Explodierende Kosten: Regierung will Klarheit bei Forschungreaktor "Iter"

Der geplante Kernfusionsreaktor "Iter" in Frankreich wird deutlich teurer als geplant. Die Europäische Union muss Mehrkosten in Milliardenhöhe stemmen. Nach SPIEGEL-Informationen verlangt die Bundesregierung nun Klarheit von der EU-Kommission, woher das Geld eigentlich kommen soll.

"Iter": Milliardenschweres Großprojekt Fotos
ITER Organization

Cadarache - Fusionsenergie, ähnlich wie sie auf der Sonne entsteht, auf der Erde zur Energiegewinnung einsetzen - das ist der Plan für den europäischen Forschungsreaktor "Iter" ("International Thermonuclear Experimental Reactor"). In ihm sollen ab dem Jahr 2026 die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium kontrolliert zu Helium verschmelzen - und im Kraftwerksmaßstab Energie liefern. Noch im Sommer sollen im südfranzösischen Cadarache die Bauarbeiten losgehen.

Dumm nur, dass das internationale Gemeinschaftsprojekt deutlich teurer wird als bisher vermutet. Gerade hat das "Iter"-Konsortium eine Vereinbarung zu den Mehrkosten getroffen. Danach kommen allein auf die Europäische Union bis zum Jahr 2019 zusätzliche Ausgaben von insgesamt 3,9 Milliarden Euro zu.

Doch woher soll das Geld kommen? Die Kommission hat vorgeschlagen, für die Jahre 2012 und 2013 rund 460 Millionen Euro bei der Forschungsförderung in anderen Bereichen und 400 Millionen Euro bei der Landwirtschaft zu kürzen. Für eine Summe von 540 Millionen Euro bleibt die Finanzierung dagegen offen.

Doch nach SPIEGEL-Informationen ist die Bundesregierung mit dieser Auskunft unzufrieden. "Dieser Plan ist nicht hinreichend", heißt es Berlin. Die Kommission habe noch nicht erklärt, wie sie zusätzliche Ausgaben von 1,4 Milliarden Euro allein in den Jahren 2012 und 2013 aufbringen wolle, ohne anderen wichtigen Vorhaben zu schaden, ist in Regierungskreisen zu hören.

Allerdings gibt es innerhalb der Berliner Regierung einen Interessenkonflikt: Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) möchte Kürzungen aus dem Agrarhaushalt verhindern, Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) will das EU-Förderprogramm für Spitzenforscher von jeglicher Kürzung ausnehmen.

Die Befürworter des "Iter"-Projekts sagen, es ginge um nichts weniger als die Energieversorgung der Zukunft - mit quasi unendlich verfügbaren Brennstoffen und beinahe abfallfrei. Zum ersten Mal soll dabei ein Fusionsreaktor mehr Energie liefern, als zu seinem Betrieb nötig ist. Für seine Gegner ist das Milliardenprojekt hingegen kaum mehr als ein modernes Luftschloss. Neben den Europäern sind China, Indien, Japan, Südkorea, Russland und die USA an dem Projekt beteiligt.

chs

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Fusionsreaktor
Wasserstoff zu Helium
Bei der Kernfusion verschmelzen die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium unter Freisetzung großer Mengen Energie zu Helium. Deuterium ist zu einem kleinen Anteil in gewöhnlichem Wasser enthalten, Tritium muss der Reaktor selbst erzeugen, etwa aus Sand. Ein Gramm Brennstoff könnte nach Angaben des an "Iter" beteiligten Max-Planck-Instuituts für Plasmaphysik (IPP) in einem Kraftwerk 90.000 Kilowattstunden Energie erzeugen - die Verbrennungswärme von elf Tonnen Kohle. Sie wird abgeleitet und in Turbinen zur Stromerzeugung genutzt
Hitze statt Druck
Im Inneren der Sonne geschieht die Kernfusion unter dem ungeheuren Druck der Masse des Sterns. Im Fusionsreaktor muss der Mangel an Druck durch Temperatur ausgeglichen werden. Dort herrscht nur ein Druck von fünf Atmosphären. Dafür wird die Temperatur rund 100 Millionen Grad Celsius erreichen müssen.

Wie das am besten bewerkstelligt werden kann, wissen die Forscher noch nicht. Deshalb werden in "Iter" unterschiedliche Technologien eingebaut, die das Plasma aufheizen sollen - per Elektronenstrahl, Ionenstrahl oder Mikrowelle zum Beispiel. Bei "Wendelstein 7-X" kommen Mikrowellenstrahlen zum Einsatz.