Hochwasser Wie sich Deutschland besser schützen kann

Kann sich Deutschland künftig effektiv vor Hochwasser-Katastrophen schützen? Ideen gibt es genug: Schon an der Quelle, sagen Wissenschaftler, könnte man Fluten stoppen.

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Deichbruch bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt: Besser als letztes Mal?
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Deichbruch bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt: Besser als letztes Mal?


Hamburg - Immerhin, diesmal kam die Hochwasser-Warnung rechtzeitig: Im Gegensatz zu 2002, als viele Orte von den Fluten überrascht wurden, konnten sich die Menschen 2013 vorbereiten, weil die Wetterdienste weit im Voraus gefährliche Regenmengen vorhergesagt hatten.

Dennoch sind die Schäden auch diesmal gewaltig - und die Frage, wie sich "Jahrhundertfluten" künftig endlich vermeiden lassen, ist angesichts des Ausmaßes des Hochwassers dringender denn je.

Fluten an der Quelle stoppen

Dazu verfolgen Ingenieure eine raffinierte Idee: Sie wollen die Wassermassen bereits dort stoppen, wo sie entspringen - im Gebirge. In den Bergen stauen sich Wolkentürme, dort fällt der meiste Regen. Das Hochland werde bei der Planung zu wenig berücksichtigt, sagt der Hydrologe Achim Schulte von der Freien Universität Berlin.

Künstliche Becken könnten im Ernstfall das Wasser eine Zeitlang zurückhalten. Zusammen mit seinem Kollegen Christian Reinhardt und anderen Forschern der Freien Universität Berlin hat Schulte den Effekt kleinerer Rückhaltebecken im Erzgebirge durchgerechnet: Hochwasserwellen dortiger Flüsse könnten um bis zu 40 Prozent verkleinert werden, das zeigten ihre Computersimulationen.

In der Ortschaft Rübenau im Erzgebirge etwa richtete die Flut von 2002 einen Millionenschaden an. Würde der Rübenauer Bach aber in einem Rohr durch eine Mauer geleitet, könnte das Überlaufen verhindert werden: Wasser, das nicht mehr durch das Rohr passt, strömt an der Mauer in ein Rückhaltebecken. Orte an kleineren Strömen könnten auf diese Weise vor dem Schlimmsten bewahrt werden, sagt Schulte.

Sylvensteinspeicher bewahrt Münchens Innenstadt vor Fluten

Das Problem seien die langen Genehmigungsverfahren. Für Behörden ist es meist einfacher, eine größere Schutzmaßnahme an einem breiten Fluss zu planen als viele kleine. Und Anwohner und Landwirte reagieren oftmals skeptisch auf die Idee eines künstlichen Beckens in der Natur.

Immerhin gebe es Fortschritte, berichtet der Hydrologe Andreas Schumann von der Universität Bochum. An der Freiberger Mulde in Sachsen und an der Chemnitz seien Rückhaltebecken in Planung. Einsprüche von Bürgern verzögerten jedoch den Bau. Dabei sollen die Becken die Wellenscheitel im Ernstfall um knapp ein Drittel verkleinern. Ganz einfach sei die Steuerung der Anlagen allerdings nicht, erläutert Schumann. "Man sollte den Höhepunkt des Hochwassers abfangen und das Becken nicht vorher schon gefüllt haben."

In den Niederungen bewahren Rückhaltebecken Großstädte seit Jahrzehnten vor Flutwellen. Ohne den Sylvensteinspeicher, der 124 Milliarden Liter Wasser stauen kann, hätte die Isar in den vergangenen Tagen Münchens Innenstadt mitsamt U-Bahnen geflutet. Je mehr Nebenflüsse sich aber vereinigen, desto schwächer wirke der Effekt der Rückhaltebecken. Für die großen Ströme wie Elbe, Rhein und Donau bedarf es also anderer Lösungen.

Deichbau am Limit

Wie wichtig stabile Deiche sind, zeigt sich vor allem am Rhein, der von diesem Hochwasser nicht so stark betroffen ist. Am Niederrhein etwa lässt Bergbau den Boden weiträumig einsinken - bei Hochwasser stünden manche Orte zwölf Meter unter Wasser. "Ein Deichbruch in der Region könnte 1,2 Millionen Menschen betreffen", sagt Schumann.

Nach dem Elbe-Hochwasser 2002 wurde festgestellt, dass zwei Drittel der Deiche nicht dem Sicherheitsstandard entsprachen. Die erfolgreichen Renovierungen der vergangenen Jahre verlagerten den Wasserdruck stromabwärts: Magdeburg wurde nun so hoch geflutet, weil die Deiche im Oberlauf diesmal standhielten.

Doch die Deicherhöhungen sind an der Grenze. "Für jeden Meter, den man nach oben baut, braucht man drei Meter in die Breite", sagt Bernd Ettmer, Wasserbau-Experte an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Freiheit für Flüsse

Der Hauptgrund für Hochwasser-Katastrophen ist der Drang des Menschen an die Flussufer. Um Siedlungen zu schützen, wurden die Flüsse eingezwängt. "Weniger als 20 Prozent ihrer natürlichen Überschwemmungsgebiete stehen Flüssen noch zur Verfügung", sagt der Biologe Thomas Paulus von der Stiftung Living Rivers. Die Elbe habe gar fast 90 Prozent ihrer natürlichen Flutungsflächen verloren, ergänzt Roland Gramling vom Umweltverein WWF.

Deiche und Begradigungen kanalisieren die Ströme, wo sie früher ihr Hochwasser über Felder in die Landschaft gespült hätten. "Es wäre nötig, Polder zu errichten, also flache, weiträumige Gelände, die bei Hochwasser geflutet werden können", sagt Paulus. "Doch keiner will sein Land verkaufen", erläutert der Umweltexperte. Einen Polder einzurichten, bedeutet jahrelangen Rechtsstreit.

Angesichts der aktuellen Katastrophe droht der bayerische Ministerpräsident Seehofer Landwirten, die sich dem Hochwasserschutz widersetzen, mit Enteignung. "Wenigstens die Ausweisung von Neubaugebieten in Überschwemmungsgebieten sollte wie in Frankreich auch in Deutschland flächenhaft verboten werden", sagt Karl Wantzen von der Université François Rabelais im französischen Tours.

Breitere Flüsse verändern jedoch die Landschaft: Der Grundwasserspiegel hebt sich durch Wasserstau im Untergrund. Benachbarte Orte müssten das Risiko abwägen, sagt Hydrologe Schumann.

Liebe dein nächstes Bundesland

Doch es gibt auch Fortschritte: An vier Orten entlang der Elbe, etwa im brandenburgischen Lenzen, wurden die Deiche zurückverlagert; nun hat die Flut mehr Platz. Bei Lödderitz in Sachsen-Anhalt wird derzeit ein sechs Quadratkilometer großes Flutungsareal geschaffen - ganz in der Nähe gab es am Sonntag einen dramatischen Deichbruch. Die Wirkung der bislang geplanten 13 neuen Polder an der Elbe werde jedoch stark begrenzt sein, meint Gramling: "Alle geplanten und durchgeführten Deichrückverlegungen an der Elbe machen zusammen nur ein Prozent der einstigen Überflutungsflächen aus."

Das Hauptproblem beim Hochwasserschutz ist, dass seine Ursache oft nicht im eigenen Hoheitsgebiet liegt: Im Oberlauf müssen Polder entstehen, um Hochwasser im Unterlauf zu entschärfen. Rückhaltebecken in der Schweiz und Flutungsflächen in Baden etwa sorgen am Rhein dafür, dass Hochwasser in Köln kleiner sind. An der Elbe müsse nicht nur die Zusammenarbeit der Bundesländer verbessert werden. Auch Tschechien sei gefragt. Deutschland hingegen stehe bei der Donau gegenüber Österreich und Ungarn in der Verantwortung.

Gefährliche Flaute nach der Flut

"Wir müssen den Flüssen ihren Raum lassen", mahnte Kanzler Helmut Kohl nach der Oderflut von 1997. Sein Nachfolger Gerhard Schröder äußerte sich ähnlich nach der Elbeflut 2002. Die politische Aktivität lässt nach einer Hochwasser-Katastrophe jedoch schnell nach. Land für Flüsse freizuschlagen, ist keine Aufgabe, die Popularität verspricht; Katastrophen geraten schnell in Vergessenheit.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
schleusenwart 11.06.2013
1. Tja zum Glück...
...sind wir ja diesmal nicht auf die Politiker angewiesen. Erstens sind das ja Jahrtausendereignisse und damit übersteigen sie den Verständnishorizont der heutigen Politiker um mindestens 999,999 Jahre (spätestens nach der Wahl widmen wir uns dann ohnehin wieder den faulen und geldverbrennenden Resteuropäern), zweitens ist der Osten ja nun eh bald entvölkert, dann können wir da ja ohnehin einen Schwimm- und Erlebnispark draus machen. Der/die/das neue Kanzler/-in kommt dann vorbei, mit Wasserski aus Gold und lässt sich von den verbliebenen Ostestanten am Scheitelpunkt winkend über die Elbe ziehen. Bis nach Hamburg, da ist dann eine große Party in der Elbphilharmonie. Das wird der absolute Renner, ich sehe es direkt vor mir...so, ich muss los, weitere Schuldige suchen...
specialsymbol 11.06.2013
2. Die Lösung sind also genau die Dinge, die zu solchen Katastrophen führten
Statt Retentionsgebiete zu schaffen und Flüsse zu renaturieren wird also weiter begradigt und zugebaut. Dämme werden weiter erhöht und so die Nachbargemeinden in Zugzwang gebracht. Indem man den Klimawandel leugnet (indem man Studien zitiert die im Jahr 2000 endeten) kann man wunderbar die Augen verschließen und weiter nah am Wasser bauen - und sich bei der nächsten Jahrhundert-, Verzeihung, Jahrtausendflut wundern. (Diese Zählweise ähnelt übrigens verblüffend der Statistik, dass Atomkraftwerke höchstens alle 40.000 Jahre explodieren..)
markh 11.06.2013
3. Ideen gibt es genug
Zitat von sysopDPAKann sich Deutschland künftig effektiv vor Hochwasser-Katastrophen schützen? Ideen gibt es genug: Schon an der Quelle, sagen Wissenschaftler, könnte man Fluten stoppen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/elbe-hochwasser-schutz-durch-polder-und-deiche-a-904894.html
wie immer ;)
Sumerer 11.06.2013
4.
Zitat von sysopDPAKann sich Deutschland künftig effektiv vor Hochwasser-Katastrophen schützen? Ideen gibt es genug: Schon an der Quelle, sagen Wissenschaftler, könnte man Fluten stoppen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/elbe-hochwasser-schutz-durch-polder-und-deiche-a-904894.html
Die Auswirkungen reduzieren könnte man! Stoppen, aber definitiv nicht; da nicht im voraus bestimmt werden kann, wie sich zukünftige Wetterereignisse regional auswirken werden. Wer soll das denn festlegen?
anon2010 11.06.2013
5. Innenminister verbietet Feuerwehr zu helfen
Feuerwehr Erwitte » Blog Archiv » Innenminister verbietet Feuerwehr zu helfen (http://feuerwehr-erwitte.de/blog/neuestmp/?p=252)
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