E-Doping im Radsport Unerlaubte Substanz im Fahrrad

Heikler Trend im Radsport: Profis dopen mit Elektromotoren statt mit Chemie - erstmals wurde eine Fahrerin erwischt. Wie funktioniert die Technik?

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Von und (Grafiken)


Dopingfälle im Radsport haben eine gewisse Tradition. Doch jüngst sorgte ein Fall für großes Aufsehen: Die belgische Crossfahrerin Femke Van den Driessche hatte nicht ihren Körper mit chemischen Schnellmachern versorgt, diesmal steckte die unerlaubte Substanz in ihrem Rad.

In der Box der 19-jährigen Sportlerin wurde Ende Januar bei den Radcross-Weltmeisterschaften im belgischen Zolder ein Rad gefunden, das optisch identisch mit ihrer Wettkampfmaschine war. Doch im Carbongeflecht des Rahmens war ein Motor versteckt. Van den Driessche war nicht irgendwer im Peloton, als U-23-Europameisterin und Belgische Meisterin galt sie als eine der Favoritinnen, gab das Rennen aber kurz vor Schluss wegen technischer Probleme auf.

Dennoch sperrte sie der Radsport-Weltverband (UCI) kürzlich für sechs Jahre. "Es ist absolut eindeutig, dass ein technischer Betrug vorliegt", sagte UCI-Präsident Brian Cookson, die Fahrerin selbst sprach von einer Verwechslung und beteuerte, das Rad sei nicht ihres gewesen. Im Crossradsport ist es üblich, die Rennmaschine wegen der starken Verschmutzung während des Wettkampfs häufiger zu wechseln. Es wäre also leicht, ein elektrisch frisiertes Rad einzusetzen.

An mindestens drei Stellen eines Rennrads könnten elektrische Antriebe platziert sein
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An mindestens drei Stellen eines Rennrads könnten elektrische Antriebe platziert sein

Bemerkenswert ist der Fall vor allem deshalb, weil noch nie ein Profisportler mit einem versteckten Motor erwischt und damit des technischen Dopings überführt wurde.

Gerüchteküche auf Hochtouren

Dabei hatte es schon lange Gerüchte gegeben: Sie begannen mit einer Attacke von Fabian Cancellara vor sechs Jahren, die dem Schweizer Zeitfahrspezialisten 2010 den Sieg bei der Flandernrundfahrt einbrachte. Keiner konnte dem Antritt des Radprofis damals folgen. Mehr noch: Innerhalb weniger Meter hatte er ein so gewaltiges Loch gerissen, wie man es im Radsportzirkus selten sieht.

Den nötigen Druck für eine solche Attacke könne ein Cancellara in Höchstform durchaus auf die Pedalen bringen, meinten die Fans. Ein ehemaliger italienischer Profi dagegen sah den Grund für den Druck nur zum Teil in Cancellaras Muskulatur: Handbewegungen an seinem Lenker sollen damals einen versteckten Motor in Gang gesetzt haben, der ihm das nötige Plus an Leistungswatt eingebracht habe. Das legte der Mann in einem vielbeachteten YouTube-Video nahe.

Überführt wurden weder Cancellara noch andere Profis wie etwa der Kanadier Ryder Hesjedal, dessen Hinterrad sich nach einem Sturz bei der Spanienrundfahrt 2014 auf dem Asphalt liegend anscheinend wie von selbst weiterdrehte.

Das Internet ist seitdem voll von Videos, die verdächtige Fahrräder im Profisport zeigen sollen. Zudem mehren sich Stimmen, darunter etwa die des ehemaligen Tour-de-France-Gewinners Greg LeMond, die von einem realen Problem sprechen. Klar ist auch: Technische Systeme, die versteckt Hilfe leisten können, sind längst auf dem Markt verfügbar. Was können sie leisten?

200 Watt aus dem Sattelrohr

Die Firma Vivax etwa bietet für knapp 3000 Euro ein System an, bei dem der Motor in das Sattelrohr eingebaut wird und der Akku etwa in einer Trinkflasche am Rahmen versteckt werden kann. Ein Zahnkranz überträgt die Kraft auf die Kurbelachse des Rads. Der Motor wird über Bluetooth aktiviert, der versteckte Schalter befindet sich unter dem Lenkerband oder an den Bremsschaltgriffen - so war es laut UCI auch bei Van den Driessche.

Inzwischen gibt es verschiedene Anbieter, die Marke Typhoon etwa verkauft ihre eleganten Rennräder mit einem nur 1,7 Kilogramm leichten Motor und Akku an ambitionierte Hobbyfahrer. Der Leistungszuwachs ist erheblich, Vivax spricht von 200 Watt, die 60 Minuten zur Verfügung stehen, Typhoon von 250. Für Profis, die mit einer Trittfrequenz weit über 100 Umdrehungen pro Minute kurbeln, müsste allerdings die Übersetzung des Motors angepasst werden. "Über das Zahnkranzgetriebe und eine hierauf abgestimmte Drehzahlregelung in der Motorelektronik dürfte das aber kein Problem sein", sagt Jörn Steinbrink vom Institut für Antriebssysteme und Leistungselektronik der Uni Hannover.

Ein Fahrer könnte so im Finale eines Rennens Kraft sparen. Experten taten die Verdächtigungen zunächst ab: Der Motor sei zu laut und könne mindestens von der Konkurrenz gehört werden, zudem seien die Akkus zu schwer. Allerdings sind Rollgeräusche von Carbonlaufrädern, wie sie Profis häufig benutzen, ebenfalls sehr laut und könnten nach Ansicht von Experten das Motorengeräusch überdecken.

Motor und Akku stecken im Sattelrohr
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Motor und Akku stecken im Sattelrohr

"Wenn er federnd aufgehängt wird, würde dies die Geräuschabstrahlung deutlich reduzieren", sagt Steinbrink. Zudem wurde das System weiterentwickelt. Die Akkus können mittlerweile ebenfalls im Rahmen versteckt werden. Hier ist von außen nicht erkennbar, dass ein Motor eingebaut wurde.

Doch glaubt man neuesten Berichten, sind die Minimotoren im Sattelrohr längst überholt. Ein leiseres System, bei dem mit einem elektromagnetischen Antrieb gearbeitet wird, sei bei Profis im Umlauf, berichtete die italienische Sportzeitung "Gazzetta dello Sport" vor einigen Wochen. Auch ein TV-Bericht aus Frankreich bestätigt die neue Technik - die Journalisten trafen in Ungarn den Radtechniker Stefano Varjas, der das System auch an Profis verkauft haben will. Dabei wird eine Hinterradcarbonfelge frisiert, indem dort Magneten eingearbeitet werden.

Sieben Fahrer mit verdächtiger Wärmeentwicklung

Die Spulen, die ein elektromagnetisches Feld erzeugen, sitzen im Rahmen an den Kettenstreben auf Höhe der Bremsen, der Akku kann im Sattelrohr versteckt werden. Bei dieser Technik nutzt man die Polarität für den Antrieb, denn gleichpolige Magneten stoßen sich ab. Man spricht auch von einem Transversalfluss-Motor - die Technik wurde auch im Transrapid verwendet.

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Der sehr geräuscharme Motor soll etwa über die Pulsuhr des Fahrers gestartet werden können. So ein Laufrad würde bis zu 200.000 Euro kosten und ist damit eher etwas für die Stars der Radsportszene.

"Die Herausforderung ist, an der richtigen Stelle ein ausreichend großes Magnetfeld zu erzeugen", sagt Steinbrink. Zudem müsse der Spalt zwischen Elektromagneten am Rahmen und den mit der Felge rotierenden Magneten möglichst klein sein, "ansonsten wird die Effizienz verringert". Nicht zuletzt sei auch die Ansteuerung deutlich schwieriger als bei einem Sattelrohrmotor

Entsprechend soll der Leistungszuwachs bei eher bescheidenen 60 Watt liegen - aber auch das kann bei einem Eintagesrennen, wo die Durchschnittsleistung eines Profis über die gesamte Renndauer schon mal bei über 300 Watt liegen kann, in der entscheidenden Rennsituation das Zünglein an der Waage sein.

In der Felge sind Magneten versteckt
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In der Felge sind Magneten versteckt

Die Firma Lightweight, bekannt für edle Karbonlaufräder, hat mit einem Prototypen demonstriert, wie leistungsstark ein solcher Transversalfluss-Motor sein kann. Das Modell Velocité beschleunigt seinen Fahrer auf unglaubliche 100 km/h. Pro Felgenseite sorgen 180 Magnetplättchen für den Antrieb - im Rahmen versteckt sind sechs Kupferspulen.

Der Clou des Velocité-Bikes: Von außen deutet kaum etwas darauf hin, dass das Rad einen 500 Watt starken Antrieb unter den Kohlefasern des Rahmens versteckt hat. Dennoch hält Simon Thanner von Lightweight es für unwahrscheinlich, dass die Antriebstechnik für betrügerische Absichten miniaturisiert werden könnte. "Für die Spulenkörper braucht man in unserem Rad Bauraum, den es in keinem Rennrad gibt", sagt er.

Prinzipiell wären auch Motoren in der Hinterradnabe möglich. Bei E-Bikes für Alltagsradler sind diese ja schon länger üblich, neben den Mittelmotoren, die am Tretlager angebracht sind. Schwierig dürfte es allerdings werden, die Hinterradmotoren so klein zu bauen, dass die Nabe nach wie vor schlank aussieht.

Wie aber überführt man E-Doper? Beim Strade Bianchi und einem weiteren Rennen in Italien legten sich französische Journalisten mit einer Wärmebildkamera auf die Lauer. Anschließend wurden die Bilder von einem Experten ausgewertet. Der will bei sieben Fahrern verdächtige Wärmeentwicklungen ausgemacht haben, die auf den Einsatz eines Akkus oder eines Motors schließen lassen.

Verräterische Wärme

"Im Rennsport ist vieles möglich, das sehen wir in der Formel 1. Wenn solche Antriebe gezielt für betrügerische Zwecke entwickelt werden, wird man sie auch in einem Fahrrad verstecken können", so Steinbrink. Die Energiewandlung erfolge aber nie verlustfrei, weshalb solche Komponenten stets eine verdächtige Wärmequelle darstellten.

Der Profiradsportverband UCI hat inzwischen auf die Problematik reagiert und scannt seit einigen Monaten vor Wettkämpfen Räder auf Motoren und Akkus. "Wir glauben, dass Motordoping eine ernsthafte Bedrohung für unseren Sport ist, wir nehmen das sehr ernst", so Brain Cookson. Erst Anfang des Vorjahrs wurde der Strafenkatalog um den Punkt "technologischer Betrug" erweitert.

Ein neues Kontrollsystem, bei dem die Funktionäre mit einem Tablet-PC Räder auf magnetischen Fluss kontrollieren wollen, hat der Weltverband erst kürzlich vorgestellt. "Durch die neue Methode können alle Formen der bisher bestehenden Motortechniken entdeckt werden", sagt Cookson und fügt hinzu: "Soweit wir es wissen."

E-Bike im Alltagstest
insgesamt 61 Beiträge
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hman2 23.05.2016
1. Leistungswatt?
Ich fände es schön, wenn SPON mal nicht immer neue physikalische Begriffe erfinden würde. Es gibt die Leistung, und die Maßeinheit dafür ist 1 Watt. Oder müssen wir jetzt mit Spannungsvolt, Stromampere oder anderen Dingen rechnen? Schön wäre auch, wenn Grafikern mal bei Zeichnungen wie dem Motor im Sattelrohr auffallen würde, dass ein Getrieb so, wie es gezeichnet ist, gar nicht funktionieren kann...
xc6lx45 23.05.2016
2. Pfennige drüber!
Bei den berührungslosen Antriebsvarianten kann wohl selbst ein Laie den Betrug mittels einer Pfennigmünze leicht nachweisen: Die extrem starken Permanentmagnete können nicht abgeschaltet werden. Die Münze wird vom Magnet angezogen, möglicherweise so stark, dass man sie mit den Fingern gar nicht mehr losbekommt.
moi1 23.05.2016
3.
Das war ja klar, bei (E)Doping im Radsport steht SPON selbstverständlich in der ersten Reihe. Bei Doping im Fußball weiterhin Augen, Ohren, Sprache fest geschlossen. Ist ja auch ein Investment! Bei aller Radsport-Problematik, ein bisschen mehr Ausgewogenheit bitte.
gumbofroehn 23.05.2016
4. Im Grunde gibt es ...
... für versteckte Hilfsantriebe doch einen viel größeren Markt als es der Betrug bei Radrennen jemals sein könnte: Rentner, die es satt haben, auf ihrem Pedelec ausgelacht und von richtigen Radfahrern mit maliziösem Grinsen überholt zu werden.
Ein_denkender_Querulant 23.05.2016
5. Das lohnt nicht!
Pedelecs sind auf 25 km/h begrenzt, so langsam fährt kein Rennradprofi. Was soll diese Technik in Rennrädern also bringen? Wieviel Leistungswattstunden soll denn ein Akku in der Größe einer Trinkflasche aufnehmen? Wenn überhaupt funktioniert es mit Strom aus Urin, davon haben die Fahrer genug. Man sollte die Dopingsünder daran erkennen können, dass sie in den Rahmen pinkeln! http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/strom-klo-forscher-erzeugen-strom-aus-urin-a-1021903.html
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