Energieerzeugung Wirbel um vermeintliche Wunder-Solarzelle

Es soll eine extrem effiziente Solarzelle sein - so zumindest behauptet es der Schweizer Entwickler, der für die Forschung Millionen von einem Privatinvestor bekam. Doch entscheidende wissenschaftliche Belege sind höchst umstritten - der Geldgeber fühlt sich hintergangen.

Königsegg

Von Ralph Diermann


Hocheffiziente Solarzellen, die sich wie Farbe auf Handy-Schalen oder Notebook-Deckel auftragen lassen und die Geräte mit Strom versorgen - das klingt nach Science Fiction? Nicht für Nunzio La Vecchia aus dem Schweizerischen Zug: Der 44-Jährige arbeitet nach eigenen Angaben seit zwanzig Jahren daran, Solarzellen zu entwickeln, die als hauchdünne, fast transparente Schicht auf Oberflächen aller Art gedampft werden können.

Sie sollen Wirkungsgrade von mindestens 38 Prozent erreichen. Damit würden sie alle Zellen, die zurzeit auf dem Markt sind, weit hinter sich lassen. Die leistungsfähigsten Produkte können heute um die 20 Prozent der einfallenden Sonnenenergie in Strom verwandeln. Bei den nicht marktreifen Entwicklungen gibt es Zellen mit höherem Wirkungsgrad: Das Fraunhofer-Institut in Freiburg stellte etwa im Sommer einen Rekord mit mehr als 40 Prozent auf.

Jetzt sieht sich der Hobbypilot La Vecchia fast am Ziel: Dem stolzen Besitzer einer Pilatus-Trainingsmaschine ist es nach eigenen Angaben gelungen, den Prototypen einer solchen Zelle zu bauen. Während konventionelle Dünnschicht-Zellen meist die teureren Materialien Silizium, Gallium-Arsenid oder Cadmium-Tellurid enthalten, arbeitet La Vecchia mit dem günstigeren, in rauen Mengen verfügbaren Pyrit, chemisch FeS2.

Eine kontrollierte Verunreinigung dieses Minerals soll für die selektive Absorption der solaren Strahlung sorgen, die auf die Zelle trifft. So werde das Sonnenlicht weitaus besser ausgenutzt, als dies mit herkömmlichen Verfahren möglich ist, sagt La Vecchia. Um die Tauglichkeit der Technologie zur Serienfertigung zu demonstrieren, hat er in München 8000 Quadratmeter Industriefläche auf dem Perlacher Siemens-Gelände angemietet.

Forschung in Heimarbeit

Finanziert hat La Vecchia seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit auch mit dem Geld einer privaten Investorin aus der Schweiz, die 50 Millionen Franken (etwa 33 Millionen Euro) in das Projekt gesteckt hat. Die Ankündigungen La Vecchias sind nicht nur deswegen erstaunlich, weil seine Pyritzelle die Solarbranche revolutionieren würde, sondern auch, weil er die Forschung stets in "Heimarbeit" betrieben hat - abseits vom Wissenschaftsbetrieb, ohne Austausch mit Forschern aus Unternehmen und Hochschulen.

Angst vor Ideenklau, so begründet der Autodidakt seinen Alleingang. Deshalb habe er seinen Prototypen bislang nicht der Öffentlichkeit vorgestellt oder einer kritischen wissenschaftlichen Prüfung unterziehen lassen. Auch SPIEGEL ONLINE gegenüber möchte er sich nicht zum genauen Stand seiner Entwicklung äußern, lässt er über seinen Rechtsanwalt mitteilen. Man bitte "um Verständnis, dass Herr La Vecchia zum aktuellen Stand der von Ihnen angesprochenen Geschäfts- und Entwicklungstätigkeiten derzeit mit Rücksicht auf die betroffenen unternehmerischen Interessen keine Auskunft geben kann", heißt es in einem Fax.

Die Geheimniskrämerei hat den renommierten schwedischen Spezialautobauer und möglichen neuen Saab-Eigner Koenigsegg jedoch nicht davon abgehalten, mit La Vecchia eine Kooperation einzugehen: So haben die beiden Partner auf dem Genfer Autosalon im März dieses Jahres mit großem Pomp das Modell eines Elektro-Sportwagens namens "Quant" vorgestellt, dessen Karosserie mit den Pyritzellen des Schweizers überzogen werden sollte.

Ist Nunzio La Vecchia ein zweiter Bill Gates, der quasi aus der Garage heraus die Solarbranche neu erfindet?

Nach Meinung anerkannter Forscher deutet alles auf einen riesigen Schwindel hin. "Mir erscheint das Ganze - kurz zusammengefasst - extrem unseriös zu sein", sagt Wolfram Jaegermann, Oberflächenforscher an der TU Darmstadt. "Aus den publizierten Erfahrungen aus der wissenschaftlich honorigen Literatur hat sich FeS2 als im Prinzip interessantes, aber bisher nicht zu beherrschendes Material für die Photovoltaik erwiesen, das typischerweise nur Wirkungsgrade im Bereich von zwei Prozent aufweist."

"Er bleibt jeden Nachweis für das Funktionieren schuldig"

Auch Solarforscher Sebastian Fiechter vom Helmholtz-Zentrum Berlin hält den von La Vecchia angegebenen Wirkungsgrad von 38 Prozent für illusorisch: "Ein solcher Wert ist meines Erachtens naturgesetzlich mit Pyrit aufgrund der Größe der Bandlücke nicht zu halten." Zudem zieht er die Behauptungen La Vecchias grundsätzlich in Zweifel: "Es gibt kein Proof of Concept, keine überprüfbaren Messkurven, keinen noch so kleinen Prototypen, mit dem sich Herr La Vecchia einer unabhängigen Jury stellen könnte. Er bleibt jeden Nachweis für das Funktionieren seiner Pyritzelle schuldig", sagt Fiechter.

Da sich La Vecchia einer Überprüfung seiner Ergebnisse verweigert, hegt Forscher Jaegermann einen Verdacht: "Es besteht die Gefahr, dass die vorliegende Initiative dazu genutzt werden soll, gutgläubigen Investoren das Geld aus der Tasche zu ziehen."

Diesen Eindruck teilt mittlerweile auch La Vecchias Finanzier - eine Unternehmenserbin, die nach Angaben ihres Anwalts mit der Investition die Wissenschaft fördern wollte. Sie ließ sich von einer Dokumentation überzeugen, die basierend auf einem Messprotokoll des namhaften Schweizer Paul-Scherrer-Instituts vor einigen Jahren den extrem hohen Wirkungsgrad der Solarzelle belegen sollte. "Die Messung ergab auf den ersten Blick ein sensationelles Resultat. Bei nachträglicher Expertenbetrachtung war das Ergebnis aber höchst verdächtig", erklärt der Jurist.

So durfte der Physiker der Forschungseinrichtung, der die Messung betreute, die Zelle nicht aus der Nähe anschauen - La Vecchia passte seine Zelle eigenhändig in das Messgerät ein, die Institutsmitarbeiter mussten einen Abstand von zwei Metern halten. Also war die Demonstration nur eine Show? "Das Messinstitut vermutet eine Solarzellensimulation. Wir wissen jedenfalls: La Vecchia erschien trotz Aufforderung des Instituts nie wieder zu einer erneuten Messung; ohne solche hatte das Institut die Verwertung des Protokolls ausdrücklich untersagt", so der Rechtsanwalt.

"Seit einigen Wochen passiert hier gar nichts mehr"

Nachdem überprüfbare Belege für das Funktionieren der Zelle ausblieben, reichte die enttäuschte Investorin Strafanzeige wegen Betrugs ein. Ihr Geld "sei in die Privatschatulle des Rekursgegners geflossen", so der Vorwurf. Das Obergericht des Kantons Zürich stellte die Untersuchung im Juni dieses Jahres rechtskräftig ein - mit einer Begründung, aus der sich deutliche Zweifel an der Erfindung La Vecchias herauslesen lassen: "Wer als geschäftserfahrener Investor trotz der sich geradezu aufdrängenden Hinweise auf einen fehlenden Gegenwert dennoch einen Kauf vornimmt, ohne entsprechende Abklärungen zu tätigen, wird nicht in arglistiger Art und Weise getäuscht."

Eine Berufung wurde nicht zugelassen. Offen ist das Ergebnis eines Zivilprozesses gegen La Vecchia, den die Investorin zusätzlich angestrengt hat. Hier ist ein erstinstanzliches Urteil nicht vor Sommer 2010 zu erwarten.

Da passt ins Bild, dass auch die angekündigten Pilotanlagen auf dem Siemens-Gelände in München eine Luftnummer zu sein scheinen: "Seit einigen Wochen passiert hier gar nichts mehr", sagt Siemens-Real-Estate-Sprecher Günther Rücker. Mitarbeiter La Vecchias seien zurzeit in dem Gebäude nicht anzutreffen. "Ich sehe keine", so Rücker.

Auch die Partnerschaft mit Koenigsegg ist beendet: "Wir arbeiten nicht länger am Quant, unsere Leistungen sind erbracht", erklärt Marketingchefin Halldora von Koenigsegg kurz und knapp. "Für die Solar- und Speichertechnologie ist allein NLV zuständig. Dort liegt auch die Gesamtverantwortung für das Projekt." La Vecchia wünsche man noch "viel Erfolg".



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