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Terror-Ängste: Frankreich rätselt über Drohnengefahr für Atomkraftwerke

Von , Paris

Drohne am AKW Civaux in Poitou-Charentes: Rätselraten über Hintergründe der Überflüge Zur Großansicht
citizenside.com

Drohne am AKW Civaux in Poitou-Charentes: Rätselraten über Hintergründe der Überflüge

Mysteriöse Drohnenflüge über Atommeilern verunsichern Frankreichs Behörden. Wer steckt hinter den koordiniert wirkenden Aktionen? Experten warnen vor Terrorgefahr, die Regierung wiegelt ab.

Die Bedrohungen heißen "Rocket", "Phantom", "Parrot" oder tragen kryptische Abkürzungen wie "QR X350 F7": Die Namen stehen für Drohnen, ferngesteuerte Fluggeräte, die Frankreichs Behörden seit Wochen in Aufregung versetzen - Militär, Energieversorger wie die Betreiber von Nuklearanlagen.

Solche im Handel erhältlichen Fluggeräte, in diesem Fall Quadcopter mit vier Rotoren, haben in den vergangenen Monaten fast drei Dutzend Mal französische Nuklearanlagen überflogen, oft nächtens und stets unbehelligt. Sie wurden über Uralt-AKW wie Fessenheim oder Cattenom gesichtet, dem Reaktor in Saclay - rund 20 Kilometer vor den Toren von Paris - oder über der Wiederaufbereitungsanlage von La Hague. Der im Abbau befindliche Reaktor von Creys-Malville in der Isere war gleich mehrfach Ziel der Drohnen.

Bisher ist rätselhaft, wer hinter den mysteriösen Flugbewegungen steckt: radikale Atomkraftgegner, gewiefte Industriespione oder gar Drahtzieher von Terroranschlägen? An manchen Tagen wurden vier Kraftwerke gleichzeitig überflogen, was auf ein koordiniertes Manöver schließen lässt. Doch die drei jungen Leute, die Anfang Oktober unweit des AKW Belleville-sur-Loire festgenommen wurden, entpuppten sich als harmlose Hobby-Drohnenpiloten.

Professionelles Gerät für 1000 Euro

Die batteriebetriebenen Senkrechtstarter sind im Handel frei erhältlich, brauchbare Modelle kosten zwischen 500 und 1000 Euro, Kamera inklusive. Die Bedienung ist leicht erlernbar, Firmen wie Drones-Lab empfehlen ein Rundum-Paket mit Ausbildung und Drohne.

Illegal ist das Überfliegen der Atommeiler in einer Höhe von unter 1000 Metern allemal, das gleiche gilt für den Betrieb der Rotorflieger im Umkreis von zweieinhalb Kilometern um die Nuklearanlagen. Auf einen Verstoß steht ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 75.000 Euro. Frankreichs Kernkraftbetreiber EDF hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Bisher ohne Erfolg.

Zunächst richtete sich der Verdacht gegen Umweltschützer von Greenpeace, bekannt für spektakuläre Aktionen. Die Organisation reagierte mit einer eigenen Studie, in Auftrag gegeben bei den britischen Atomexperten Large & Associates. Der Bericht, vergangene Woche überreicht an Premier Manuel Valls und Umweltministerin Ségolène Royal, bescheinigt den Atomanlagen Verwundbarkeit: Die Mehrheit der 58 französischen Reaktoren, meist Installationen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, befänden sich in einem "Zustand extremer Anfälligkeit gegenüber terroristischen Bedrohungen".

Greenpeace fordert die Abschaltung der Uralt-Reaktoren, doch die sozialistische Regierung in Paris - atomfreundlich wie ihre Vorgänger - wiegelt ab. Die Geräte, im Schnitt nur ein paar Kilo schwer, bedeuteten kein Risiko, versicherte das Innenministerium. Die Nuklearanlagen seien so konzipiert, dass sie dem Aufprall viel größerer Projektile widerstehen könnten. Und um die wirklich sensiblen Strukturen seien sogar "wahre Bunker" gebaut, robust genug, um selbst den Absturz eines tonnenschweren Flugzeugs zu überstehen.

Dabei gehören auch gezielte Sprengstoffangriffe durch mehrere Drohnen zu einem denkbaren Bedrohungsszenario, denn so könnte beispielsweise die Notstromversorgung der Atomkraftwerke lahmgelegt werden. In einem AKW, das gänzlich ohne Strom und damit ohne Kühlung wäre, könnte man eine Kernschmelze kaum vermeiden. Doch die Bedrohung aus der Luft wird heruntergespielt. Die Zuladung von zivilen Drohnen sei nicht groß genug, um Sprengstoff in gefährlichen Mengen zu transportieren, so die Behörde für Nuklearsicherheit ASN.

"Dschihadisten werden bald lernen"

Selbst wenn eine Drohnenattacke ein Kühlreservoir mit hochexplosivem Wasserstoff treffen würde, wären die Reaktoren nicht in Gefahr, sagt Philippe Dupuy dem Magazin "Science et Avenir". Der Stellvertreter der ASN-Direktion für Atomkraftwerke versichert: "Die Sicherheitsvorschriften sehen vor, dass die sensiblen Gebäude derartigen Schockwellen widerstehen könnten."

Innenminister Bernard Caszeneuve beschwichtigt ebenfalls. Maßnahmen seien getroffen, um "zu wissen, welche diese Drohnen sind und wie man sie neutralisieren kann". Dabei warnen Experten, dass Drohnenangriffe per Radar, Sonar oder Helikopter nur schwer abzuwehren seien. Sicherheit böten möglicherweise Störsender, um die Fernsteuerung der Drohnen auszuschalten.

Auch Greenpeace Deutschland hat vor einigen Tagen einen Bericht über die Drohnen-Gefahr für Atomkraftwerke veröffentlicht. Darin wird zwar deutlich, dass ein Angriff mit kleinen Drohnen allein wahrscheinlich keine größere Gefahr für ein AKW darstellte. Allerdings könnten die Fluggeräte auch zur Unterstützung eines Angriffs von innen oder aber zur Aufklärung im Vorfeld einer terroristischen Attacke genutzt werden.

"Unter den Leuten, die zur Dschihadisten-Bewegungen zählen, gibt es noch nicht die Fähigkeit einer taktischen Intervention mit Drohen", sagt der Kriminologe Christophe Naudin, "aber sie werden bald lernen." Eine Attacke, so der Fachmann für Luftsicherheit, sei binnen einiger Jahre möglich. "Jede technische Neuerung ist in der Geschichte für kriminelle Zwecke eingesetzt worden", meint Naudin. "Drohnen werden keine Ausnahme bilden."

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Verbieten, kontrollieren, verbieten ...
Konstrukt 28.11.2014
Dass es so lange gedauert hat, ist das einzige was wundert. Klar werden die Dinger bald nur noch gegen Bezugs- oder Waffenschein zu erwerben sein. Mehr als verbieten/kontrollieren dürfte der Politik jedenfalls kaum einfallen. Wird aber schwer werden, neben dem Drogen und allg. Waffenhandel jetzt auch noch den Handel mit Drohnen oder Teile zu kontrollieren. Arme Politik, schon wieder ein Angstfenster mehr.
2. die bedrohung kommt nicht aus der luft
averagejoe 28.11.2014
sondern vom boden. ein halbwegs vernünftig ausgebildetes terrorteam könnte spielend leicht den wachschutz von AKWs überwinden, dort vor ort die primäre netz- und sekundäre notstromversorgung sprengen sowie alles verminen. eine rettungsaktion würde zu lange dauern, um die stromversorgung zur kühlung der brennstäbe wiederherzustellen - zumal bei einem insidejob auch die kühlanlage an sich verwundbar wäre und bei wiederhergestellter stromversorgung genau gar nichts mehr macht. DAS ist es, was mir persönlich viel mehr sorgen bereitet.
3. das dicke Ende
claude 28.11.2014
Dass eine kleine Drohne wohl kaum ein AKW bedrohen kann, das liegt auf der Hand. Das dicke Ende könnte aber noch kommen, wenn Drohnen dazu genutzt werden, das Terrain auszuspionieren, für grössere Aktionen der Terroristen.
4. Quatsch
Roudotto 28.11.2014
Die Bedrohung war allgegenwärtig und wird jetzt durch Multikopter oder "Drohnen" auch nicht präsenter. Sonst wären schon vor 20 Jahren Spinner mit Modellflugzeugen, die bei weitem mehr Reichweite und Traglast haben, in die AKWs gekracht.
5. Peng!
rot 28.11.2014
Die Belästigung und oft massive Störung der Privatsphäre betrifft nicht ausschließlich Atomkraftwerke, sondern ist für Privatpersonen auch nicht mehr so ganz selten. Im Falle der Atomkraftwerke gäbe es ein ganz einfaches Mittel dem Übel abzuhelfen: Schrotflinte
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