Erforschung von Ritterkämpfen Gerüstet für die Wissenschaft

Es war der teuerste Sport des Mittelalters - und der brutalste: Bei Ritterturnieren standen Ehre, Geld und oft das Leben des Reiters auf dem Spiel. Forscher wollen nun herausfinden, was die Männer aushalten mussten. Mit Lanze und Rüstung reiten sie zum Experiment.

Von

david crabbe

Sir Robert Morley starb keinen schönen Tod. Der englische Ritter erlag gegen Ende des 16. Jahrhunderts den Folgen eines Lanzenstoßes. Ein gewisser Hugh Traill, wahrscheinlich schottischer Herkunft, hatte den für seine Kampfkünste gerühmten Sir Robert vom Pferd geholt. Der verstarb kurze Zeit später - vor Scham, wie der zeitgenössische Historiker Raphael Holinshead vermerkt.

Ungewöhnlich war nicht nur die angebliche Todesursache von Sir Robert, sondern auch, dass überhaupt zur Regierungszeit Elisabeths I. noch jemand bei einem Turnier sein Leben ließ. Denn Rüstungen und Waffen der Kämpfer waren während Elisabeths Herrschaft von 1558 bis 1603 erstmals so konstruiert worden, dass kaum noch lebensbedrohliche Verletzungen zu beklagen waren. Die Turniere unter der Schirmherrschaft der Queen markierten damit das Ende einer langen, nicht selten blutigen Geschichte des Zweikampfs zu Pferd.

Diese Geschichte erkunden derzeit Tobias Capwell, Kurator, und Alan Williams, Archäometallurge an der Wallace Collection in London. "Wir wollen herausfinden, wie sich die Kampftechniken über die Jahrhunderte entwickelt haben", sagt Capwell. "Wie veränderten neue Entwicklungen bei Rüstungen und Waffen den Kampf auf physischer Ebene?"

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Experimentelles Tjosten: Forschung im Harnisch
Das Projekt begann damit, dass Williams in Wien eine Turnierrüstung Maximilians I. (1459 bis 1519) untersuchte. Der als "letzter Ritter" bekannte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war ein begeisterter Turnierkämpfer - und entsprechende Gebrauchsspuren konnte Williams an seinen Rüstungen finden. Aus der Tiefe der Beulen und der Stärke der Metallplatten berechnet der Forscher die Kräfte, die einst auf den Schutzpanzer Maximilians eingewirkt hatten. Was er allerdings nicht wissen konnte: Stammte jede Beule von einem Lanzenstoß, oder hatte auch unvorsichtige Behandlung im Laufe der Jahrhunderte die eine oder andere Delle auf den Prunkstücken hinterlassen?

Eine neue Methode musste her. Wenn nicht über die verbeulten Rüstungen, so konnte man die Energie hinter den Lanzenstößen vielleicht über die Waffen rekonstruieren. "Wir haben deshalb ein Pendel gebaut, das auf einer Achse schwingt", erklärt Williams. "An der Höhe des Ausschlags lässt sich die einwirkende Energie in Joule direkt ablesen."

Waffen nach Museumsstücken gefertigt

Zum Glück ist sein Kollege Capwell nicht nur Kurator für Waffen und Rüstungen, sondern reitet auch seit seinem 20. Lebensjahr Turniere im mittelalterlichen Stil - Tjoste genannt - auf internationaler Ebene. Für ihn war es also kein Problem, aus vollem Galopp mit der Lanze das relativ kleine Pendel zu treffen. Die Waffen mussten die Wissenschaftler zuvor selbst herstellen - aus Fichtenholz, mit fünf unterschiedlichen Metallspitzen nach Vorbildern aus dem Museum.

Die ersten Lanzen, mit denen im Mittelalter Tjoste geritten wurden, waren noch glatte Stangen mit Spitzen aus Metall. "Damit wurde die natürliche Grenze der wirkenden Kraft bestimmt durch die Stärke von Hand, Handgelenk, Ellenbogen und Schulter des Reiters", sagt Capwell. Wurde die Kraft zu groß, glitt die Lanze entweder durch den Handschuh des Reiters, oder der gesamte Arm gab nach. Um das zu verhindern, erfanden die Waffentechniker den sogenannten Rüsthaken - eine Aufhängevorrichtung für die Lanze an der Seite des Brustpanzers. So konnte der Reiter den Stoß mit dem Körper auffangen und ein Durchrutschen verhindern.

Der Rüsthaken hatte im Experiment durchschlagenden Erfolg: Capwells Lanzenstöße erreichten auf diese Art eine durchschnittliche Energie von 140 Joule, der höchste gemessene Wert lag gar bei 208 Joule. Ohne Rüsthaken betrug der Mittelwert nur 103 Joule. Dabei war es egal, ob die Wissenschaftler das Gewicht des Pendels veränderten oder eine andere Lanzenspitze aufsetzten: Entscheidend für die Aufprallenergie war nur die Verwendung des Rüsthakens.

Moderne Schutzweste wäre keine Rettung

Für einen Menschen hätte ein solcher Lanzentreffer ziemlich unangenehme Folgen, selbst wenn er eine Schutzweste tragen würde. In Sachen Stichschutz liegen die Maximalwerte moderner Westen bei rund hundert Joule. Bei einer Aufprallenergie von mehr als 200 Joule wäre es vermutlich um den Westenträger geschehen.

Als nächstes wollen Williams und Capwell weitere Lanzentypen untersuchen, zum Beispiel schwere Exemplare, die im sogenannten Rennen benutzt wurden. Diese Form des Tjosts war im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert vor allem im Deutschen Reich en vogue. Ziel war es, den Gegner nicht nur zu treffen, sondern möglichst spektakulär aus dem Sattel zu heben. "Die Lanzen, mit denen die Rennen gekämpft wurden, waren im Grunde nichts anderes als kleine Bäume, denen man nur die Äste abgestreift hatte", meint Capwell.

Für die Beteiligten ging das nicht immer glimpflich aus. Zwar wurden etwa in England schon Ende des 13. Jahrhunderts Regeln eingeführt, um die Gefahr zu verringern. Doch obwohl spitze und scharfe Waffen bald verboten waren, kam es immer wieder zu schweren Verletzungen und Todesfällen, so dass diverse Fürsten und selbst der Papst das Tjosten zeitweise untersagten.

Das große Zeitalter des Tjosts in England war die Regierungszeit von Königin Elisabeths Vater, Heinrich VIII., der von 1509 bis 1547 herrschte. Der König ließ eigens für seine Rüstungen eine neue Schmiede in Greenwich bauen und dort Meister aus Deutschland und den Niederlanden arbeiten. Als seine erste Frau Katharina von Aragón ihm am Neujahrstag 1511 einen Sohn gebar, veranstaltete Heinrich ihr zu Ehren einen Tjost. Den Spaß ließ er sich rund 4400 Pfund kosten - mehr als sein Flaggschiff, die Mary Rose. Umgerechnet entspräche das heute einer Summe von 23 bis 34 Millionen Euro.

Mittelalterlicher Profisport

Bei derartigen Summen dauerte es nicht lange, ehe die ersten Profisportler die Szene betraten. Da der Sieger eines Tjosts Waffen, Rüstung und Pferd seines Kontrahenten kassierte, konnte das Tingeln von Turnier zu Turnier überaus lukrativ sein. So mancher Lanzenkünstler verdiente auf diese Weise seinen Lebensunterhalt oder brachte es gar zu Reichtum.

Auch bei der experimentellen Forschung an Rüstung und Waffen ist jede Menge Geld im Spiel. Will man nicht nur auf ein Pendel losreiten, sondern Turniersituationen nachstellen, braucht man außer Lanzen auch solide Rüstungen für zwei Reiter. Derzeit baut Capwell mit Unterstützung der Denkmalorgansation Historic Royal Palaces zwei Tjost-Rüstungen nach Vorbildern aus der Regierungszeit Heinrichs VIII. Stückpreis: rund 23.000 Euro.

Bis die Metallkleider fertig sind, trägt Capwell sein privates Exemplar, das einer Kriegsrüstung des späten 15. Jahrhunderts entspricht. Das sei authentisch, betont der Forscher: "Im 15. und 16. Jahrhundert war es durchaus üblich, in Kriegsrüstung auf dem Tjost zu erscheinen."

Nicht zuletzt braucht man für experimentelles Tjosten gut ausgebildete Pferde. "Das sind extrem teure Kreaturen", betont Williams. Capwell reitet dafür sein eigenes Pferd namens Duke. Der Hengst ist ein Friese, den Capwell selbst ausgebildet hat. "Friesen kommen den mittelalterlichen Tjost-Pferden in Aussehen und Charakter am nächsten", sagt er. "Sie versuchen zwar gelegentlich, ihren Reiter umzubringen - aber eigentlich nie mehr als einmal am Tag."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Stefan Albrecht, 13.11.2009
1. Spqf
Zitat von sysopEs war der teuerste Sport des Mittelalters - und der brutalste: Bei Ritterturnieren standen Ehre, Geld und oft das Leben des Reiters auf dem Spiel. Forscher wollen nun herausfinden, was die Männer aushalten mussten. Mit Lanze und Rüstung reiten sie zum Experiment. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,658389,00.html
SPQF = Sono pazzi questi Forscher = Die spinnen, die Forscher...
tweet4fun 13.11.2009
2. Perfekt!
Zitat von sysopEs war der teuerste Sport des Mittelalters - und der brutalste: Bei Ritterturnieren standen Ehre, Geld und oft das Leben des Reiters auf dem Spiel. Forscher wollen nun herausfinden, was die Männer aushalten mussten. Mit Lanze und Rüstung reiten sie zum Experiment. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,658389,00.html
Ein wunderbarer Sport für Politiker jeglicher Couleur! Austragungsort könnte ein Superstadion sein in Bahrein, passend für 500.000 Menschen aus aller Welt. Let the games begin!
jimi hendrix 13.11.2009
3. Kein Wunder...
...dass die Kids die alten Säcke heut nicht mehr für voll nehmen, und ihnen gelegentlich was aufs Maul hauen. Seinen infantilen Spieltrieb als Forschung zu vermarkten ist sicher ne tolle Sache - auf jeden Fall eine ABM höheren Niveaus. Und in Ritterkostümen sind mir die Spinner allemal lieber als in modernen Uniformen. Is doch geil, wir richten überall miefige Mittelaltermärkte, Westernstädte, Indianerdörfer und Steinzeithöhlen ein, und haben wieder Vollbeschäftigung - und der Spiegel was zu berichten. Die gewonnenen Erfahrungen lassen sich in Zukunft sicher verwerten.
Inuk 13.11.2009
4. Die Formel 1 des Mittelalters
Zitat von sysopEs war der teuerste Sport des Mittelalters - und der brutalste: Bei Ritterturnieren standen Ehre, Geld und oft das Leben des Reiters auf dem Spiel. Forscher wollen nun herausfinden, was die Männer aushalten mussten. Mit Lanze und Rüstung reiten sie zum Experiment. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,658389,00.html
Ich hätte zu diesem Bericht noch gerne einige Details erfahren. Wie schwer waren beispielsweise die Rüstungen? Konnten die Männer damit lange kämpfen, oder wurden die Rüstungen nur minutenweise, bis der Kampf zu Ende war, getragen? Mutig waren die Leute damals auf jeden Fall. Zu einem Turnier reiten, schwere Verletzungen oder gar den Tod in Kauf zu nehmen, war nicht jedermanns Sache. Im Mittelalter waren diese Leute wohl das, was man heute Extremsportler nennt. Auf jeden Fall werde ich die Forschungsergebnisse interessiert weiterverfolgen.
tystie, 15.11.2009
5. Absinkendes Niveau
Früher konnten die Herren also reiten, heute können sie gerade (vielleicht) noch selbst autofahren.
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