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30. März 2012, 15:15 Uhr

Gasleck in der Nordsee

Sprudelnde Gefahr aus der Tiefe

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Total kämpft gegen das Gasleck im "Elgin"-Feld. Was passieren kann, wenn der Konzern den Blowout nicht stoppt, zeigt eine andere Quelle in der Nordsee: Dort blubbert seit 20 Jahren Methan an die Oberfläche, weil eine Bohrung scheiterte. Bis heute gibt es kein Mittel dagegen.

Berlin - Woher das Gas an der Nordsee-Plattform "Elgin" genau kommt, ist nach wie vor nicht recht klar. Ebenso wenig ist die Frage beantwortet, wie die Betreiberfirma Total das Leck stopfen will. Nach Schätzungen des Konzerns strömen täglich rund 200.000 Kubikmeter Gas aus - und das könnte noch lange weitergehen. Der Teppich aus Gaskondensat auf dem Meer hat inzwischen ein Gesamtgewicht von etwa 3,8 Tonnen, wie das britische Ministerium für Energie- und Klimaschutz am Freitag mitteilte.

Seit Tagen spielen die Verantwortlichen auf Zeit, wohl auch, weil sie Angst vor einer Explosion der evakuierten Anlage haben. Immer noch brennt auf der Plattform eine Fackel. Total erwägt nun unter anderem den Einsatz von Löschhubschraubern.

Doch das Leck wäre damit nicht gestopft, der Gasaustritt geht weiter. Welche massiven Folgen zu befürchten wären, zeigt ein Meeresgebiet, das nicht weit vom "Elgin"-Feld entfernt liegt. Es geht um ein Areal im britischen Sektor der Nordsee, auf halbem Weg zwischen Schottland und Dänemark. Hier strömen seit mehr als 20 Jahren große Mengen Gas aus einem Krater am Meeresboden.

Das Wundmal am Ozeangrund ist rund 20 Meter tief. Zu bestaunen ist hier eine der größten Methanquellen Europas. Welche Menge des besonders klimawirksamen Gases genau in die Atmosphäre blubbert, ist allerdings bis heute schwer zu beziffern.

Mitarbeiter der Stena Drilling Company hatten an dieser Stelle im November 1990 versehentlich eine Gasblase angebohrt. Eigentlich war die Mannschaft der Plattform "High Seas Driller" auf der Suche nach Öl, beauftragt von Mobil North Sea Limited. Doch daraus wurde nichts. Als der Bohrer das unter Druck stehende Reservoir anstach, schoss das Gas im Bohrgestänge nach oben. Ein gefürchteter Blowout, das Meer um die Plattform schien zu kochen.

Dass die "High Seas Driller" bei dem Vorfall nicht in die Luft flog, wie etwa später die "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko, war reines Glück. Im Handumdrehen wurde die Unglücksbohrung gestoppt. Dem Kapitän gelang es, die Plattform in ruhigere See manövrieren zu lassen. Dann wurde das Personal mit Helikoptern ausgeflogen. "Im Prinzip können wir uns jetzt nur zurücklehnen, zuschauen und warten, bis die Gasquelle von allein versiegt", erklärte Mobil-Sprecher Phil Sand.

Die Bohrinsel ist längst weggeschleppt, doch das Gas perlt bis heute in bizarren Wirbeln vom Meeresgrund ungestüm nach oben. Vom Schiff lässt es sich erkennen, vom Hubschrauber ebenfalls. Als hätte jemand tief unter dem Ozean eine Sprudelflasche aufgemacht. Und niemand hat dafür im Rahmen der internationalen Klimaverhandlungen die Verantwortung übernommen - obwohl die Methanquelle eindeutig durch Menschen verursacht wurde.

Das Leck ist einfach da, gestopft werden kann es nicht. "Das sind Hunderte einzelne Gasquellen"; sagt Peter Linke vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel. Zusammen mit seinen Kollegen hat er die Wucht des Gasaustritts aus nächster Nähe zu spüren bekommen. Die Wissenschaftler waren 2006 mit ihrem Tauchboot "Jago" in die turbulente Zone hinabgetaucht. "Es war eine echte Herausforderung, gegen die aufsteigenden Strömungen anzukommen", erklärte Tauchbootpilot Jürgen Schauer nach der unterseeischen Achterbahnfahrt. Sein Kollege Linke sprach gar von einem "Tauchgang in eine andere Welt". Von 1000 Litern Methan pro Sekunde war damals die Rede.

"Dieser Unfall ist kritischer"

Bis heute beschäftigt der Ausbruch die Wissenschaftler - im Gegensatz zum Ölkonzern, der das Desaster ausgelöst hatte. Mobil ist mittlerweile Teil von ExxonMobil. Und das Bohrloch ist längst wieder an den britischen Staat zurückgegeben. Doch Linke und seinen Kollegen lässt die Angelegenheit keine Ruhe: "Wir sind da dran, mit Hochdruck." Immerhin zahlt Exxon einen Teil der Forschungen.

Mit einem automatischen Recorder habe man gerade ein Jahr lang die Strömungsverhältnisse, den Druck und die Temperatur am Meeresboden nahe der Austrittsstelle aufgezeichnet - und die Geräusche, die die aufsteigenden Gasblasen machen. Just an diesem Wochenende solle der Recorder nun wieder eingesammelt werden, sagt Linke. Erst mit seiner Hilfe könne man auf verlässliche Angaben zur Methanmenge hoffen, die an der missglückten Bohrung austritt.

Seelachse freuen sich über den Krater, weil er ihnen Schutz bietet. Und Bakterienmatten am Meeresboden futtern das Gas, auch andere Organismen wie Blumentiere ernähren sich davon. Schließlich wird ein guter Teil des Methans direkt im Wasser gelöst. Für die Meerestiere ist das ungefährlich - wenn das Meer gut mit Sauerstoff belüftet ist.

Doch der Rest, etwa ein Drittel, rauscht vom Boden nach oben und heizt munter die Atmosphäre auf. Bisher gibt es erst eine Studie aus dem Jahr 1994, die versucht hat, die Menge des austretenden Gases zu schätzen. Gregor Rehder, der heute am Institut für Ostseeforschung in Warnemünde arbeitet, schätzte damals, dass immerhin ein Viertel der gesamten natürlichen Methanemissionen der Nordsee auf den Mobil-Blowout zurückzuführen ist. Neue Auswertungen, auch einer Forschungsfahrt aus dem vergangenen Jahr, sollen nun dabei helfen, die Gasmenge im Wasser und der Atmosphäre besser abzuschätzen.

Zwischen "Elgin" und dem Mobil-Leck gibt es allerdings auch einige entscheidende Unterschiede: Das Gas des Blowouts von 1990 kommt aus rund 400 Metern Tiefe und steht nur unter einem Druck von 50 Bar. Im Fall des aktuellen Lecks ist ein Vorkommen in rund fünf Kilometern Tiefe betroffen. Außerdem geht es um Drücke von vielen hundert Bar. "Dieser Unfall ist kritischer", sagt Peter Linke. Schuld daran sei nicht zuletzt der Schwefelwasserstoff im "Elgin"-Vorkommen. Der kann, lokal begrenzt, Meerestieren als Zellgift gefährlich werden. Sollte "Elgin" also langfristig Gas ausstoßen, könnten durchaus größere Gebiete betroffen sein.

Mit Material von dpa

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