Problem an Nordsee-Bohrinsel: EU fordert Konsequenzen aus "Elgin"-Vorfall

Wegen der Probleme an der "Elgin"-Plattform fordert die EU-Kommission strengere Regeln für die Öl- und Gasförderung. Doch die werden lange brauchen - und garantieren auch keine absolute Sicherheit. Immerhin: Im Kampf gegen eine mögliche Explosion hat Total ein wenig Zeit gewonnen.

DPA/ Total

Brüssel - Das Gas an der Nordsee-Bohrinsel "Elgin" blubbert munter vor sich hin, während die Politik über Konsequenzen aus dem Vorfall diskutiert. Aus Sicht der EU-Kommission offenbart das Leck mögliche Sicherheitslücken. "Der Vorfall bestätigt uns, dass die Sicherheit auf Öl- und Gasplattformen nach wie vor ein kritischer Punkt in Europa ist", sagte eine Kommissionssprecherin in Brüssel. Das gelte selbst für die EU-Länder mit den modernsten Sicherheitsstandards.

Die Kommission wollte im vergangenen Jahr mit einem Gesetzentwurf für höhere Standards sorgen. Demnach müsste ein Betreiber die Risiken einer Förderung vor Bohrungsbeginn genau darlegen - und erklären, wie er im Notfall reagieren will. Auch für die Ausrüstung auf den Bohrinseln soll es unabhängige Sicherheitsprüfungen geben. Neben Norwegen hat allerdings auch Großbritannien bereits solche Regeln. Die Probleme auf der "Elgin" verhinderten sie nicht.

Im Kampf gegen eine mögliche Explosion auf der "Elgin" hat der Betreiberkonzern Total immerhin ein wenig Zeit gewonnen. "Die Wetterbedingungen bleiben auf absehbare Zeit stabil", sagte ein Sprecher des britischen Klimaschutzministeriums SPIEGEL ONLINE. Damit könnte das Risiko, dass sich die Gaswolke an einer hoch über der Plattform lodernden Gasflamme entzünden kann, überschaubar bleiben. Gegenwärtig treibt der Wind das Gas in östliche Richtung von der Plattform weg.

Auf europäischer Ebene dürfte der Weg zu strengeren Gesetzen auch noch weit sein - denn beschlossen ist noch nichts: Der Entwurf wird derzeit im Europäischen Parlament und dem Ministerrat diskutiert. Die Kommission will auch die Betreiber von Hochseeplattformen für mögliche Umweltschäden in die Pflicht nehmen, wie es etwa bei Fabriken am Festland bereits der Fall sei. Bislang seien Betreiber nur für Vorfälle auf bis zu 22 Kilometer von der Küste entfernten Bohrinseln haftbar. Künftig sollen Förderstationen bis 350 Kilometer Entfernung abgedeckt sein. "Wir gehen davon aus, dass damit fast 99 Prozent aller Öl- und Gasplattformen in der EU unter diese Regel fallen würden", sagte die Sprecherin.

Das Gasleck auf der "Elgin" war am Sonntag bemerkt worden. In der Folge wurden alle 238 Mitarbeiter von der Förderplattform, gelegen etwa 240 Kilometer vor der Küste von Aberdeen, in Sicherheit gebracht. Total-Sprecher Jacques Emmanuel Saulnier sagte, die Situation sei ernst, aber stabil. Nach dem Grund für das Leck werde weiter geforscht. Zuvor erklärte Total, aus der Luft sei ein Film von fast fünf Quadratkilometern Durchmesser um die Plattform herum entdeckt worden. Es handele sich dabei um kondensiertes Gas. Diese Substanz enthält auch Öl.

Die Förderung an den von der Plattform aus koordinierten anderen Gasbohrungen sei abgestellt, erklärte die Firma. Die Ventile an Bord der Plattform seien geöffnet worden. So könne das im System verbliebene, überschüssige Gas kontrolliert abgefackelt werden. Dies garantiere auch, dass selbst im Falle einer Explosion und einer totalen Zerstörung keine weiteren Lecks entstehen. Vorsichtshalber seien zwei Feuerwehrschiffe zum Löschen in Stellung gebracht worden. Neben einem Überwachungsschiff mit Unterseetechnik sind dies die einzigen Schiffe, die in die Zwei-Meilen-Sperrzone gelassen werden.

Die Flamme werde in den nächsten Tagen vermutlich von selbst ausgehen, sobald nicht mehr genügend Gas in den Rohren ist, um sie zu speisen, sagte eine Firmensprecherin. Alternativ werde nach Wegen gesucht, sie zu löschen, sollte sie länger brennen. So lang die Flamme aktiv ist, bestehe Explosionsgefahr. Dadurch werde die Untersuchung der Plattform und des möglichen Lecks noch erschwert.

"Wir haben externe Experten hinzugezogen"

Total geht davon aus, dass das Leck an einer Gasbohrung in 4000 Metern Tiefe entstanden ist, an der die Förderung vor einem Jahr eingestellt wurde. Es sei schwer zu sagen, wie viel Gas noch freigesetzt werde, sagte der für die Total-Operationen in Großbritannien zuständige Sicherheitschef David Hainsworth. Das austretende Gas sei nicht giftig. Auf seiner Internetseite gibt Total den Schwefelgehalt des im "Elgin"-Feld geförderten Gases mit weniger als 0,01 Prozent an.

Der Wissenschaftler Christoph Gertler von der Bangor University in Wales glaubt, dass die jetzt sprudelnde Gasblase unabsichtlich bereits vor mehr als einem Jahr angebohrt wurde. Jetzt sei möglicherweise die Zementfüllung gebrochen und das Gas ströme an Ventilen und Rohren vorbei seitlich aus. Das Leck könnte nach seiner Einschätzung zwischen Meeresgrund und der Blase in 4000 Metern Tiefe liegen.

Total hofft, dass die Quelle bald von alleine versiegt. "Das wäre der Königsweg", sagte eine Sprecherin. Sollte dies nicht eintreten, müsse entweder eine Monate dauernde Entlastungsbohrung unternommen oder das Bohrloch von oben mit schwerem Schlamm verstopft werden. Ein solcher "Kill" geht schneller, ist aber risikoreicher als eine Entlastungsbohrung. "Wir haben externe Experten hinzugezogen, die wir unter Vertrag haben", sagte die Total-Sprecherin. Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen. Bis dahin würden alle Optionen parallel vorangetrieben.

Nach Ansicht der britischen Behörden sei der Einfluss auf die Umwelt bisher minimal gewesen, erklärte der Sprecher des Klimaschutzministeriums. Ein Überwachungsflug der Umweltschutzorganisation Greenpeace konnte lediglich zeigen, dass es einen Gasaustritt gibt. "Wahrscheinlich ist es Methan", sagte Mitarbeiter Kai Britt, der mit an Bord der zweimotorigen Maschine war.

Das Risiko einer Explosion hält der Greenpeace-Experte ähnlich wie auch britische Fachleute gegenwärtig für überschaubar. "Der Wind treibt die Gaswolke von der Flamme weg", sagte er. Das Wetter sei günstig. Auch die verbliebenen Arbeiter auf einer etwa vier Seemeilen entfernten Plattform des Energiekonzerns Shell seien nicht in konkreter Gefahr.

chs/dpa

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