Zivile Nutzung Drohnen sollen Killer-Image verlieren

Drohnen sind als Kriegswerkzeug berüchtigt und als Spione gefürchtet. Doch sie können noch viel mehr. Die Branche will nun den zivilen Nutzen der Geräte herausstellen.

Aus Orlando berichtet

REUTERS /General Atomics

Thomas Snitch leitet eigentlich das Institut für Informatik an der University of Maryland. Doch auf der Bühne wirkt der breitschultrige, schnauzbärtige Mann so gar nicht wie ein Fachmann für Formeln und Algorithmen. "Es gibt sehr gute Neuigkeiten in Sachen Wilderei", ruft Snitch mit schneidiger Stimme. Am Freitag werde sein Team im berühmten Krüger-Nationalpark in Südafrika mit nächtlichen Drohnen-Operationen beginnen. Drei Jahre lang habe man um die Genehmigung gekämpft, jetzt werde man zehn unbemannte Spähflugzeuge einsetzen. "Ich denke, dass wir am Samstagmorgen ein paar tote Wilderer an der Grenze zu Mosambik haben werden", tönt Snitch.

Spontaner Applaus brandet durch den Saal im Orange County Convention Center in Orlando (US-Bundesstaat Florida). Hier fand diese Woche eine der weltgrößten Drohnen-Tagungen statt, die "Unmanned Systems" der Association for Unmanned Vehicle Systems International (AUVSI). Und Snitch hat soeben genau die Art von Neuigkeit präsentiert, die sein Publikum herbeisehnt: Drohnen, so lautet die Botschaft, tun Gutes.

Die im Nationalpark eingesetzten kleinformatigen Drohnen überwachen mit ihren Infrarotsensoren Wildtierherden. Algorithmen, an denen Snitch und seine Kollegen sieben Jahre lang gearbeitet haben, sollen die Bewegungen der Tiere voraussagen und die Ranger an die richtigen Stellen leiten. "Natürlich", beteuert Snitch, "werden die Wilderer die Chance bekommen, ihre Waffen niederzulegen und sich zu ergeben." Nur würden sie diese Aufforderung vermutlich nicht besonders ernst nehmen - weshalb es wohl zu einem Feuergefecht kommen werde. Die Wildhüter würden dank der Drohnen "genau sehen, wo diese Typen sind, obwohl es rabenschwarze Nacht ist", sagt Snitch.

Image-Kampagne für Drohnen

Der Schutz seltener Tiere ist nicht das einzige Beispiel, mit dem die Industrie versucht, das Image von Drohnen zu verbessern. Es begann zunächst mit einer Kampagne gegen den Begriff selbst. "Drohne", so glauben viele Experten, wecke Assoziationen mit Krieg und Tod. Verbände wie die AUVSI schlugen deshalb Wortungetüme wie "Unbemanntes Luftfahrzeug" ("Unmanned Aerial Vehicle", kurz UAV) oder "Ferngesteuertes Luftfahrzeug" ("Remotely Piloted Aircraft", RPA) vor.

Doch inzwischen scheint der Großteil der Branche erkannt zu haben, dass dieser Kampf verloren ist. Auf der Konferenz waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion über den "Drohnen-Stereotyp" bemerkenswert einig: "Die Schlacht ist vorbei, das Wort 'Drohne' hat gewonnen", meinte Technik-Journalist Kelsey Atherton. "Gebt auf und akzeptiert es!", sagte Jon Eyerman vom US-Meinungsforschungsinstitut RTI. "Wir sollten keine Zeit mehr mit dieser Begriffsdebatte verschwenden, sondern erklären, wozu die Technologie gut ist", sagt der ehemalige Militärpilot John Coffey.

Letzteres versucht die Branche inzwischen konzertiert. Ihre Vertreter betonen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, was Drohnen alles können, außer zu töten und zu spionieren. Dazu muss sogar das Zwergkaninchen herhalten.

Kurze Ohren, Stupsnase, fluffiges Fell: Brachylagus idahoensis ist die Fleisch und Pelz gewordene Niedlichkeit. Die US-Geologiebehörde USGS hat das Treiben der Nager, die im Westen der USA leben, mit Drohnen von Aerovironment erforscht - einem Unternehmen, das sich sonst gern damit brüstet, größter Lieferant taktischer Drohnen für die US-Streitkräfte zu sein.

Im Angebot hat die Firma Spähflugkörper, die Soldaten im Kampf mit Informationen versorgen, und die Kamikaze-Drohne "Switchblade", die sich auf Feinde stürzen und sie in die Luft sprengen soll. Doch Drohnen würden auch von der US-Weltraumbehörde Nasa zur Erkundung vulkanischer Wolken genutzt, betont Aerovironment-Marketingchef Steven Gitlin. Und die Ozeanbehörde NOAA beobachte auf diese Weise Seelöwen und erforsche Tornados. "Aber die Zwergkaninchen von Idaho", sagt Gitlin, "die habe ich am liebsten."

Wandel von Hart zu Weich

Die Nager taugen zum Symbol des Wandels, den die Drohnenindustrie vollziehen will: von Hart zu Weich, von Krieg zu Frieden. Getötet wird freilich immer noch, das Militär ist weiterhin einer der größten Kunden. Doch die Zukunft liegt für viele Unternehmen in anderen Anwendungen.

Eine davon ist die Verbrecherjagd. Alan Frazier, Luftfahrt-Professor von der University of North Dakota, stellte auf der AUVSI-Konferenz ein Testprojekt in Grand Forks County im US-Bundesstaat North Dakota vor. In dem Bezirk wurden vier Spähdrohnen insgesamt rund hundert Stunden lang eingesetzt. Sie hätten sich als "äußerst effektiv" bei der Suche nach Verdächtigen, Unfall- oder Verbrechensopfern erwiesen und seien viel billiger zu betreiben als etwa Helikopter, sagte Frazier, der selbst als Teilzeit-Hilfssheriff in Grand Forks County arbeitet. Zehntausende Behörden in den USA könnten auf diese Weise Zugang zu Luftbildern bekommen, die sonst zu teuer wären.

Erfolge dieser Art hat die Branche bitter nötig. Der Afghanistan-Einsatz geht zu Ende, die USA senken ihre militärischen Ausgaben, die Industrie fürchtet ein Ende der goldenen Jahre. Doch einem neuen Boom auf dem zivilen Markt stehen zwei Hindernisse im Weg:

  • Der Ruf der Drohnen als Killermaschinen und Bedrohung der Privatsphäre will einfach nicht weichen. "Das Verteidigungsministerium besitzt mehr als 10.000 Drohnen", sagt Bill Powers vom Potomac Institute for Policy Studies. "Nur 350 davon sind bewaffnet, aber die kriegen die ganze Publicity."
  • Einheitliche Gesetze, welche die Nutzung unbemannter Flugkörper verlässlich regeln und Investitionssicherheit bieten, liegen noch Jahre in der Zukunft.

Ausgerechnet zum Auftakt der AUVSI-Konferenz wurden schlechte Neuigkeiten publik: Die US-Luftfahrtbehörde FAA wird wahrscheinlich noch länger benötigen als geplant, um kleine Drohnen in den Luftverkehr zu integrieren. Das sollte eigentlich 2015 geschehen. Doch der republikanische Abgeordnete John Mica sagte auf der Tagung, dieses Ziel werde vermutlich nicht zu halten sein.

Die Branche wolle Planungssicherheit, um mit dem kommerziellen Einsatz von Drohnen zu beginnen, sagte Mica. "Aber leider funktioniert das Regieren nicht immer auf diese Weise." Die Sorgen der Öffentlichkeit bezüglich der Privatsphäre und der Sicherheit müssten berücksichtigt werden.

"Extrem frustrierend"

Die Lage sei "extrem frustrierend" sagte Stephen McKeever, Forschungs- und Technologieminister des US-Bundesstaats Oklahoma, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Fehlen klarer Regeln und Planungssicherheit sei nicht nur ein "Hindernis für Investitionen", sondern führe auch "zu einer gewissen Gesetzlosigkeit". Private Drohnenbetreiber - sowohl kleinere Unternehmen als auch Hobbyflieger - täten, was sie wollten. "Das ist ein Katz-und-Maus-Spiel", so McKeever. Wozu das führen kann, wurde erst vergangene Woche deutlich, als eine kleine Drohne in Florida beinahe mit einem Passagierflugzeug zusammenstieß.

Die Gesetzgeber stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Der Drohnenmarkt besteht aus extrem unterschiedliche Akteuren, vom Rüstungskonzern mit Großdrohnen bis hin zum Hersteller von Spielzeug-Mikrodrohnen. Mehr als 1700 Modelle soll es weltweit geben, ein Drittel davon kommt aus Europa. Auch dort bereitet die Integration von Drohnen in den zivilen Luftraum Probleme, wie zuletzt beim Desaster bei der Zulassung der "Eurohawk"-Spähdrohne für die Bundeswehr deutlich wurde.

Allerdings gibt sich McKeever optimistisch, dass zivile Drohnen ein großer Erfolg werden, wenn die Gesetzeslage erst einmal geklärt ist. Bill Powers vom Potomac Institute sieht das ähnlich. "Es wird einen enormen Entwicklungsschub geben", sagt der Ex-Kampfpilot. "Immerhin geht es ums Geld."

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insgesamt 11 Beiträge
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Lankoron 16.05.2014
1. Warum sollten
denn staatliche Dienste billige Luftbilder von meinem Grund und Boden bekommen? Regeln wären einfach: nur anlassbezogene Einsätze, keine Speicherung von unrelevanten Bildern, Mindestflughöhen, gesperrte Lufträume. Aber dank "Antiterrormassnahmen" wird sich ja schon Punkt 1 nicht durchsetzen. So langsam sollte jedem klar werden, dass alQuaida mit dem 11. September 2001 gewonnen hat: Aufgabe der Bürgerrechte, Folter, keine geregelten Gerichtsverfahren, Überwachung, Ausspähung, Einschränkung der Meinungsfreiheit.
roflem 16.05.2014
2. Peinlich!
Wer jemals diese Messeveranstaltungen besucht hat und GoGo Girls in Hotpants beobachten durfte, wie sie die neuste "intelligente" Rakete oder sonstiges Kriegsgerät anpriesen, der dürfte solche Werbung für "zivile" Nutzung als das erkennen, was sie ist: Peinliche Propaganda.
nepomuk23 16.05.2014
3. Verbrecherjagd
Die bösen Verbrecher zu jagen hat zwar noch ein positives Image, doch wer macht denn die Verbrecher zu dem was sie sind - Gesetze. Und die werden doch zur Zeit nach Wunsch der Mächtigen zusammengezimmert, geduldet vom Wahlvieh, Desinteresse auf allen Kanälen. In den USA gibt es inzwischen eine richtige Gefängnisindustrie. Diese braucht ständig neue Sklaven - three Strikes and you are out sag ich nur. Schöne neue Welt...
micromiller 16.05.2014
4. man kann denen ja wie bei den wirbelstuermen ueblich
nette namen geben... helga, siggi, angela oder heidi ... sie wirken dann sehr menschlich .. die boesen .. dann jack, barack und die sehr boesen .. iwan und wladimir.. etc ..
hangul 16.05.2014
5. Technology
setzt sich ueber Exekutive hinweg, Exekutive setzt sich ueber Judikative hinweg? Spinnen die alle? Niemals duerften solche Geraete mit autonomen Schussbefehlen ausgestattet werden. Das ist Mord, ob Frieden oder Krieg und alle verantwortlichen sind des Mordes schuldig. Begreift das niemand?
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