Von Markus Becker
Nun wagt Obama einen neuen Anlauf. Im Rahmen des "Prompt Global Strike"-Programms sollen nicht-nukleare Waffen entstehen, die genauso schnell und präzise treffen wie Interkontinentalraketen.
Die Scramjet-Technologie der X-51A ist ein Bestandteil dieser Strategie. Ein weiterer dürften weltraumbasierte Waffen sein. Erst Ende April haben die USA das Experimentalflugzeug X-37B in den Orbit gebracht. Das unbemannte Vehikel sieht nicht nur aus wie ein geschrumpftes Space Shuttle, sondern soll auch wie eine Raumfähre landen können, nachdem es bis zu 270 Tage lang die Erde umkreist hat. Manche Experten sehen darin bereits den Beginn der Militarisierung des Weltraums.
Das Pentagon dementiert entschieden, dass die X-37B Waffen an Bord habe oder jemals haben werde. Inzwischen haben Amateurastronomen das Vehikel erspäht und sogar dessen Umlaufbahn berechnet. Sie erstreckt sich demnach zwischen dem 40. nördlichen und dem 40. südlichen Breitengrad - und deckt damit unter anderem den Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Nordkorea ab. Das, glauben Experten, spreche für die Theorie, dass es sich bei der X-37B eher um eine Spionage- als um eine Waffenplattform handelt. Über die genauen Einsatzmöglichkeiten herrscht allerdings noch Rätselraten.
Konventionelle Sprengköpfe für Interkontinentalraketen
Das Pentagon plant zudem, Interkontinentalraketen mit neuartigen konventionellen Gefechtsköpfen auszurüsten. Auch diese Idee kam schon in der Regierungszeit von George W. Bush auf. Das Problem: Wenn die Rakete startet, ist sie für die Frühwarnsysteme anderer Länder nicht von einer Atomrakete zu unterscheiden - was die Gefahr eines nuklearen Schlagabtausches steigern könnte. Unter anderem deshalb sei der Plan unter Bush verworfen worden, sagte der jetzige und damalige Verteidigungsminister Robert Gates kürzlich dem Sender ABC News. Die neue Administration habe ihn allerdings wieder aus der Schublade geholt.
Von unabhängigen Experten hagelte es daraufhin Kritik. "Obama belebt Rumsfelds Raketenplan wieder und riskiert einen Atomkrieg", schrieb etwa der Militärexperte Noah Shachtman auf der Web-Seite des US-Magazins "Wired". Der Plan sei "idiotisch". Andere Fachleute äußerten sich nicht wesentlich freundlicher. Obama selbst spielte in einem Interview mit der "New York Times" auf das Vorhaben an. Man versuche, "sich weniger stark auf Atomwaffen zu konzentrieren" und sicherzustellen, "dass unsere konventionellen Waffen in allen Situationen, von den extremsten abgesehen, eine effektive Abschreckung darstellen".
Zwar hat die Obama-Regierung die ursprünglichen Pläne, auf U-Booten stationierte "Trident"-Raketen mit konventionellen Sprengköpfen auszustatten, ad acta gelegt. Doch dafür hat das Weiße Haus beim Kongress 250 Millionen Dollar für die Entwicklung der landgestützten, konventionell bestückten Interkontinentalraketen beantragt. Die würden laut der aktuellen US-Strategie über den Nordpol geschossen - und müsste auf dem Weg zu Zielen wie Iran oder Nordkorea China und Russland überqueren.
Putins Warnung vor dem Atomkrieg
"Viele Minuten lang könnte es so aussehen, als nähmen die Raketen Ziele in diesen Nationen ins Visier", hieß es in einer Studie des US-Kongresses. Entsprechend wenig begeistert reagierte die russische Regierung. "Der Start einer solchen Rakete", warnte Russlands damaliger Präsident und heutiger Premierminister Wladimir Putin im Jahr 2006, "könnte einen Gegenangriff mit strategischen Atomwaffen zur Folge haben."
Eine Hyperschallwaffe wie die X-51A könnte dieses Problem durchaus lösen. Da sie nicht größer ist als eine übliche Boden-Luft-Rakete, kann sie von Bombern und Jagdbombern abgeschossen werden. Sie benutzt keinen Raketentreibstoff, sondern normales Flugbenzin vom Typ JP-7 und besteht nicht aus exotischen Materialien, sondern einer Nickel-Legierung.
Dennoch werden noch Jahre ins Land gehen, ehe an einen realen Einsatz zu denken ist, denn der Hyperschallflug stellt nach wie vor eine technische Herausforderung dar. Druck und Hitze setzen den Rumpf brutalen Belastungen aus. Bei längerer Flugdauer würde sich das Geschoss durch die Luftreibung derart erhitzen, dass es ohne aufwendigen Schutz schmölze.
Wie die X-51A auf der Schockwelle reitet
Wenigstens einen Teil dieser Bedingungen nutzt die X-51A zu ihrem Vorteil. So hinterlässt ein Geschoss beim Hyperschallflug mit mehr als Mach 5 eine Kette von Schockwellen, die normalerweise zum Absturz führen könnten. Die X-51A jedoch trägt nicht umsonst den Namen "Waverider": Ihre speziell geformte Spitze sorgt dafür, dass die Schockwellen von unten auf den Rumpf einwirken und ihm Auftrieb verschaffen. Zudem tragen sie zur Verbrennung des Treibstoffs bei.
Zwar soll die Reichweite der X-51A bisher nur rund 1100 Kilometer betragen. Da das Geschoss aber nicht durch den Weltraum fliegt, ist es viel manövrierfähiger als eine ballistische Rakete und könnte notfalls auch einen Bogen um den Luftraum eines unbeteiligten Staates schlagen.
Ein solches Hyperschallgeschoss könnte es dem US-Militär erlauben, künftig wesentlich schneller zuzuschlagen als heute - "ohne sich darüber sorgen zu müssen, den dritten Weltkrieg auszulösen", sagte Mark Lewis, von 2004 bis 2008 Chefwissenschaftler der Air Force, dem US-Magazin "Popular Mechanics".
Air-Force-Manager Charlie Brink frohlockte nach dem 200-Sekunden-Testflug: "Dieser Weltrekord legt die Basis für mehrere Hyperschall-Anwendungen." Darunter befänden sich der kommerzielle Transport und der Zugang zum Weltraum - aber eben auch "Aufklärung und Angriff".
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