pro Stunde strahlt.

In den Reaktoren 1 und 3 sollen 42.500 Tonnen relativ gering verstrahlten Wassers sein, hieß es unter Berufung auf Tepco weiter. Hier beläuft sich die Radioaktivität auf 10 bis 57 Millisievert, berichtete die Agentur Kyodo. Das Wasser soll in Behelfstanks sowie einen auf dem Meer schwimmenden Riesentank gefüllt werden.

Doch was geschieht anschließend mit den radioaktiven Wassermassen? Wie Tepco jetzt bekanntgab, soll der französische Atomkonzern mit seiner Technologie Hilfe leisten. Die Idee der Franzosen ist eine Art Recycling des radioaktiven Wassers: Mit einer speziellen Anlage soll dem kontaminierten Wasser, das in großen Teilen aus dem Meer stammt, das Salz entzogen werden. So könne es künftig zur weiteren Kühlung der Brennstäbe in den Reaktoren eingesetzt werden, sagte der Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde Nisa, Hidehiko Nishiyama.

Während sich die Nuklearkrise hinzieht, steigt die Verärgerung der Bevölkerung über das Krisenmanagement der Regierung. Gemäß Umfragen sind mehr als zwei Drittel der Japaner mit der Regierung des Ministerpräsidenten Naoto Kan unzufrieden. Bei einer Parlamentssitzung am Montag verlangten Oppositionspolitiker seinen Rücktritt.

Derweil hat die Betreibergesellschaft des Kraftwerks Tepco den Anwohnern, die aus dem Krisengebiet evakuiert wurden, etwa 12.000 Dollar (8400 Dollar) pro Haushalt als vorläufige Wiedergutmachung versprochen. Insgesamt wurden in der vom Erdbeben und dem folgenden Tsunami verwüsteten Region 27.000 Menschen getötet oder werden weiter vermisst.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

cib/dpa/dapd

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PaulBiwer 19.04.2011
1. Kleiner Rechenfehler
Die 480 t Wasser/Tag in Reaktor 2 abzupumpen stimmt mit Erfahrungsberichten der letzten Woche überein.In den gleichen Berichten steht aber auch dass 330t/Tag hinzukommen. Daher werden 67Tage (nicht 21) für abpumpen dieser Stelle benötigt.
roquefort 19.04.2011
2. ...
Zitat Artikel: "Derweil hat die Betreibergesellschaft des Kraftwerks Tepco den Anwohnern, die aus dem Krisengebiet evakuiert wurden, etwa 12.000 Dollar (8400 Dollar) pro Haushalt als vorläufige Wiedergutmachung versprochen. " 12.000 $ = 8,400 $ oder 8 400 €?
kabelfritze 19.04.2011
3. Besserung in Sicht?
So richtig nach Fortschritt klingt das Ganze nach wie vor nicht, und an der verschwurbelten Informationspolitik hat sich auch nichts geändert. Gestern hieß es, die Roboter wären im Eingangsbereich der Reaktorgebäude gewesen, die Messwerte stammten von *vor* der Schleuse (d.h. beide Tore sind geschlossen) und *in* der Schleuse (heißt: mindestens das innere Tor ist geschlossen). Sollten die Roboter heute weiter vorgedrungen sein, wurden jedenfalls nicht die aktuellen Messwerte veröffentlicht, sondern die von gestern wiederholt. Sowas finde ich unredlich. Mal ganz praktisch gedacht: die Reaktordruckbehälter werden von außen notgekühlt, damit sie nicht durchglühen. Oder etwas später jedenfalls, denn der Stahl hält dem Trommelfeuer der Neutronenstrahlung auch nicht ewig stand. Irgendwann ist der Druckbehälter mürbe und platzt, die Schmelze kommt in direkten Kontakt mit Wasser, was sofort zu einer verheerenden Wasserstoffexplosion führt. Tepco tanzt auf dem Vulkan, und sie wissen es.
doc 123 19.04.2011
4. Etwas niedrige Zahlen!
Zitat von PaulBiwerDie 480 t Wasser/Tag in Reaktor 2 abzupumpen stimmt mit Erfahrungsberichten der letzten Woche überein.In den gleichen Berichten steht aber auch dass 330t/Tag hinzukommen. Daher werden 67Tage (nicht 21) für abpumpen dieser Stelle benötigt.
Sie haben wohl bei Ihrer Angabe eine 0 vergessen. Allein ca. 3000 t werden pro Tag für die Kühlung der Reatordruckbehälter pro Reaktor benötigt. Dazu noch die Mengen an Wasser, die zur Kühlung von außen bzw. oben benötigt werden. Bei 480 t pro Tag wird man die Keller NIEMALS leer beommen!
gorge11, 19.04.2011
5. Wer viele misst, misst viel Mist
Zitat von kabelfritzeSo richtig nach Fortschritt klingt das Ganze nach wie vor nicht, und an der verschwurbelten Informationspolitik hat sich auch nichts geändert. Gestern hieß es, die Roboter wären im Eingangsbereich der Reaktorgebäude gewesen, die Messwerte stammten von *vor* der Schleuse (d.h. beide Tore sind geschlossen) und *in* der Schleuse (heißt: mindestens das innere Tor ist geschlossen). Sollten die Roboter heute weiter vorgedrungen sein, wurden jedenfalls nicht die aktuellen Messwerte veröffentlicht, sondern die von gestern wiederholt. Sowas finde ich unredlich. Mal ganz praktisch gedacht: die Reaktordruckbehälter werden von außen notgekühlt, damit sie nicht durchglühen. Oder etwas später jedenfalls, denn der Stahl hält dem Trommelfeuer der Neutronenstrahlung auch nicht ewig stand. Irgendwann ist der Druckbehälter mürbe und platzt, die Schmelze kommt in direkten Kontakt mit Wasser, was sofort zu einer verheerenden Wasserstoffexplosion führt. Tepco tanzt auf dem Vulkan, und sie wissen es.
Eine Ausweitung der Gefährdung, in dem Sinne dass wesentlich höhere Physiaklische Kräfte von dem havarierten Haufen ausgehen werden, halte ich für sehr unwahrscheinlich, solange keine Vernachlässigung des Haufens eintritt. Dass das ganz noch mehere Monate dauern wird, bis es dicht ist, wissen wir ja. Dei Vernachlässigung kann aber schenll eintreten. Nachbeben, Messen hin oder her, es findet sich keiner mehr. Was man da noch messen will, ist mir allerdings unklar. Auch dieses Robotörschen. es braucht so Lade-Robotoren, wie in dem Alien-II-Film. Erschreckend, wie wenig die Atomindustrie auf der Pfanne hat, um sowas zugig zu beenden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.