Deutsche AKW: Warten auf die Sicherheitsempfehlungen

Von Christoph Seidler

Atomkraft: Mehr Sicherheit für deutsche Meiler Fotos
DPA

Wie müssen Deutschlands Atomkraftwerke nach dem Fukushima-Schock nachgerüstet werden? In einem halben Jahr will die Reaktorsicherheitskommission dazu weitere Empfehlungen vorlegen. Den Grünen dauert das zu lange.

Man kann sich dem Problem auf zwei Arten nähern. Da sind zum einen die Atomgegner; für sie ist die Sache glasklar: Deutschland lässt sich nach dem Unglück im japanischen Fukushima zu viel Zeit mit dem Ausstieg aus der Kernkraft: "Der Weiterbetrieb der Reaktoren bis 2022 birgt unermessliche Risiken", klagt etwa der Aktivist Jochen Stay von der Organisation Ausgestrahlt.

Noch zehn Jahre lang werden nach bisheriger Planung die Meiler Emsland, Neckarwestheim II und Isar II laufen. So regelt es das "Dreizehnte Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes", mit dem die schwarz-gelbe Regierung im vergangenen Sommer eine 180-Grad-Wende in der Energiepolitik hinlegte.

Man kann aber auch auf die Erfolge der Reaktoren verweisen - und auf ihre Sicherheit. So tun es die Befürworter der Atomkraft. Sie verweisen zum Beispiel darauf, dass das Kraftwerk Isar II im vergangenen Jahr mit einer Stromproduktion von 12,306 Milliarden Kilowattstunden der leistungsstärkste Meiler der Welt war. Auch die Kraftwerke Emsland, Neckarwestheim II und Philippsburg II schaffen laut Deutschem Atomforum locker einen Platz in den globalen Top Ten.

Der Ausstieg kommt, doch er kommt langsam: Auch die Meiler Brokdorf, Grohnde, Grafenrheinfeld, Philippsburg II, Gundremmingen-B und Gundremmingen-C haben noch einige aktive Jahre vor sich. Und das ist auch gut so, sagen Vertreter der Atomindustrie. Sie halten ihren Kritikern vor, dass die Anlagen hierzulande viel sicherer seien als die Pannenmeiler von Fukushima. Eklatante Auslegungsdefizite wie in Japan gebe es hierzulande nicht. Auch die Abschaltung von Alt-Meilern im vergangenen Jahr halten sie für puren Aktionismus.

Egal wie man die Dinge sieht: Klar ist, dass Fukushima für die noch laufenden Meiler in Deutschland nicht folgenlos bleiben kann. Es geht um die Frage, was sich aus dem Desaster in Japan für Schlussfolgerungen ergeben. Doch in den letzten Monaten ist dazu wenig passiert, zu wenig wie die Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE beklagt. "Die Lehre muss sein, dass die Sicherheitsanforderungen schleunigst angepasst werden und die neun verbleibenden Atomkraftwerke nachgerüstet werden müssen", fordert die atompolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. "Seit letztem Sommer ist bei Röttgen aber die Luft raus, seit dem Stresstest ist ihm die AKW-Sicherheit wieder egal."

Im Ministerium sieht man das anders. "Der sichere Betrieb der Kernkraftwerke hat für das Bundesumweltministerium nach wie vor höchste Priorität", kontert eine Sprecherin. "Dazu gehören auch die Fragen, welche Konsequenzen aus dem Reaktorunglück in Fukushima zu ziehen sind."

"Hohe Arbeitsbelastung der RSK-Mitglieder"

Bei dem "Stresstest" - oder etwas offizieller -, der "Anlagenspezifischen Sicherheitsüberprüfung (RSK-SÜ) deutscher Kernkraftwerke unter Berücksichtigung der Ereignisse in Fukushima-I (Japan)" - hatte die Reaktorsicherheitskommission (RSK) die Gefahren an deutschen Meilern im vergangenen Jahr in aller Schnelle überprüft. Das Expertengremium ist vom Bundesumweltministerium berufen; die Kommissionsmitglieder sind aber nicht an Weisungen von dort gebunden.

Ein Besuch der Prüfer in den AKW für den "Stresstest" war aus Zeitgründen nicht drin. Die Kommissionsmitglieder mussten sich auf die Angaben der Betreiber verlassen.

Man habe Empfehlungen an die zuständigen Atomaufsichtsbehörden der Länder weitergeleitet, erklärt das Ministerium nun. Auch die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) habe dazu im Februar ein Papier veröffentlicht.

Doch welche Schlussfolgerungen ergeben sich darüber hinaus für die noch laufenden AKW aus dem "Stresstest"? Das Berliner Ministerium hat die RSK beauftragt, weitere Empfehlungen auszuarbeiten - doch die werden offenbar noch eine Weile auf sich warten lassen.

Es geht unter anderem um den Umgang mit

  • einem langfristigen Stromausfall,
  • einem Ausfall der Kühlwasserversorgung,
  • Erdbeben,
  • Hochwasser,
  • anlageninternen Überflutungen.

Außerdem sollen die anlageninternen Notfallmaßnahmen unter die Lupe genommen werden, mit denen im Fall eines Unfalls die Freisetzung von Strahlung verhindert werden soll.

Die RSK plane ihre "abschließende Stellungnahme" erst für den Herbst 2012, erklärte vor wenigen Tagen Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage von Kotting-Uhl. Schuld an der Verzögerung sei unter anderem "die hohe Arbeitsbelastung der RSK-Mitglieder". Auch dass die Ergebnisse des EU-weiten Stresstests erst im Sommer vorliegen werden, macht schnelle Empfehlungen unmöglich.

Das Umweltministerium hatte im vergangenen Herbst erklärt, die Ergebnisse der Untersuchung von 143 Meilern abwarten zu wollen. Dabei ist offenbar aber noch nicht einmal klar, ob die Testergebnisse für jedes einzelne AKW überhaupt veröffentlicht werden.

Anti-Atom-Aktivist Stay und seine Kollegen ziehen einstweilen ihre eigenen Schlüsse aus der langwierigen Sicherheitsdebatte. Für das erste Fukushima-Jubiläum am Wochenende haben sie an sechs deutschen Atommeilern und an der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau Demonstrationen angemeldet.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Dr. phil.
Alfons Emsig 09.03.2012
Während in Deutschland also auch ein Jahr nach Fukushima Daiichi auf notwendige Sicherheitsempfehlungen "gewartet" und wahrscheinlich gehofft wird, dass das Thema bis zum Herbst endgültig in Vergessenheit geraten ist, zeigen sich die Japaner konsequenter: Dort sind gegenwärtig 52 von 54 Kernkraftwerken abgeschaltet, weil lokale Behörden die notwendigen Genehmigungen zum Wiederanfahren verweigern. Und es ist nicht der Fall, dass dort nun die Leute im Dunkeln sitzen würden oder so. Das lernt uns erstens, dass Kernkraftwerke selbst in einem Land, das keine Elektrizität von seinen Nachbarn importieren kann, nicht unbedingt notwendig sind, zweitens, man auch (oder gerade?) ohne eine Grüne Partei im Lande innerhalb eines Jahres "Atomausstieg" machen kann, drittens, selbst die Betreiberfirmen der Kernkraftwerke offenbar nicht an deren Versorgungssicherheit geglaubt haben, da sie praktisch die gesamte Kernenergie-Kapazität in Form von Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken vorhalten. Auch die Altmeiler von Fukushima Daiichi standen mehr oder weniger kurz vor dem Ende ihrer jeweiligen Laufzeit. Die erste Lehre, die wir in Deutschland aus der Katastrophe dort ziehen müssen, ist doch wohl, dass es eben gar keine gute Idee ist, die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass bis zur Stillegung schon alles irgendwie gut gehen wird.
2. einfache Antwort
Fackus 09.03.2012
Zitat von sysopWie müssen Deutschlands Atomkraftwerke nach dem Fukushima-Schock nachgerüstet werden? In einem halben Jahr will die Reaktorsicherheitskommission dazu weitere Empfehlungen vorlegen. Den Grünen dauert das zu lange. Deutsche AKW: Warten auf die Sicherheitsempfehlungen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,819912,00.html)
Sicherungen gegen: 1) Erdbeben Mag>7 2) Tsunamis Nachdem beides hierzulande nicht auftritt, ergibt sich folglich als klare Antwort: Im Bezug auf den "Fukushima-Schock" besteht hierzulande kein Handlungsbedarf. Aber wie stehts mit Asteroidentreffern? Klimawandel? Pilzbefall? Ach - man weiss so wenig!
3. xxx
Dumpfmuff3000 09.03.2012
Zitat von sysopWie müssen Deutschlands Atomkraftwerke nach dem Fukushima-Schock nachgerüstet werden? In einem halben Jahr will die Reaktorsicherheitskommission dazu weitere Empfehlungen vorlegen. Den Grünen dauert das zu lange. Deutsche AKW: Warten auf die Sicherheitsempfehlungen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,819912,00.html)
Das ist doch alles Augenwischerei, all diese Pseudo-Stresstests und das Gequatsche von Nachrüstung. Siehe zerbröselndes Fass in Brunsbüttel etc. Solange die Atomindustrie in privaten Händen ist, werden die Betreiber immer versuchen, jedwedes Risiko und sämtliche Kosten zu externalisieren und zu minimieren. Auch auf Kosten der Sicherheit. Und AKW gegen die Gefahren des 21. Jahrhunderts nachzurüsten, seien es Neturkatastrophen, seien es Terroranschläge, ist illusorisch. Zehn Jahre lang haben die Konservativen der westlichen Welt Terrorpanik geschürt, aber keiner von denen hatte Lust, darüber zu reden, was passiert, wenn ein einigermaßen gut ausgebildeter Terrorist ein Kleinflugzeug mietet und in ein AKW reinsteuert. Das heißt, solange es AKW gibt, wird die Bevölkerung den wesentlichen Teil der Kosten und Risiken tragen. Das rostende Fass in Brunsbüttel und die wie immer unerträgliche Informationspolitik zeigen doch, wie es um die Sicherheit bestellt ist Die können noch nicht mal ein blödes Fass vernünftig lagern.
4. tzz
darkangel_ger 09.03.2012
Zitat von sysopWie müssen Deutschlands Atomkraftwerke nach dem Fukushima-Schock nachgerüstet werden? In einem halben Jahr will die Reaktorsicherheitskommission dazu weitere Empfehlungen vorlegen. Den Grünen dauert das zu lange. Deutsche AKW: Warten auf die Sicherheitsempfehlungen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,819912,00.html)
den grünen ist langweilig. deutsche anlagen waren und sind sicher. zum jahrestag kann man wieder schön aktionismus betreiben. und die medien manchen auch wieder schön mit mit ihren "experten". die sollten sich mal genauestens mit den kohlekraftwerken auseinandersetzen. hat man da schon mal eine kinderkrebsstudie angestossen ? was pusten die noch so in die luft ausser co2 ? was passiert mit der schlacke ? deutschland steigt aus und in 10 jahren ist schluß. jetzt ist doch der netzausbau das wichtigste, geht das alles mit rechten (grünen) dingen zu ? nicht das man einen juchtenkäfer seiner heimat beraubt.
5. Die
Schiebetürverriegler 09.03.2012
Zitat von sysopWie müssen Deutschlands Atomkraftwerke nach dem Fukushima-Schock nachgerüstet werden? In einem halben Jahr will die Reaktorsicherheitskommission dazu weitere Empfehlungen vorlegen. Den Grünen dauert das zu lange. Deutsche AKW: Warten auf die Sicherheitsempfehlungen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,819912,00.html)
Prüfer konnten aus Zeitgründen selber nicht vor Ort sein. Man müsse sich auf die Angaben der Betreiber verlassen. Das ist so paradox, als ginge ich zum TÜV und würde dem Prüfer sagen, mein Wagen sei in Ordnung. Stempel drauf - fertig. Die Atomkomiker sind immer wieder für einen Spaß gut.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Technik
RSS
alles zum Thema Fukushima
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 99 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Nukleartechnik: Lehren aus Fukushima

Fukushima in Zahlen

Fotostrecke
Katastrophe in Japan: Der Tsunami und der Super-GAU

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.