Debatte um Seekarten: Die unendliche Suche nach gefährlichen Felsen

Warum fuhr der Kapitän der "Costa Concordia" so nahe ans Ufer? Experten haben eingeräumt, dass der Fels, mit dem sein Kreuzfahrtschiff kollidierte, nicht auf Karten eingetragen war. Können Seefahrer den Atlanten vertrauen?

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Hamburg - Mathias Jonas grübelt ungläubig über den Seekarten der italienischen Küste. Wie konnte der Kapitän der "Costa Concordia", Francesco Schettino, nur einen solch riskanten Kurs wählen? Der Leiter der Abteilung Nautik am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) weiß, wovon er spricht: Bis vor drei Jahren übersetzte seine Behörde die Karten für das Seegebiet, in dem das Kreuzfahrtschiff verunglückte, für den deutschen Markt.

Nach der Katastrophe könnte jetzt eine Diskussion über die Verlässlichkeit von Seekarten geben, glaubt der Experte. Der Fels, der der "Costa Concordia" zum Verhängnis wurde, war nach Informationen, die Jonas von italienischen Kollegen erhielt, wohl nicht in der Karte verzeichnet. Dies würde die Angaben des Kapitäns nach dem Unglück bestätigen.

Allerdings liegt gleich in der Nähe des Unglücksorts eine bekannte Felsenkette, die den Kapitän hätte alarmieren müssen. Nach Angaben der Reederei war der Kapitän der "Costa Concordia" eigenmächtig von der vorgeschriebenen Route abgewichen. Francesco Schettino gerät mittlerweile immer stärker unter Druck: Er soll Damenbesuch auf der Brücke gehabt haben, als sein Schiff auf den Felsen vor der Insel Giglio krachte.

Nachträglich eingetragen

Inzwischen wurde der Unglücksfelsen von den Italienern nachträglich auf der Karte eingetragen. Seekarten sehen für Laien wie riesige Sudoku-Rätsel voller Zahlen aus. Seeleute erkennen darin wichtige Daten wie Wassertiefen oder Umrisse von geologischen Formationen. Das in Rostock und Hamburg angesiedelte Bundesamt BSH sammelt akribisch Daten in deutschen Gewässern, die dann in detaillierte Karten eingetragen werden.

Längst nicht alle Seegebiete sind so gut erfasst wie die deutschen Küsten. "Erst zehn Prozent der Meeresfläche sind detailliert vermessen", sagt Jonas. "Es gibt genauere Karten von der Marsoberfläche als vom Grund der Ostsee." Ein Unglück wie vor der toskanischen Küste sei allerdings in deutschen Gewässern wohl nicht zu befürchten. Die Ostsee etwa habe einen sandigen Grund.

Ganz harmlos ist die Ostsee dennoch nicht: "Sie ist sehr flach und übersät mit Findlingen aus der Eiszeit. Alleine rund um Rügen liegen mehr als 100 große Steine", sagt Jonas. Hinzu kommen Wracks, die durch die Strömung jederzeit ihre Lage verändern können. Daher werden der Meeresgrund und die Küsten ständig vermessen, aber selbst bei der relativ überschaubaren deutschen Ostseeküste braucht man etwa 25 Jahre, bis man einmal durch ist.

Riskante Seegebiete

Der Boom der Kreuzfahrtbranche stellt die Vermesser vor ganz neue Herausforderungen. Um ihren Passagieren Abwechslung bieten zu können, suchen die Reedereien nach neuen Routen zu attraktiven Zielen. Dabei dringen die Schiffe auch in Regionen vor, die früher für die Schifffahrt keine Rolle spielten. "Immer mehr Luxusliner fahren etwa in die Antarktis. Deren Küste ist bisher aber nur wenig vermessen", sagt Jonas.

Um das zu ändern, sind neue Ideen gefragt. Eine davon ist laut Jonas, die Schiffe mit Sonar auszurüsten. So können die Kreuzfahrer ihre Route selbst vermessen und gleichzeitig wichtige Informationen für folgende Schiffe liefern. Das BSH erstellt gemäß internationaler Vereinbarungen mehrere Karten von der Antarktisküste, in die solche Daten einfließen. "Die besten Kunden dafür sind jetzt schon Kreuzfahrtreedereien", sagt Jonas.

Riskante und unerkundete Seegebiete für die Kreuzfahrt zu sperren, hält der Experte nicht für geeignet, zumal dies in internationalen Gewässern rechtlich gar nicht möglich wäre. Das wäre ein Verstoß gegen einen zentralen Grundsatz des Seevölkerrechts: "Die hohe See ist frei."

Von Achim Berger, dapd

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insgesamt 27 Beiträge
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1. sonar?
seikor 19.01.2012
Jetzt hätte ich als Laie doch irgendwie gedacht, dass ein Schiff für eine halbe Milliarde (!) Euro ein Sonar an Bord hat, um den Grund vor sich abzutasten?
2. Seekarte
heinzjürgenneu 19.01.2012
Zitat von sysopWarum fuhr der Kapitän der "Costa Concordia" so nahe ans Ufer? Experten haben eingeräumt, dass der Fels, mit dem sein Kreuzfahrtschiff kollidierte, nicht auf Karten eingetragen war. Können Seefahrer den Atlanten vertrauen? Debatte um Seekarten: Die unendliche Suche nach gefährlichen Felsen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,810111,00.html)
Die Frage nach dem Sonar wollte ich auch stellen. Wenn ich mit dem Sportboot an der norwegischen Küste 6.6 m Wasser unter dem Kiel habe (siehe Karte bei SPON fahre ich nur noch Schritt und nur mit dem Blick auf das Sonar, bzw. auf den Kartenplotter. Auf eine papierne Seekarte schaut wohl keiner mehr. Vor allem nicht, wenn man so eine nautische Einrichtung hat, wie sie bei einem Kreuzfahrschiff in der Größenordnung sicher vorhanden ist. Also beim nächsten mal bitte genauer recherchieren.
3. Macht keinen Sinn...
srothe 19.01.2012
Zitat von seikorJetzt hätte ich als Laie doch irgendwie gedacht, dass ein Schiff für eine halbe Milliarde (!) Euro ein Sonar an Bord hat, um den Grund vor sich abzutasten?
Das ist natuerlich voellig sinnlos. Ein Sonargeraet tastet normalerweise den Boden *unter* dem Schiff ab. Natuerlich kann man es so einbauen dass es stattdessen nach vorne misst, aber bei dem Bremsweg den ein 300m langes Kreuzfahrtschiff hat macht das wenig Sinn. Jeder Kapitaen auf grosser Fahrt weiss um die potentielle Ungenauigkeit der Seekarten und dass er gefaehrliche Naehe zu Kuesten und existierenden Felsketten besser meidet. Im vorliegenden Fall ist der Kapitaen das Risiko ja nun auch eingegangen weil er glaubte, das Gebiet genau zu kennen. Offenbar kannte er es nicht genau genug. Wer die Verantwortung fuer 4000 Menschnleben hat darf solche Risiken schlichtweg nicht eingehen, da beisst die Maus keinen Faden ab. Richtig ist allerdings dass der Meeresboden hydrographisch erst seit wenigen Jahren so exakt vermessen werden kann. Und der Aufwand dafuer ist immens, deshalb dauert es Jahrzehnte, um die Ostsee neu zu vermessen, vom Mittelmeer, oder gar dem offenen Ozean ganz zu schweigen.
4.
Vasco da Gama 19.01.2012
Zitat von sysopWarum fuhr der Kapitän der "Costa Concordia" so nahe ans Ufer? Experten haben eingeräumt, dass der Fels, mit dem sein Kreuzfahrtschiff kollidierte, nicht auf Karten eingetragen war. Können Seefahrer den Atlanten vertrauen? Debatte um Seekarten: Die unendliche Suche nach gefährlichen Felsen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,810111,00.html)
Ein Quatsch sondergleichen. Ich habe noch im letzten Juli dort einige Tage mit dem Segelboot verbracht und nahe dem Stein geankert auf den die "Costa Concordia" aufgelaufen ist. Dort ist alles detailliert in der Seekarte verzeichnet, man muss nur die entsprechende Auflösung in den elektr. Seekarten wählen. Die Steine sind aber nicht durch Leuchtfeuer gekennzeichnet. Südlich und nördlich des Hafens von Giglio gehen jeweils eine Untiefe über ca 300 m östlich ins Meer. Einzelne Steine sind deutlich an der Oberfläche auszumachen, natürlich nicht im dunkeln. Wenn man nur einen Übersegler als Karte an Bord hat, kann man die Steine in der Karte nicht wahrnehmen. Der Kaptiän eines Schiffes größer als 500 DWT der so nahe an Giglio mit Nord/Süd Kurs vorbeifährt hat nicht alle Tassen im Schrank oder steht unter Alkohol- oder Drogeneinfluß.
5. Panik
Cube1974 19.01.2012
Was ist passiert. Ein Schiff ist auf Grund gelaufen. Es hat leider mehrere Tote gegeben. Und nun ... so what?! Wieviel Urlauber verunglücken jährlich bei der Fahrt mit dem eigenen PKW in den Urlaub? Wieviele mit dem Bus? Das dieses Unglück so unglaublich und auch einzigartig ist, zeigt doch, dass die Kreuzfahrt eine sehr sehr sichere Sache ist!!! Thema beendet. Und alles weitere, also ob der Kapitän nen Fehler gemacht hat, und die Crew nur ein untrainierter Haufen war, oder unter den Umständen das beste getan hat, werden die Italiener vielleicht rausfinden. ! Punkt !
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