Energierevolution Wie Deutschland zur 2000-Watt-Republik wird

Strom, Heizung, Verkehr, Konsum: Im Schnitt benötigt jeder Bundesbürger rund um die Uhr 6000 Watt - zu viel, klagen Experten. Sie wollen den Energieverbrauch der Deutschen radikal senken. Nötig wären rabiate Einschnitte in den Lebensstil.

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Ein Leben mit 2000 Watt ist machbar, Herr Nachbar. Das klingt wie ein Sponti-Spruch, beruht aber auf seriösen wissenschaftlichen Berechnungen. In der am Wochenende in Berlin eröffneten Ausstellung "Energie = Arbeit" zeigen Energieexperten, wie der Bedarf an Strom, Öl, Kohle und Wärme in Deutschland deutlich heruntergefahren werden könnte - wenn Bürger, Politiker und Unternehmer mitspielen.

Die Konzepte dafür sind prinzipiell bekannt: Beschränkung beim Wohnraum, intelligente Verkehrskonzepte, bewusster Konsum. Schon 1998 wurde die Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft an der ETH in Zürich formuliert. Eine permanente Leistung von 2000 Watt - damit sollte im Jahr 2050 der Energiebedarf eines jeden Menschen auf der Erde zu decken sein, egal ob er in Hamburg wohnt, in Brooklyn oder in Kabul.

Auf diese Weise, so das Kalkül der Schweizer Forscher, könnte die Menschheit gleich mehrere Probleme auf einmal lösen: Klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen würden vermindert, immer knappere Ressourcen weniger in Anspruch genommen und die Industrialisierung bislang unterentwickelter Regionen wäre nebenbei auch noch möglich.

Die Zahl 2000 Watt ist nicht aus der Luft gegriffen, sie entspricht vielmehr dem Pro-Kopf-Leistungsbedarf auf der Erde. Nur weil in vielen ärmeren Ländern deutlich weniger Energie verbraucht wird, können sich westliche Industriestaaten extrem hohe Werte leisten.

Beispiele für einen besonders geringen Energieverbrauch sind Uganda (40 Watt) und Haiti (106 Watt, alle Angaben von 2006). Das Schwellenland Indien kam 2006 bereits auf 532 Watt. China lag damals bei 1879 Watt - Tendenz steigend. Bei der Berechnung der Leistung werden alle Energieformen - egal ob Heizung, Strom, der Spritverbrauch des Autos oder Flugreisen - in Wattstunden umgerechnet und dann für ein Jahr addiert.

Ein Wert für alle Menschen

Die 2000-Watt-Gesellschaft könnte auch den Konflikt zwischen modernen Industriestaaten auf der einen und den übrigen Ländern auf der anderen Seite lösen, der beim Klimagipfel in Kopenhagen die Verhandlungen scheitern ließ. Denn die 2000 Watt würden, das ist der Charme der Idee, für alle Menschen gleichermaßen gelten.

Wie ambitioniert das Vorhaben allerdings ist, zeigen aktuelle Verbrauchsdaten aus Westeuropa und den USA. Letztere liegen mit ihren 11.000 Watt weit vorn, aber auch der Durchschnittsdeutsche kommt immerhin auf knapp 6000 Watt.

Eine Reduzierung auf 2000 Watt klingt da zunächst nach harten Einschnitten im Lebensstil. Die Wissenschaftler der ETH Zürich haben exemplarisch ausgerechnet, was man mit 2000 Watt pro Tag alles anfangen könnte:

  • zwei Stunden warm duschen,
  • 50 Waschmaschinen laufen lassen
  • oder 64 km Auto fahren (bei 7,5 Litern Benzin pro 100 Kilometer).

Die neue Ausstellung "Energie = Arbeit" illustriert nun anschaulich, wie die Deutschen das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft (siehe Tabelle unten) erreichen könnten. Stromerzeugung, Mobilität, Konsum, Wohnen - es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht umgekrempelt werden müsste.

"Die 2000-Watt-Gesellschaft ist prinzipiell machbar", sagt Hans Hertle vom ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung aus Heidelberg. Sein Institut hat das Szenario für die Ausstellung berechnet, bei dem der Energiehunger der Deutschen gedrittelt wird.

Zum Nulltarif ist die 2000-Watt-Gesellschaft natürlich nicht zu haben. Die Stromerzeugung müsste komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden, so sieht es das Szenario vor. Die dafür nötigen hohen Investitionen in Netze und dezentrale Kraftwerke würden für steigende Strompreise sorgen, da sind sich Experten einig.

Die 2000-Watt-Gesellschaft in Deutschland

Bereich Aktuell Ziel
Infrastruktur 600 Watt 170 Watt
Konsum 1780 Watt 700 Watt
Wohnen 1630 Watt 440 Watt
Mobilität 1150 Watt 450 Watt
Ernährung 840 Watt 330 Watt
Summe 6000 Watt 2090 Watt

Quelle: ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung

Das größte Einsparpotential liegt im Bereich Wohnen. Wärmedämmung und moderne Fenster allein reichen jedoch nicht aus, um die bislang dafür nötigen 1600 Watt auf 440 Watt zu drücken. Einfamilienhäuser verbrauchen mehr Energie als Wohnungen in Mehrfamilienhäusern - und viele Deutschen müssten laut dem Szenario auf ihr geliebtes eigenes Heim verzichten. Das ist eine der Zumutungen, die konsequentes Energiesparen mit sich bringt.

Eng damit zusammen hängt auch die neue Mobilität. Die Schlagworte lauten: Stadt der kurzen Wege, Renaissance des Fahrrads, Car-Sharing statt eigenes Auto. Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept - ebenso wenig wie häufige Flugreisen.

Auch im Konsum steckt großes Potential. Der Bedarf des Durchschnittsdeutschen könnte laut dem Szenario von 1780 auf 700 Watt sinken. Dazu müssten sich die Menschen allerdings in erster Linie Dinge kaufen, die langlebig sind. Bei der Ernährung könnte der Wert um mehr als 500 Watt sinken, wenn die Deutschen beispielsweise ihren Fleischkonsum stark einschränken und auf lokal angebaute und produzierte Lebensmittel umsteigen.

Auch diese Änderungen im Konsumverhalten würden vermutlich vielen Menschen schwerfallen, mancher würde sie sogar als Ökodiktatur empfinden.

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insgesamt 325 Beiträge
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Seite 1
orion4713 23.09.2010
1. kein Problem
Zitat von sysopStrom, Heizung, Verkehr, Konsum: Im Schnitt benötigt jeder Bundesbürger rund um die Uhr 6000 Watt - zu viel, klagen Experten. Sie wollen den Energieverbrauch der Deutschen dritteln. Nötig wären rabiate Einschnitte in den Lebensstil. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,718467,00.html
Alle Fernsehprogramme wie früher um 23 Uhr beenden und erst um 18 Uhr wieder beginnen lassen!
TomRohwer 23.09.2010
2. Wolkenkuckucksheim...
"Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept" Ein neues Beispiel für das Wolkenkuckucksheim, in dem Experten mittlerweile leben... Besonders passend zur steigenden Forderung nach mehr beruflicher Mobilität in der modernen Gesellschaft. Allerdings macht sicht niemand Gedanken darüber, daß die "Komplett-Umstellung" der westlichen Gesellschaften unterm Strich vermutlich mehr Energie kostet als die Umstellung einspart. Schließlich ist es nicht besonders energiesparend und umweltfreundlich, wenn Arbeitnehmer alle zwei Jahre umziehen, und erstmal alle Innenstädte umgebaut werden, damit die Arbeitnehmer auch wirklich in Fuß- oder Fahrrad-Entfernung zu ihrem Arbeitsplatz wohnen können...
hari37666 23.09.2010
3. Zurück in die Steinzeit
SWR3 macht gerade eine Hörersendung wo es eine kostenlose Reise nach Dubai zu gewinnen gibt. Da werden Superlative über das Reiseziel genannt die man sich kaum vorstellen kann. Da finde ich es doch seltsam, wenn wir uns Gedanken machen wie wir am schnellsten wieder auf die Bäume zu unseren Vorfahren kommen. Irgend wann schaffen wir es schon, dass Deutschland zur Bedeutungslosigkeit absinkt.
Mastercloser 23.09.2010
4. .
---Zitat--- Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept ---Zitatende--- Also, mit der Arbeit aufhören, oder was. Ökodiktatur, das trifft es gut.
MCFidel, 23.09.2010
5. Träume
ökologisches Wunschdenken Eine Reduzierung des Eingergieverbrauchs werden die Menschen nur akzeptieren sofern dies nicht mit einer Reduktion von Lebensqualität und Luxus einhergeht. Ich fordere im ersten Schritt die Experten auf mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen wie einfach es ist mit nur 2000 Watt am Tag zu leben. Im Zweiten wäre es interessant wie dies in Gebäuden und mit äußeren Umständen von heutzutage funktionieren soll. Sprich Altbauten und Pendelstrecken. Das hat doch eine Kostne Nutzen realtion von Null... kostet viel Geld für Modernisierung und führt "nur" zu gerechteren Energieverteilung. Im übrigen müsste man mir als Bürger um da mitzumachen erstmal das Gefühl geben, das mein Einsatz beim Energiesparen nicht zwangsläufig zu höheren stromkosten führt die nur die Kassen der Energiekonzerne füllt. PS: Für die Mieten in der Stadt empfehle ich Planwirtschaft, da ansonsten sich diese schon bald keiner mehr leisten kann. Dummes Wunschdenken eben, realistisch ist ein gleichbleibender Strombedarf bzw. eine leichte Reduktion.
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