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11. Januar 2013, 16:05 Uhr

Bergungsaktion

Der lange Kampf mit der "Costa Concordia"

Es ist der schwierigste Bergungsversuch in der Geschichte der Seefahrt: Mehr als 400 Techniker arbeiten daran, die vor einem Jahr gekenterte "Costa Concordia" aufzurichten. Sie hinken dem Zeitplan um Monate hinterher - der entscheidende Moment soll nun im Herbst kommen.

Wie ein gestrandeter Wal ragt der weiße Körper des Ozeanriesen aus dem Wasser: Vor einem Jahr ist die "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio havariert - und anschließend herrschte Rätselraten: Was tun mit einem 290 Meter langen und 36 Meter breiten Wrack? Soll man es wieder aufrichten und in den nächsten Hafen schleppen? Vor Ort auseinandernehmen und verschrotten? Oder einfach liegenlassen, quasi als Mahnmal der Folgen von Leichtsinn auf der Brücke eines großen Schiffs?

Letztlich entschied man sich für eine Bergung. Sie gilt als die schwierigste in der Geschichte der Seefahrt und wird mit geschätzten Kosten von mindestens 300 Millionen Euro wohl auch die teuerste. Verantwortlich sind das US-Unternehmen Titan Salvage und Micoperi, ein auf Unterwasserkonstruktionen wie Ölplattformen spezialisiertes Unternehmen mit Sitz in Ravenna. Mehr als 400 Techniker, darunter 100 Taucher, arbeiten derzeit an dem Projekt. Ihr erstes Ziel war es, das Kreuzfahrtschiff mit Stahlseilen und vier Ankerblöcken zu sichern - das ist bereits im November gelungen. Zuvor war der Gigant nur an einer Seite mit 16 Bündeln aus Stahlseilen an den Felsen befestigt.

Später soll das Wrack aufgerichtet werden, damit Schlepper es abtransportieren können. Dafür sind mehrere zeitraubende Schritte nötig:

Bis dahin werden allerdings noch mehrere Monate ins Land gehen. Erst hatten die Inselgemeinde und das Bergungsteam gehofft, die "Costa Concordia" noch 2012 abschleppen zu können. Dann hieß es, die Techniker werden es bis spätestens Mai 2013 schaffen. Damit wäre wenigstens die Urlaubssaison 2013 gerettet gewesen. Nun rechnen die Techniker des Bergungskonsortiums mit September oder Oktober.

Schuld an der Verzögerung seien nicht zuletzt die widrige See und die schwierige Bodenbeschaffenheit, wie die Experten von Bergungsteam und italienischem Zivilschutz wiederholt erklärten. Diese hätten die Verankerung der für das Unterwasserpodest notwendigen 60 Stützpfähle im Meeresboden erschwert.

Inselbewohner fürchten um ihre Existenz

Die Sorgen von Inselbewohnern und Umweltschützern wachsen derweil. Denn die Probleme sind vielfältig. Den Bewohnern der als Naturparadies bekannten Insel - "Il Giglio" bedeutet übersetzt "Die Lilie" - geht es vorrangig um ihre finanzielle Existenz. 30 Prozent weniger Urlauber habe man im Sommer 2012 gehabt, klagt Gemeindesprecher Cristiano Pellegrini. Die Tausenden Schaulustigen, die das Wrack in der Zwischenzeit anzog, änderten nichts an der kritischen Lage. Denn die blieben immer nur für ein paar Stunden und sorgten oft für zusätzlichen Ärger. So seien vorigen Samstag fünf deutsche Jugendliche bei dem Versuch, sich dem Wrack in einem Schlauchboot zu nähern, beinahe ertrunken.

Auch die Angst vor Umweltgefahren ist groß. Während der Arbeiten wird ständig die Verschmutzung des Wassers und des Meeresbodens untersucht - und sogar, ob der Krach der Arbeiten Flora und Fauna beeinträchtigt.

Auf der Webseite der regionalen Umweltbehörde Arpat gibt es eigens eine Rubrik: "Emergenza Costa Concordia". Dort stehen unter anderem die regelmäßig kontrollierten Wasserwerte um das Wrack. "Mit jeder Verzögerung wachsen die Gefahren für die Gewässer erheblich", hatte der Sprecher des Umweltschutzverbands Legambiente, Angelo Gentili, schon vor Monaten gewarnt. Die Umweltbehörden begleiten die Bergungsarbeiten, damit möglichst wenig von der sensiblen Meeresflora und -fauna zerstört wird.

mbe/jus/dapd

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