Erfolgreicher Test: US-Militär lässt Hyperschall-Geschoss fliegen

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Die US-Luftwaffe hat erstmals einen Hyperschall-Flugkörper erfolgreich getestet. Zwar flog die X-51A "Waverider" nur 200 Sekunden lang mit fünffacher Schallgeschwindigkeit. Doch die Militärs schwärmen schon jetzt von einer neuen Ära - und von der Aussicht auf blitzschnelle Angriffe.

"X-51A": Hyperschall-Geschoss absolviert Erstflug Fotos
USAF

Washington - Die Lobeshymnen könnten kaum überschwänglicher ausfallen. Man sei "verzückt" ("ecstatic") über den ersten Hyperschallflug der X-51A, sagte Charlie Brink von der US-Luftwaffe. Man habe nicht nur einen neuen Weltrekord aufgestellt. "Dieser Sprung in der Triebwerkstechnologie ist gleichbedeutend mit dem Schritt vom Propeller zum Jet-Triebwerk."

Was war geschehen? Die U.S. Air Force hat am Mittwoch den Experimental-Flugkörper mit der Bezeichnung X-51A "Waverider" fliegen lassen, und das einigermaßen erfolgreich. Die Maschine wurde von einem B-52-Bomber in eine Höhe von 15 Kilometern gebracht, ausgeklinkt und von einer Feststoffrakete auf 4,8fache Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Dann wurde der herkömmliche Treibsatz abgeworfen und der sogenannte Scramjet der X-51A gezündet. Er ließ das Geschoss rund drei Minuten lang mit mehr als Mach 5 durch die Atmosphäre donnern.

Dann habe sich eine "Anomalie" ereignet, sagte Brink, der das X-51A-Programm an der Wright-Patterson-Luftwaffenbasis im US-Bundesstaat Ohio leitet. Der Test wurde abgebrochen, die X-51A stürzte vorzeitig in den Pazifik. "Unsere Ingenieure analysieren jetzt die Daten, um die Ursache des Problems zu finden", sagte Brink. "Kein Test ist perfekt." Vor den Testflügen der restlichen drei X-51A-Exemplare, die im Herbst stattfinden sollen, werde man den Fehler finden.

In den Scramjet-Antrieb setzen Militärs und Raumfahrtingenieure enorme Hoffnungen. Der "Supersonic Combustion Ramjet" ("Überschall-Verbrennungs-Staustrahltriebwerk") besitzt praktisch keine beweglichen Teile und nutzt den Effekt, dass die Luft bei hohen Fluggeschwindigkeiten mit enormer Gewalt in den Einlass gepresst wird. Auf Schaufelräder, die in herkömmlichen Strahltriebwerken zur Verdichtung der Luft benutzt werden, kann deshalb verzichtet werden.

Globale Angriffe in kürzester Zeit

Ein Scramjet macht so Geschwindigkeiten möglich, die konventionelle Triebwerke niemals aushalten würden - und die es den Militärs erlauben würden, jedes Ziel auf der Welt binnen kürzester Zeit zu treffen. Entsprechend erfreut äußert sich die Air Force über die Dauer des X-51A-Flugs von 200 Sekunden. Zuvor habe die Bestmarke bei nur zwölf Sekunden gelegen. Im April war dagegen der Test einer Hyperschall-Drohne, des "Hypersonic Technology Vehicle 2" (HTV-2), gescheitert: Die Air Force verlor kurz nach dem Start den Kontakt mit dem unbemannten Flieger.

Derartige Systeme spielen in Barack Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt nicht nur eine wichtige Rolle - sie machen die Vision des US-Präsidenten erst denkbar. Sie basiert auf einer einfachen Erkenntnis: Die atomare Abschreckung der USA hat seit dem Ende des Kalten Krieges ihre Wirkung weitgehend verloren.

Mit ihrer nuklearen Keule könnten die Amerikaner zwar theoretisch jeden Feind binnen Minuten vollständig vernichten. Allerdings: Dass die USA als Antwort auf einen Terroranschlag Teheran auslöschen, erscheint ebenso wenig denkbar wie die nukleare Vernichtung Pekings, sollte China in Taiwan einmarschieren. Das unvorstellbare Vernichtungspotential moderner Atomwaffen, so spotten Militärfachleute, führe längst zur "nuklearen Selbstabschreckung".

Auch die nicht-nuklearen Waffen im US-Arsenal sind für die modernen asymmetrischen Konflikte nicht besonders gut geeignet. Mit Grausen erinnern sich Militärs an den 20. August 1998, als man glaubte, Osama Bin Laden in einem Trainingscamp seines Terrornetzwerks al-Qaida aufgespürt zu haben. US-Kriegsschiffe im Persischen Golf feuerten "Tomahawk"-Marschflugkörper ab. Als die knapp 900 km/h schnellen Geschosse zwei Stunden später endlich im Ziel einschlugen, war der Terrorpate längst verschwunden. Man hatte Bin Laden um eine Stunde verpasst, räumte der damalige amerikanische Anti-Terror-Chef Richard Clarke ein.

Die Suche nach dem Atomraketenersatz

Es muss also eine neue Waffe her - eine, die wie eine Interkontinentalrakete jedes Ziel auf dem Globus binnen Minuten erreichen kann, ohne aber die ungeheure Zerstörungskraft einer Atomwaffe zu entfalten. Dieses Ziel hatte schon US-Präsident George W. Bush vor Augen, als er zum Entsetzen der restlichen Welt die Entwicklung "einsetzbarer" Atomwaffen von geringer Sprengkraft forderte. Die Pläne wurden wieder verworfen, doch der Bedarf blieb bestehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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1. Schon wieder "Blitzkrieg"
friedel_3 28.05.2010
Zitat von sysopDie US-Luftwaffe hat erstmals ein Hyperschall-Geschoss erfolgreich getestet. Zwar flog die X-51A "Waverider" nur 200 Sekunden lang mit fünffacher Schallgeschwindigkeit. Doch die Militärs schwärmen schon jetzt von einer neuen Ära - und von der Aussicht auf blitzschnelle Angriffe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,697286,00.html
Ja, der Krieg ist der Vater aller Dinge. Schon merkwürdig dass zuerst an blitzschnelle Angriffe gedacht wird! Wir kennen ja den Begriff "Blitzkrieg" aus Reich 3.0 Hier wird schnell klar dass die USA weiterhin imperialistisch auftreten werden.
2. ressourcen-verschwendung
Babaji 28.05.2010
einfach nur verrückt! warum das aber ausgerechnet in der presse gelandet ist, die sind doch sonst immer so geheim...
3. Das ist typisch für die USA:
h0l0fernes 28.05.2010
Völlig inkompetent, wenn es darum geht, etwas Positives, Produktives zu schaffen - beispielsweise die Abdichtung des Bohrlochs im Golf von Mexiko - aber Weltmeister im Zerstörungswahn und im Massenmord.
4. Innovationsmüdigkeit und fehlende Technikbegeisterung
nowayjose, 28.05.2010
Zitat von sysopDie US-Luftwaffe hat erstmals ein Hyperschall-Geschoss erfolgreich getestet. Zwar flog die X-51A "Waverider" nur 200 Sekunden lang mit fünffacher Schallgeschwindigkeit. Doch die Militärs schwärmen schon jetzt von einer neuen Ära - und von der Aussicht auf blitzschnelle Angriffe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,697286,00.html
Waffentechnik hin oder her -- wieso hört man solche Meldungen eigentlich immer nur aus den USA? Besteht bei uns kein Interesse mehr an höher-schneller-weiter? Anfang des letzten Jahrhunderts war Deutschland bei Luft+Raketentechnik mit an der Spitze (es gab z.B. in und um Berlin Raketenflugplätze). Heute können wir anscheinend nur noch KFZ-Motoren bauen (und selbst da haben uns die Japaner längst abgehängt).
5. Geld für Schwachsinn...
mischaman 28.05.2010
Dafür haben die Amis Geld (Milliarden und Abermilliarden) - aber um ein Loch am Meeresgrund zu stopfen - und die bisher größte Umweltkatastrophe - und noch vor der eigenen Wohnungstür zu stoppen - das überlassen sie dann den vorsichhinwurschelnden Ölbuden - weil die staatseigenen, gut ausgebildeten Ingenieure ja an Superbomben basteln müssen...
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