Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Drohende Kernschmelze: Radioaktives Cäsium sickert aus japanischem AKW

Japan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Im AKW Fukushima 1 ist die Radioaktivität schon auf das Tausendfache des Normalmaßes gestiegen - aus dem Meiler sickert radioaktives Cäsium. Auch für ein weiteres Kraftwerk gilt der Notstand, die Evakuierungszone wurde ausgeweitet.

Tokio - Die Lage am beschädigten japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 (Fukushima-Daiichi) spitzt sich dramatisch zu. Aus dem Meiler ist radioaktives Cäsium ausgetreten, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Atomsicherheitskommission. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kernbrennstäbe des Reaktors schmelzen, sei hoch, meldet die Agentur Jiji unter Berufung auf die Atombehörde. Möglicherweise seien sie sogar schon geschmolzen.

In der Umgebung der Anlage steigt die Radioaktivität, wie die Behörden mitteilten. Die Evakuierungen in dem Gebiet wurden ausgeweitet. Der japanische Premierminister Naoto Kan forderte die Menschen in einem Radius von zehn Kilometern um das Kraftwerk auf, sich in Sicherheit zu bringen. Davon sind nach Angaben der BBC 45.000 Menschen betroffen. Kan will die Anlage am Samstagmorgen besichtigen.

Am Tag nach der Doppelkatastrophe aus Erdbeben und Tsunami wird in Japan das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar. ganze Regionen, vor allem im Norden des Landes sind verwüstet, die Regierung hat 50.000 Soldaten ins Katastrophengebiet geschickt ( Liveticker hier).

Vor allem die Kernkraftwerke bereiten große Sorge. Am frühen Samstagmorgen deutscher Zeit berichtete die Nachrichtenagentur AP, Japan habe auch für die Anlage Fukushima 2 (Fukushima-Daini) den nuklearen Notstand ausgerufen. Tepco hatte zuvor mitgeteilt, das Kühlsystem von drei Reaktoren in Fukushima-Daini sei ausgefallen. Laut dem "Guardian" brach das System zusammen, als die Temperatur des Kühlwassers auf über 100 Grad stieg. Nach dem Ausfall der Kühlanlage in Fukushima 2 ordneten die Behörden auch dort Evakuierungen an. Die Anwohner in einem Umkreis von drei Kilometern müssen ihre Häuser verlassen.

Die Anlage Fukushima-Daini befindet sich etwa zehn Kilometer südlich von Fukushima-Daiichi. Laut Tepco ist der Druck in den Reaktoren konstant, steige aber in den Sicherheitsbehältern. Ob hier der Bedarf bestehe, Druck abzulassen, sei noch unklar, sagte ein Sprecher. Sollte es dazu kommen, würde auch Radioaktivität freigesetzt.

Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Kyodo wurde in Fukushima-Daiichi ein Grad an Radioaktivität gemessen, der tausendmal über dem Normalwert liegt. Die Agentur berief sich auf offizielle Angaben. Eine Sicherheitskommission stellte den Wert den Angaben zufolge im Kontrollraum Nummer 1 des Atomkraftwerks fest.

Die Radioaktivität liege außerhalb des Kraftwerks um ein Achtfaches über dem Normalwert, sagte Kan laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Jiji. Das Betreiberunternehmens Tepco (Tokyo Electric Power Company) bestätigte, möglicherweise sei Radioaktivität ausgetreten. Auch ein Regierungsmitarbeiter sagte, dass die "Möglichkeit eines Lecks" bestehe. Nach offiziellen Angaben besteht keine unmittelbare Gesundheitsgefährdung für die Menschen in dem Gebiet.

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA teilte am Freitagabend mit, Japan habe sich entschlossen, in dem vom Erdbeben beschädigten Reaktor Fukushima-Daiichi Druck abzulassen. Die IAEA berief sich auf japanische Behörden. Nach einer Experteneinschätzung aus Wien ist es unwahrscheinlich, dass dabei keinerlei Radioaktivität freigesetzt wird.

Dampfablass soll Druck in Reaktorbehälter verringern

Das Ablassen von radioaktivem Dampf soll den Druck in einem von sechs Reaktorbehältern verringern. Die japanische Atomaufsichtsbehörde Nisa (Nuclear and Industrial Safety Agency) sagte, der Druck sei anderthalbmal so hoch wie normal. Das japanische Handelsministerium teilte mit, der Druck könnte sogar das 2,1fache dessen überstiegen haben, wofür das Turbinengebäude ausgelegt ist. Nach Angaben der Nisa weiß das Betreiberunternehmen Tepco (Tokyo Electric Power Company) nicht, wie stark die radioaktive Strahlung im Inneren ist.

Fotostrecke

27  Bilder
Erdbeben in Japan: Der Tag nach dem Tsunami
Der japanische Regierungssprecher Yukio Edano sagte, durch Ablassen des Drucks könne Radioaktivität in die Umwelt gelangen: "Es ist möglich, dass radioaktives Material im Druckbehälter durch ein Leck nach außen gelangen könnte." Die Menge sei aber gering. Weil bereits Evakuierungen angeordneten seien und der Wind Richtung Meer wehe, "können wir Sicherheit garantieren", sagte Edano auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz.

Als Vorsichtsmaßnahme hatte die Regierung dennoch den nuklearen Notstand ausgerufen - erstmals in der Geschichte des Landes. Diese Maßnahme ist zwingend, wenn Strahlung austritt, der Kühlwasserstand einen gefährlichen Wert erreicht oder das Kühlsystem ausfällt.

Ursache für den zu hohen Druck ist die defekte Kühlung der Brennstäbe. Sie war zusammengebrochen, weil die Stromversorgung des Kühlsystems durch das Erdbeben ausgefallen war. Selbst die Notstromgeneratoren hatten versagt. Derzeit läuft die Kühlung für einen der Reaktorbehälter nach Angaben der Behörde nur mit Batteriebetrieb.

Sören Kliem vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf erklärte SPIEGEL ONLINE, ungefähr fünf bis sechs Stunden nach dem kompletten Ausfall des Kühlsystems drohten gravierende Probleme.

Wenn die Kühlung nicht wiederhergestellt werden kann, droht im schlimmsten Fall eine Kernschmelze. Bei einer Kernschmelze werden die Brennstäbe im Reaktorkern so heiß, dass sie schmelzen. Es kann dadurch zu einer unkontrollierten Kettenreaktion kommen - und schlimmstenfalls zur Explosion des gesamten Reaktors. Das geschah bei der Katastrophe von Tschernobyl 1986.

Fotostrecke

19  Bilder
Erdbeben und Tsunami: Verwüstung in Japan
Nach Angaben der Nisa ist es Tepco bisher nicht gelungen, die Stromversorgung für das Kühlwassersystem wiederherzustellen. Die Ingenieure täten ihr Möglichstes, um das Kühlsystem wieder in Betrieb zu setzen, teilte die Behörde mit. Der Erfolg dieser Maßnahme sei jedoch nicht garantiert. Die US-Luftwaffe schickte nach Angaben von Außenministerin Hillary Clinton Kühlmittel zu dem AKW. Am Abend widersprachen US-Offizielle jedoch dieser Darstellung. Den Angaben zufolge hatte Japan die USA um das Material gebeten, aber letztlich die Sache in die eigenen Hände genommen.

Zum Zeitpunkt des Bebens waren drei von sechs Reaktoren des Atomkraftwerks in Betrieb. Alle wurden abgeschaltet. Ein Tepco-Sprecher sagte, die drei anderen Reaktoren seien ohnehin wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb gewesen.

Das Atomkraftwerk liegt im Nordosten Japans, etwa 270 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Tokio.

Spezialeinheit zum AKW entsandt

Eine Spezialeinheit der Polizei wurde zum dem AKW entsandt. Die Einheit ist ausgebildet für den Fall eines Anschlags mit chemischen oder nuklearen Waffen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen sagte am Freitagabend in Berlin, wenn die Notstromversorgung, die die Kühlung der Reaktorblöcke aufrechterhalten sollte, nicht wieder in Gang gebracht werde, müsse mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Für Deutschland bestehe aber keine Gefahr. Die Entfernung zu Japan sei zu weit. Ein Krisenstab in Bonn verfolge ständig das Geschehen in Japan.

Die Naturkatastrophe hat auch eine weitere Atom-Anlage beschädigt. Im Erdbebengebiet wird auch die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho derzeit mit Notstrom gekühlt. "Hier liegen rund 3000 Tonnen hochradioaktiver abgebrannter Brennstoff", sagte der Atomexperte Mycle Schneider. Das entspreche etwa der Menge an Brennstoff, die in 25 bis 30 Atomreaktoren gelagert wird. "Wenn die Brennstäbe nicht gekühlt werden, entzünden sie sich selbst", erklärte Schneider.

Das japanische Atom-Informationsforum bestätigte am Freitag, dass auch die Anlage in Rokkasho mit Dieselgeneratoren betrieben werde. Die Notgeneratoren seien allerdings nicht darauf ausgelegt, langfristig zu laufen, sagte Schneider, der mehrere Dutzend Male als Atomexperte in Japan war. "Wenn so eine Wiederaufbereitungsanlage in Brand gerät, weil die Kühlung versagt, entweicht Radioaktivität."

In Japan sind 54 Reaktoren an 14 verschiedenen Standorten am Netz. Drei weitere Atomkraftwerke sind im Bau, elf werden geplant. Da Japan zu den erdbebenreichsten Ländern der Erde zählt, gelten dort besonders hohe Anforderungen an die Sicherheit der Kraftwerke. Bei Erdstößen werden Reaktoren automatisch abgeschaltet. Trotzdem kam es in der Vergangenheit nach Erdbeben zu Störfällen.

Die wegen der Naturkatastrophe abgeschalteten Reaktoren produzieren 18 Prozent des Atomstroms in Japan. Atomenergie deckt 30 Prozent des Energiebedarfs des Landes. Viele Reaktoren wie Fukushima liegen in erdbebengefährdeten Gebieten.

ulz/dapd/AFP/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 269 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Der Markt, 11.03.2011
Atomkraft, nein Danke.
2. Atomkraft NEIN Danke
kdshp 11.03.2011
Zitat von sysopJapan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Im AKW Fukushima ist die Radioaktivität nach einem Agenturbericht auf das*Tausendfache des normalen Wertes gestiegen.*In der Umgebung werden ebenfalls deutlich erhöhte Werte gemessen - die Evakuierungen sollen ausgeweitet werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750459,00.html
Hallo, ich dachte AKW`s wären sicher auch gegen erdbeben? Mir graut es das unsere alten AKW´s dank der CDU jetzt länger laufen dürfen.
3. Cool (!!!!!),
WehrtEuch 11.03.2011
Zitat von sysopJapan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Im AKW Fukushima ist die Radioaktivität nach einem Agenturbericht auf das*Tausendfache des normalen Wertes gestiegen.*In der Umgebung werden ebenfalls deutlich erhöhte Werte gemessen - die Evakuierungen sollen ausgeweitet werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750459,00.html
denn im Internet können sich die japanischen Anwohner informieren, wie gefährlich es wirklich ist. So wie wir hier in Deutschland dann mal später auch: http://www.bousai.ne.jp/eng/speedi/pref.php?id=07 Die menschliche Hybris ist wirklich unfassbar. Wir wussten es doch seit langem alle.
4. ...
mel80 11.03.2011
Zitat von sysopJapan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Im AKW Fukushima ist die Radioaktivität nach einem Agenturbericht auf das*Tausendfache des normalen Wertes gestiegen.*In der Umgebung werden ebenfalls deutlich erhöhte Werte gemessen - die Evakuierungen sollen ausgeweitet werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750459,00.html
Ich glaube dazu muss man nichts mehr sagen....
5. Lieber SPON -was soll das?
sapere_aude!, 11.03.2011
Zitat von sysopJapan muss eine nukleare Katastrophe fürchten: Im AKW Fukushima ist die Radioaktivität nach einem Agenturbericht auf das*Tausendfache des normalen Wertes gestiegen.*In der Umgebung werden ebenfalls deutlich erhöhte Werte gemessen - die Evakuierungen sollen ausgeweitet werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750459,00.html
Es gibt bereits eine Diskussionsplattform - warum noch eine???? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=31189&page=15
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Karten: Vom Beben zur Riesenwelle

Leseraufruf

Ein Erdbeben hat Japan erschüttert, unmittelbar danach traf eine Tsunami-Welle das Land. Sind Sie gerade vor Ort? Dann schildern Sie Ihre Erlebnisse, schicken Sie uns Bilder oder Videos!

Mit der Einsendung bestätigen Sie, dass Sie einer honorarfreien Veröffentlichung zustimmen.

Karte

Atomkraftwerke in Japan Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Atomkraftwerke in Japan

Kühlung eines Siedewasserreaktors

Wenn es in einem Siedewasserreaktor zu Problemen kommt, werden sogenannte Steuerstäbe mit Cadmium- oder Borverbindungen zwischen die Uran-Brennelemente gefahren. Die Kernspaltung geht aber, gebremst, weiter. Um sie unter Kontrolle zu halten, muss der Reaktordruckbehälter dauerhaft mit Wasser gekühlt werden. Dafür sind Pumpen erforderlich, die mit Strom und im Pannenfall mit Dieselgeneratoren betrieben werden.

Wenn die generatoren ausfallen, kommen Batterien zum Einsatz. Problematisch wird es, wenn auch ihnen der Strom ausgeht. Dann kommt es nach einigen Stunden zur Kernschmelze. Teile des geschmolzenen Reaktorkerns können auf den Boden des Druckbehälters stürzen - und diesen ebenfalls aufschmelzen.


Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: