Rechentrick EU-Kommission erklärt Fusionsreaktor zum Klimaschutzprojekt

Die EU will die Milliardenausgaben für den Forschungsreaktor "Iter" für den Klimaschutz verbuchen - dabei weiß niemand, ob die Kernfusion je als Energiequelle taugt. Für den Rechentrick gibt es einen simplen Grund.

Baustelle des Iter-Reaktors
DPA

Baustelle des Iter-Reaktors

Von , Brüssel


Manche halten die Kernfusion für die Energiequelle der Zukunft, wenn nicht gar für die Rettung der Menschheit: Die Kraft der Sonne zu bändigen, verspricht unbegrenzte Energie ohne Umweltverschmutzung. Andere lästern, dass die Kernfusion auf ewig die vielversprechendste Technologie der Zukunft bleiben wird. Sicher ist nur eines: Niemand weiß, ob Fusionsreaktoren jemals mehr Strom liefern werden, als ihr Betrieb verschlingt.

Das aber hält die EU-Kommission nicht davon ab, die Ausgaben für den Forschungsreaktor Iter demnächst zu 100 Prozent als Klimaschutz-Maßnahme zu verbuchen. Dass die Brüsseler Behörde dies versucht, geht aus internen EU-Dokumenten hervor, die dem SPIEGEL vorliegen.

Bei einem davon handelt es sich um den Vorschlag für eine Abänderung der 2007 getroffenen Entscheidung über den Bau von Iter, mit dem die Kernfusion erforscht werden soll. Laut dem Papier, das die rumänische EU-Ratspräsidentschaft Ende Februar an die Mitgliedsländer geschickt hat, sollen die Ausgaben für Iter zu 100 Prozent den Klimaschutz-Maßnahmen der EU zugerechnet werden. Bisher wurden sie dafür gar nicht berücksichtigt. Den Grund liefert der Entwurf auch gleich mit: Der Schritt soll beim Erreichen des Ziels helfen, künftig 25 Prozent des EU-Budgets für den Klimaschutz auszugeben.

Die Kommission denkt langfristig - sehr langfristig

Die Zahlen beziehen sich auf den nächsten Mehrjahres-Haushalt der EU, der von 2021 bis 2027 gelten soll. Im aktuellen sogenannten Mehrjährigen Finanzrahmen lag der Anteil der Klimaschutz-Ausgaben noch bei lediglich 20 Prozent - und schon damit hatte die Kommission erhebliche Schwierigkeiten, wie der EU-Rechnungshof bereits Ende 2016 kritisierte.

Im kommenden Haushalt sollen es nun sogar 25 Prozent sein - und der Trick, die Iter-Ausgaben dem Klimaschutz zuzuschlagen, soll helfen, diese Hürde zu nehmen. Praktisch in diesem Zusammenhang: Die Kosten für Iter steigen kräftig. Während im EU-Haushalt von 2014 bis 2020 knapp drei Milliarden Euro für den Forschungsreaktor veranschlagt waren, soll der Betrag im kommenden Budget mit 6,07 Milliarden mehr als doppelt so groß sein. Insgesamt wird der EU-Haushalt von 2021 bis 2027 ein Volumen von voraussichtlich rund 1,1 Billionen Euro haben.

In einer internen Präsentation liefert die Kommission eine kreative Begründung für ihren Plan: Der Kampf gegen den Klimawandel sei eben eine langfristige Angelegenheit, die nach "Lösungen auf verschiedenen Zeitskalen" verlange. Dazu gehöre auch "die Entwicklung von Energiequellen, die Teil einer dekarbonisierten Energielandschaft jenseits des Jahres 2050 sind". Die Fusionsenergie könnte eine "Null-Kohlenstoff-Ergänzung" zu den erneuerbaren Energien dieser fernen Zukunft sein.

"Das wäre ein Sieg für die Atomlobby"

Diese Argumentation hält nicht jeder für überzeugend. "Es ist absurd, dass demnächst mehr als die Hälfte aller Energieforschungsmittel der EU in den Iter-Reaktor fließen soll", sagt der luxemburgische Energieminister Claude Turmes. "Wir müssen stattdessen bei realistischen Technologien vorankommen." Selbst wenn Iter eines Tages Strom liefern sollte, käme das für den Klimaschutz zu spät. Zudem wäre der Reaktor vermutlich doppelt so groß wie ein herkömmliches Atomkraftwerk. "In Zeiten einer zunehmend dezentralen Energieversorgung ist dieses Projekt damit völlig anachronistisch", kritisiert Turmes.

Der Grünen-Politiker warnt zudem davor, dass das Iter-Projekt auch der herkömmlichen Atomenergie neuen Auftrieb verleihen könnte. "Sollte Iter zum Klimaschutz-Projekt umetikettiert werden, wäre das ein wichtiger Sieg für die Atomlobby", so Turmes. Die Energiekonzerne seien wirtschaftlich mit der Atomkraft gescheitert. "Der Klimaschutz ist für sie die letzte Chance, die Atomenergie in Zukunft noch zu rechtfertigen."

Eine Entscheidung über den Vorschlag der Kommission soll in den kommenden Wochen fallen. Nach Angaben von Diplomaten haben sich bisher Luxemburg und Österreich gegen den Vorschlag der Kommission gestellt. Da der Iter-Vertrag unter die Europäische Atomgemeinschaft Euratom fällt, müsste der Rat der Mitgliedsländer einstimmig über die Änderung entscheiden.

insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
touri 01.03.2019
1.
Meiner Ansicht nach sollte weiter intensiv in die Richtung Fusionstechnologie geforscht werden. Sicher, wenn es sich als unmöglich erweisen sollte mit positiver Energiebilanz zu arbeiten dann ist viel Geld ausgegeben worden mt wenig Nutzen, aber wenn es funktionieren sollte wie erhofft, dann hat die Menschheit für die nächsten paar tausend Jahre energietechnisch ausgesorgt.
sisupoikka 01.03.2019
2. Kernfusion ist die Zukunft fuer reiche Länder
Ich denke man sollte die Forschungsausgaben in diesem Bereich sehr wohl erhöhen.Mit welcher Begruendiung ist dies ein Sieg fuer die Atomlobby? Selbst ein grosser Fusionsreaktor wird niemals mehr schwachradioaktiven Muell erzeugen als eine grosse Röntgenpraxis. Die Anlagen werden gewaltig gross sein, hochtechnologisch und Strom wird dann sehr guenstig werden, langfristig. Wen dieses Thema interessiert der sollte sich die YouTube Videos von Urknall Weltall und das Leben anschauen, wird sehr gut erklärt.
theos001 01.03.2019
3.
Was hat die Atomlobby denn mit Kernfusion zu tun? Nix. Technisch wären Fusionsreaktoren sicherer, umweltfreundlicher und effizienter, als kernspaltungsreaktoren. Es als Klimaschutzprojekt zu deklarieren klingt seltsam ja, doch es macht sinn. Als Grundversorgung extrem sinnvoll, regenerative Quellen können die hauptlast ausmachen.
ArnoNyhm1984 01.03.2019
4. Und warum ist das jetzt ein "Bilanzierungstrick"?
Die Kernfusion ist ebenso "Sonnenenergie" wie die Sonne selbst: Wasserstoff wird zu Helium umgwandelt -vollkommen emissionsfrei und (im Gegensatz zur klassischen Kernspaltung) risikolos. Warum also sollten die entsprechenden Forschungskosten also nicht als Klimaschutzaufwendungen gelten?
larsmach 01.03.2019
5. Stromtrassen, die niemand haben will
Über die Frage nach aus der Zeit gefallenen Großkraftwerken darf man sich angesichts der Widerstände gegen (wenige!) Stromtrassen für Offshore-Windparks schon lange wundern. Vielleicht klingen manche Dinge einfach zu hipp, um sich über triviale Aspekte Gedanken zu machen (Beispiel: Wasserstoff als "Alternative" zu Elektroautos - trotz eines verheerenden Verhältnisses von 6:1 im Primärstromverbrauch). Fusionsgeneratoren stecken trotz der Größenordnungen bei Forschungsbudget noch immer nahe bei der Grundlagenforschung - in der Tat also sinnlos für die Lösung dringender gegenwärtiger Probleme.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.