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Energierevolution: Wie Deutschland zur 2000-Watt-Republik wird

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Strom, Heizung, Verkehr, Konsum: Im Schnitt benötigt jeder Bundesbürger rund um die Uhr 6000 Watt - zu viel, klagen Experten. Sie wollen den Energieverbrauch der Deutschen radikal senken. Nötig wären rabiate Einschnitte in den Lebensstil.

Energieverbrauch optimieren: 2000 Watt - mehr nicht Fotos
DPA

Ein Leben mit 2000 Watt ist machbar, Herr Nachbar. Das klingt wie ein Sponti-Spruch, beruht aber auf seriösen wissenschaftlichen Berechnungen. In der am Wochenende in Berlin eröffneten Ausstellung "Energie = Arbeit" zeigen Energieexperten, wie der Bedarf an Strom, Öl, Kohle und Wärme in Deutschland deutlich heruntergefahren werden könnte - wenn Bürger, Politiker und Unternehmer mitspielen.

Die Konzepte dafür sind prinzipiell bekannt: Beschränkung beim Wohnraum, intelligente Verkehrskonzepte, bewusster Konsum. Schon 1998 wurde die Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft an der ETH in Zürich formuliert. Eine permanente Leistung von 2000 Watt - damit sollte im Jahr 2050 der Energiebedarf eines jeden Menschen auf der Erde zu decken sein, egal ob er in Hamburg wohnt, in Brooklyn oder in Kabul.

Auf diese Weise, so das Kalkül der Schweizer Forscher, könnte die Menschheit gleich mehrere Probleme auf einmal lösen: Klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen würden vermindert, immer knappere Ressourcen weniger in Anspruch genommen und die Industrialisierung bislang unterentwickelter Regionen wäre nebenbei auch noch möglich.

Die Zahl 2000 Watt ist nicht aus der Luft gegriffen, sie entspricht vielmehr dem Pro-Kopf-Leistungsbedarf auf der Erde. Nur weil in vielen ärmeren Ländern deutlich weniger Energie verbraucht wird, können sich westliche Industriestaaten extrem hohe Werte leisten.

Beispiele für einen besonders geringen Energieverbrauch sind Uganda (40 Watt) und Haiti (106 Watt, alle Angaben von 2006). Das Schwellenland Indien kam 2006 bereits auf 532 Watt. China lag damals bei 1879 Watt - Tendenz steigend. Bei der Berechnung der Leistung werden alle Energieformen - egal ob Heizung, Strom, der Spritverbrauch des Autos oder Flugreisen - in Wattstunden umgerechnet und dann für ein Jahr addiert.

Ein Wert für alle Menschen

Die 2000-Watt-Gesellschaft könnte auch den Konflikt zwischen modernen Industriestaaten auf der einen und den übrigen Ländern auf der anderen Seite lösen, der beim Klimagipfel in Kopenhagen die Verhandlungen scheitern ließ. Denn die 2000 Watt würden, das ist der Charme der Idee, für alle Menschen gleichermaßen gelten.

Wie ambitioniert das Vorhaben allerdings ist, zeigen aktuelle Verbrauchsdaten aus Westeuropa und den USA. Letztere liegen mit ihren 11.000 Watt weit vorn, aber auch der Durchschnittsdeutsche kommt immerhin auf knapp 6000 Watt.

Eine Reduzierung auf 2000 Watt klingt da zunächst nach harten Einschnitten im Lebensstil. Die Wissenschaftler der ETH Zürich haben exemplarisch ausgerechnet, was man mit 2000 Watt pro Tag alles anfangen könnte:

  • zwei Stunden warm duschen,
  • 50 Waschmaschinen laufen lassen
  • oder 64 km Auto fahren (bei 7,5 Litern Benzin pro 100 Kilometer).

Die neue Ausstellung "Energie = Arbeit" illustriert nun anschaulich, wie die Deutschen das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft (siehe Tabelle unten) erreichen könnten. Stromerzeugung, Mobilität, Konsum, Wohnen - es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht umgekrempelt werden müsste.

"Die 2000-Watt-Gesellschaft ist prinzipiell machbar", sagt Hans Hertle vom ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung aus Heidelberg. Sein Institut hat das Szenario für die Ausstellung berechnet, bei dem der Energiehunger der Deutschen gedrittelt wird.

Zum Nulltarif ist die 2000-Watt-Gesellschaft natürlich nicht zu haben. Die Stromerzeugung müsste komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden, so sieht es das Szenario vor. Die dafür nötigen hohen Investitionen in Netze und dezentrale Kraftwerke würden für steigende Strompreise sorgen, da sind sich Experten einig.

Die 2000-Watt-Gesellschaft in Deutschland
Bereich Aktuell Ziel
Infrastruktur 600 Watt 170 Watt
Konsum 1780 Watt 700 Watt
Wohnen 1630 Watt 440 Watt
Mobilität 1150 Watt 450 Watt
Ernährung 840 Watt 330 Watt
Summe 6000 Watt 2090 Watt
Quelle: ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung
Das größte Einsparpotential liegt im Bereich Wohnen. Wärmedämmung und moderne Fenster allein reichen jedoch nicht aus, um die bislang dafür nötigen 1600 Watt auf 440 Watt zu drücken. Einfamilienhäuser verbrauchen mehr Energie als Wohnungen in Mehrfamilienhäusern - und viele Deutschen müssten laut dem Szenario auf ihr geliebtes eigenes Heim verzichten. Das ist eine der Zumutungen, die konsequentes Energiesparen mit sich bringt.

Eng damit zusammen hängt auch die neue Mobilität. Die Schlagworte lauten: Stadt der kurzen Wege, Renaissance des Fahrrads, Car-Sharing statt eigenes Auto. Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept - ebenso wenig wie häufige Flugreisen.

Auch im Konsum steckt großes Potential. Der Bedarf des Durchschnittsdeutschen könnte laut dem Szenario von 1780 auf 700 Watt sinken. Dazu müssten sich die Menschen allerdings in erster Linie Dinge kaufen, die langlebig sind. Bei der Ernährung könnte der Wert um mehr als 500 Watt sinken, wenn die Deutschen beispielsweise ihren Fleischkonsum stark einschränken und auf lokal angebaute und produzierte Lebensmittel umsteigen.

Auch diese Änderungen im Konsumverhalten würden vermutlich vielen Menschen schwerfallen, mancher würde sie sogar als Ökodiktatur empfinden.

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insgesamt 325 Beiträge
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1. kein Problem
orion4713 23.09.2010
Zitat von sysopStrom, Heizung, Verkehr, Konsum: Im Schnitt benötigt jeder Bundesbürger rund um die Uhr 6000 Watt - zu viel, klagen Experten. Sie wollen den Energieverbrauch der Deutschen dritteln. Nötig wären rabiate Einschnitte in den Lebensstil. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,718467,00.html
Alle Fernsehprogramme wie früher um 23 Uhr beenden und erst um 18 Uhr wieder beginnen lassen!
2. Wolkenkuckucksheim...
TomRohwer 23.09.2010
"Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept" Ein neues Beispiel für das Wolkenkuckucksheim, in dem Experten mittlerweile leben... Besonders passend zur steigenden Forderung nach mehr beruflicher Mobilität in der modernen Gesellschaft. Allerdings macht sicht niemand Gedanken darüber, daß die "Komplett-Umstellung" der westlichen Gesellschaften unterm Strich vermutlich mehr Energie kostet als die Umstellung einspart. Schließlich ist es nicht besonders energiesparend und umweltfreundlich, wenn Arbeitnehmer alle zwei Jahre umziehen, und erstmal alle Innenstädte umgebaut werden, damit die Arbeitnehmer auch wirklich in Fuß- oder Fahrrad-Entfernung zu ihrem Arbeitsplatz wohnen können...
3. Zurück in die Steinzeit
hari37666 23.09.2010
SWR3 macht gerade eine Hörersendung wo es eine kostenlose Reise nach Dubai zu gewinnen gibt. Da werden Superlative über das Reiseziel genannt die man sich kaum vorstellen kann. Da finde ich es doch seltsam, wenn wir uns Gedanken machen wie wir am schnellsten wieder auf die Bäume zu unseren Vorfahren kommen. Irgend wann schaffen wir es schon, dass Deutschland zur Bedeutungslosigkeit absinkt.
4. .
Mastercloser 23.09.2010
---Zitat--- Pendler, die jeden Tag Dutzende Kilometer zwischen Einfamilienhaus und Büro zurücklegen, passen nicht in dieses Konzept ---Zitatende--- Also, mit der Arbeit aufhören, oder was. Ökodiktatur, das trifft es gut.
5. Träume
MCFidel, 23.09.2010
ökologisches Wunschdenken Eine Reduzierung des Eingergieverbrauchs werden die Menschen nur akzeptieren sofern dies nicht mit einer Reduktion von Lebensqualität und Luxus einhergeht. Ich fordere im ersten Schritt die Experten auf mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen wie einfach es ist mit nur 2000 Watt am Tag zu leben. Im Zweiten wäre es interessant wie dies in Gebäuden und mit äußeren Umständen von heutzutage funktionieren soll. Sprich Altbauten und Pendelstrecken. Das hat doch eine Kostne Nutzen realtion von Null... kostet viel Geld für Modernisierung und führt "nur" zu gerechteren Energieverteilung. Im übrigen müsste man mir als Bürger um da mitzumachen erstmal das Gefühl geben, das mein Einsatz beim Energiesparen nicht zwangsläufig zu höheren stromkosten führt die nur die Kassen der Energiekonzerne füllt. PS: Für die Mieten in der Stadt empfehle ich Planwirtschaft, da ansonsten sich diese schon bald keiner mehr leisten kann. Dummes Wunschdenken eben, realistisch ist ein gleichbleibender Strombedarf bzw. eine leichte Reduktion.
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Was ist ein Watt?
DPA
Die Einheit Watt gibt die Leistung an, zum Beispiel von einer Glühlampe, einem Kraftwerk oder einem Pkw-Motor. Leistung ist Arbeit pro Zeit. Wenn ein Motor mit 1000 Watt eine Stunde läuft, dann hat er eine Arbeit von einer Kilowattstunde geleistet. Die Kilowattstunde ist eine Einheit der Arbeit beziehungsweise Energie.

Der Durchschnittsdeutsche hat einen Leistungsbedarf von 6000 Watt - und zwar rund um die Uhr. Dies entspricht 60 Hundertwattglühlampen, die zugleich eingeschaltet sind.
Fotostrecke
Grafiken: Wie Öko- und Atomstrom konkurrieren

Geo-Engineering
Pro und Contra
Wenn der Klimawandel dramatische Ausnahmen anzunehmen droht, bleibt als letzte Option wohl nur Geo-Engineering, sagen viele Forscher. Entweder man verringert die Sonneneinstrahlung auf der Erde, etwa durch Wolken oder Aerosole. Oder man filtert massenhaft CO2 aus der Atmosphäre und lässt es unter der Erde oder im Meer verschwinden. Doch so gut das auch klingt, Geo-Engineering ist umstritten.

Die einen warnen vor den Risiken und Nebenwirkungen menschlicher Eingriffe, die nur wenig erforscht sind. Die anderen fürchten, Geo-Engineering könnte die Menschheit dazu verleiten, andere Maßnahmen zum Klimaschutz gleich ganz bleiben zu lassen. Möglicherweise lässt sich mit den Eingriffen aber Zeit gewinnen. Geo-Engineering könnte für 10 oder 20 Jahre helfen, den Klimawandel zu bremsen. Um die eigentliche Aufgabe, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, wird die Menschheit jedoch nicht herumkommen.
Mit Aeorosolen das Sonnenlicht dimmen
USGS / Cascades Volcano Observatory
Der Nobelpreisträger Paul Crutzen hat im Jahr 2006 eine Art Giftkur fürs Weltklima vorgeschlagen: Feinste Schwefelpartikel, ausgebracht in 10 bis 50 Kilometer Höhe, sollen das Sonnenlicht dämpfen. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, damit die Temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts nur um zwei bis zweieinhalb Grad ansteigt.

Dass das Verfahren funktioniert, zeigte sich 1991 beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen. Mehr als 20 Kilometer hoch wurde damals die Aschewolke geschleudert. Schwefeldioxide oxidierten zu genau jenen kleinen Schwefelsäure-Tröpfchen, die Crutzen nutzen will. Der Himmel verdunkelte sich ein ganz kleines bisschen, die Temperatur sank weltweit um 0,5 Grad. Atmosphärenforscher wissen inzwischen, dass der Schwefel die Ozonschicht stark schädigen könnte und denken deshalb über andere Aerosole nach. Der Charme der Methode ist aber, dass sie vergleichsweise billig umzusetzen ist. Ein US-Forscher hat ausgerechnet, dass Militärjets die mit Abstand billigste Variante sind, um Schwefelpartikel in den Himmel zu transportieren.
Ozeane mit Eisen düngen
AWI
Seit Wissenschaftler wissen, dass Eisensulfat Plankton dazu bringt, deutlich mehr CO2 zu binden als normalerweise, gilt die Düngung der Ozeane als mögliches Klimaschutzprojekt. Damit das Verfahren tatsächlich klappt, muss das Phytoplankton nach dem Absterben zum Meeresboden sinken - und möglichst lange dort verbleiben. Forscher halten das massenweise Verschütten von Eisen in die Ozeane allerdings auch für ein riskantes Experiment: Es könnte marine Ökosysteme radikal verändern. Zudem ergaben mehrere Experimente, darunter auch von deutschen Forschern im Südmeer, dass durch eine Düngung viel weniger Treibhausgas Kohlendioxid gebunden wird als angenommen.
Sonnenschirme im All
UA Steward Observatory
Wie aus einem Science-Fiction-Roman klingt der Vorschlag, einen gigantischen Spiegel im Weltall zwischen Sonne und Erde zu positionieren, der wie ein Sonnenschirm wirkt. 1992 wurden die Kosten für ein solches Projekt grob geschätzt: Man kam auf über hundert Milliarden Dollar, um die Sonnenstrahlung um ein Prozent zu verringern. In dieser Größenordnung sollen auch die globalen Kosten des Klimawandels pro Jahr liegen. Der Spiegel müsste in etwa die Größe Manhattans haben. Von der Erde aus wäre der Spiegel praktisch nicht erkennbar, höchstens als kleiner dunkler Fleck auf der Sonne.

Die Idee wurde an der University of Arizona weiterentwickelt: Ein 100.000 Kilometer langen Schweif aus 16 Billionen Scheibchen soll im All schweben. Jedes Scheibchen soll aus transparentem Kunststoff bestehen, 60 Zentimeter groß und nur ein Gramm schwer sein. Der Effekt: Die Sonneneinstrahlung würde um 1,8 Prozent sinken.

Für die Idee eines wie auch immer aufgebauten Sonnenschirms im All spricht, dass er keine chemischen Eingriffe in die Atmosphäre erfordert, deren Folgen schwer abzusehen sind. Theoretisch ließe sich der kosmische Sonnenschutz auch wieder abbauen. Allerdings sind Klimaexperten skeptisch, ob die Idee wegen der enorm hohen Kosten praktikabel ist.
Die Wolken aufhellen
DPA
Hunderte Geisterschiffe sollen auf den Ozeane rund um die Uhr Meerwassertropfen in die Luft blasen, die Kondensationskeime bilden. Erhoffter Effekt: hellere Wolken, die mehr Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren und so abkühlend wirken. Die Idee besticht durch ihre verblüffend niedrigen Kosten: Nicht einmal hundert Millionen Euro pro Jahr soll die Flotte aus Roboterschiffen kosten, die ihre Energie aus dem Wind beziehen. Statt mit Segeln sollen die Boote mit sogenannten Flettner-Rotoren bestückt werden.
Künstliche Bäume (Air Capture)
Institution of Mechanical Engineers
In Kohlekraftwerken der Zukunft soll das klimaschädliche CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert werden (Carbon Capture and Storage -: kurz CCS). Künstliche Bäume arbeiten im Prinzip genauso, nur dass sie das CO2 nicht aus Abgasen, sondern direkt aus der Atmosphäre herausfiltern (Air Capture). Das ist aufwendiger und auch deutlich teuerer als CCS. Doch mit Air Capture lässt sich auch schon vor Jahren emittiertes CO2 nachträglich wiedereinfangen, was mit CCS nicht möglich ist. Ein künstlicher Baum soll nach Angaben britischer Forscher etwa 20.000 Dollar kosten und könnte zehn Tonnen CO2 pro Tag absorbieren. In ganz Großbritannien müssten 100.000 derartige Bäume aufgestellt werden, um sämtliches CO2 aufzufangen, das vom Verkehr der Insel stammt.
Bäume anpflanzen, verbrennen, CO2 auffangen
DPA
CO2 aus der Luft holen - das beherrschen natürlich nicht nur teure Anlagen, sondern auch Wälder. Man müsste den in Holz einlagerten Kohlenstoff nur noch dauerhaft speichern - fertig wäre das natürliche Geo-Engineering. Forscher haben vorgeschlagen, das Holz nicht mit großem Aufwand zu lagern, sondern einfach zu verbrennen. Das dabei entstehende CO2 wird dann aufgefangen und unterirdisch gespeichert (CCS). Diese Geo-Engineering-Variante würde nicht nur analog zu Air Capture die CO2-Konzentration der Atmosphäre senken, sondern nebenbei auch Energie produzieren. Freilich gibt es auch beim gezielten Holzverbrennen Probleme. So könnten neu angepflanzte Wälder auf der Nordhalbkugel die Erdoberfläche zusätzlich verdunkeln. Folge: Es wird mehr Wärmestrahlung der Sonne absorbiert, die Temperaturen steigen.

Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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