Explosion im AKW Fukushima Japan bringt 200.000 Menschen in Sicherheit

Wie gefährlich ist die Lage im AKW Fukushima? Inzwischen wurden etwa 200.000 Anwohner in Sicherheit gebracht, sie sollen Jodtabletten schlucken. In einem weiteren Meiler ist das Notfallkühlsystem ausgefallen. Experten fürchten eine Kernschmelze - die Regierung versucht zu beruhigen.


Tokio - Die Fernsehbilder sind erschreckend: Über dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima hängt eine Rauchwolke. Fernsehbilder zeigen eingestürzte Wände, das Reaktorgebäude ist teilweise zusammengebrochen. Momentan weiß niemand, was das bedeutet, die Aussagen zur Lage widersprechen sich ( Liveticker hier). Was ist explodiert? Wie gefährlich ist die Situation für Arbeiter? Für Anwohner der nur 30 Kilometer entfernten Stadt Iwaki? Für die Millionenstadt Tokio, 240 Kilometer entfernt? Für ganz Japan? Wie gefährlich ist die Situation für die Welt? Gab es den größten anzunehmenden Unfall, eine Kernschmelze?

Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA teilte am Samstagabend deutscher Zeit mit, 200.000 Anwohner aus dem Gebiet um das Atomkraftwerk seien bislang evakuiert worden. Innerhalb eines 20-Kilometer-Radius um die Anlage Fukushima 1 (Fukushima-Daiichi) seien etwa 170.000 Personen in Sicherheit gebracht worden. Im Umkreis von zehn Kilometern um die Anlage Fukushima-Daini seien 30.000 Personen evakuiert worden. "Die Evakuierungsmaßnahmen sind noch nicht komplett", teilte die IAEA mit.

Am Samstagabend deutscher Zeit wurde zudem bekannt, dass am Meiler 3 des Kraftwerks Fukushima 1 das Notfallkühlsystem ausgefallen ist. Damit müsse dringend die Wasserzufuhr zu der Anlage gesichert werden, teilte ein Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde mit. Bei der Explosion in Meiler eins sollen mindestens neun Personen Radioaktivität ausgesetzt worden sein.

Der IAEA zufolge hat nach japanischen Angaben die Zufuhr von Meerwasser zur Kühlung des beschädigten Reaktors begonnen. Laut der IAEA hat der Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) bestätigt, dass der primäre Sicherheitsbehälter des Reaktors intakt sei. Die Explosion in der Anlage habe sich außerhalb des Behälters zugetragen. Die IAEA sagte, Japan habe ihr mitgeteilt, dass die Radioaktivität in der Nähe des AKW Fukushima 1 in den vergangenen Stunden zurückgegangen sei.

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Tsunami-Folgen: Explosion in Kernkraftwerk
Am Samstagmittag hatte ein japanischer Fernsehsender zunächst gemeldet, es habe sich "die erste nukleare Kernschmelze auf japanischem Boden" ereignet. Ministerpräsident Kan versicherte bei einer Pressekonferenz jedoch, es habe keine Kernschmelze stattgefunden. Nach Angaben der Regierung führte eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle zu der Explosion. Dabei wurde die äußere Reaktorhülle zerstört.

Tepco bestätigte, dass vier Arbeiter verletzt wurden und in einer Klinik behandelt werden. Das Auswärtige Amt geht Hinweisen nach, wonach sich ein deutscher Kernenergietechniker im Katastrophengebiet rund um Fukushima aufhalten könnte. Man stehe mit dessen Angehörigen in engem Kontakt, sagte eine Sprecherin.

Das Betreiberunternehmen Tepco, das bereits durch eine ganze Reihe von Skandalen aufgefallen ist, erklärte, an der inneren Reaktorhülle seien keine Schäden entstanden. Das bekräftigte auch Regierungssprecher Yukio Edano: "Aus dem Reaktor tritt keine Radioaktivität aus." Die Strahlungsbelastung rund um das Kraftwerk sei inzwischen dramatisch gefallen. Der ursprüngliche Anstieg sei durch das kontrollierte Ablassen der Gase zwischen Reaktor und äußerer Reaktorhülle entstanden.

"Das sind aber keine Maßnahmen mehr, um den Reaktor zu kontrollieren"

Doch die Gefahr einer Kernschmelze besteht, da das Kühlsystem des Reaktors funktionsunfähig zu sein scheint. Nach Angaben des TV-Senders NHK war die Strahlung an der Zufahrt zum AKW um 15.29 Uhr (Ortszeit) um ein Vielfaches erhöht.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) vermutete, dass es zu einer Kernschmelze gekommen ist. "Anhand der uns vorliegenden Informationen neigen wir dazu, dass dort eine Kernschmelze im Gange ist", sagte er im WDR-Hörfunk. Eine Bedrohung für Deutschland und Europa sei aber nahezu ausgeschlossen. Auch Bundeskanzlerin Merkel schätzte die Lage so ein.

Der ehemalige Chef der Atomaufsicht in Deutschland, Wolfgang Renneberg, geht von einer Katastrophe aus, eine Kühlung des Reaktors sei offenkundig nicht mehr möglich, jetzt bliebe Japan offenkundig nur der Katastrophenschutz wie Evakuierungen oder das Verteilen von Jod-Tabletten. "Das sind aber keine Maßnahmen mehr, um den Reaktor zu kontrollieren." Aufgrund der großen Entfernung werde Deutschland aber von Radioaktivität praktisch nicht getroffen werden. China und Russland seien dagegen gefährdet.

Die EU-Kommission plant nun eine Sondersitzung zur Nuklearsicherheit. Energiekommissar Günther Oettinger wolle Anfang der Woche Vertreter der nationalen Atomaufsichtsbehörden sowie Hersteller und Betreiber von Atomkraftwerken nach Brüssel einladen. Bei dem Treffen sollten "die Konsequenzen aus dem Unfall abgeschätzt und Lehren gezogen" werden. "Wenn nötig, werden Vorsorgemaßnahmen ergriffen, um der Lage in Europa Rechnung zu tragen", hieß es in der Mitteilung der Kommission.

Die Behörden haben den Evakuierungsradius um Fukushima von zehn auf 20 Kilometer erweitert. Nun wollen die Behörden Jod an Anwohner verteilen. Die Pillen sollen die Schilddrüse füllen, so dass kein Jod aus einer radioaktiven Wolke aufgenommen werden kann.

Eine deutsche Hilfsorganisation hat ihren Einsatz aus Sicherheitsgründen vorerst abgebrochen. Ein Vorausteam der I.S.A.R. Germany (International Search and Rescue) aus Duisburg fliege aus Tokio wieder ab, ohne in die zerstörten Gebiete nahe des Erdbebenzentrums zu fahren, sagte Feuerwehrmann Björn Robach. "Wir wissen nicht, was in den nächsten Tagen passiert mit den Atomkraftwerken. Da hat die Einsatzleitung entscheiden, dass Sicherheit vorgeht und wir nicht in das Land einreisen werden."

Auch die Anwohner von Iwaki sind verunsichert: "Alle wollen raus aus der Stadt. Aber die Straßen sind fürchterlich", sagt Reiko Takagi. "Es ist zu gefährlich, irgendwo hin zu gehen. Wir haben Angst, dass der Wind sich dreht und Strahlung zu uns trägt."

Es mangelt an Informationen aus erster Hand - das liegt auch an den schlechten Verbindungen. Die Küstengebiete sind von Erdbeben und Flutwelle verwüstet. Alle Autobahnen von Tokio in die Katastrophengebiete sind laut Verkehrsministerium gesperrt und dürfen nur von Rettungsfahrzeugen benutzt werden. Mobilfunknetze funktionierten nur sporadisch.

Die japanische Atomaufsicht hat die Explosion in dem Reaktor des Kraftwerkes Fukushima 1 als "Unfall" auf der internationalen Störfallskala eingestuft. Der Vorfall werde in die Kategorie Nummer vier der von null bis sieben reichenden Skala eingeordnet, hieß es. Nach Angaben des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz können Vorfälle in dieser fünfthöchsten Kategorie eingestuft werden, wenn es zu einer geringen Freisetzung von radiaktivem Material gekommen ist und "begrenzte Schäden am Reaktorkern aufgetreten sind. Tschernobyl war Stufe sieben.

Die Stufen der INES-Skala

Stufe Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
7: Katastro- phaler Unfall Schwerste Freisetzung von Radioaktivität, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR, heute Ukraine)
6: Schwerer Unfall Erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, voller Einsatz der Katastrophen- schutz- Maßnahmen Katastrophe von Kyschtym 1957 (UdSSR, heute Russland)
5: Ernster Unfall Begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, teilweiser Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Reaktorkern / radiologische Barrieren schwer beschädigt Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1957 (Großbritannien), Three Mile Island 1979 (USA) und Tokaimura 1999 (Japan)
4: Unfall Geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung etwa in Höhe natürlicher Quellen Reaktorkern / radiologische Barrieren erheblich beschädigt, Strahlen- belastung von Mitarbeitern mit Todesfolge Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1973 (Großbritannien), Saint-Laurent 1980 (Frankreich)
3: Ernster Störfall Sehr geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils natürlicher Quellen Schwere radioaktive Kontaminierung, Mitarbeiter erleiden akute Gesundheits- schäden Beinahe-Unfall: keine weiteren Sicherheits- vorkehrungen, die einen Unfall verhindert hätten Störfall von Vandellòs 1989 (Spanien)
2: Störfall Erhebliche radioaktive Kontaminierung, unzulässige Strahlen- belastung von Mitarbeitern Störfall mit erheblichen Ausfällen von Sicherheits- vorkehrungen Störfälle von Philippsburg 2001 (Deutschland) und Forsmark 2006 (Schweden)
1: Störung Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Anlagenbetrieb Störung durch Ventilschaden im südhessischen Atomkraftwerk Biblis, Block A im Dezember 1987
0 Keine oder sehr geringe sicherheits- technische Bedeutung

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

jul/dapd/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
h.yurén 12.03.2011
1. Die Regierenden spielen runter
dass die japanische regierung zu beruhigen versucht, ist eine freundliche umschreibung fürs versagen und schließliche kleinreden der folgen des verantwortungslosen geschäfts. wahrscheinlich waren die japanischen atomkraftwerke genauso sicher wie die deutschen - bis zum gau.
günter1934 12.03.2011
2. *
Zitat von sysopWie gefährlich ist die Lage im kollabierten*AKW Fukushima? Zehntausende Anwohner wurden in Sicherheit gebracht, sollen Jodtabletten schlucken, die Menschen in der Region sind völlig verängstigt. Experten rechnen mit einer Kernschmelze - die japanische Regierung versucht zu beruhigen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750601,00.html
Die Stimmen hier werden laut, - sofort alle deutschen AKWs abschalten. Ich würde sagen, das ist jetzt die Nagelprobe für die Gefährlichkeit von AKWs. Wenn es nicht schlimmer ausgeht als damals in three mile island, ist ja gegen den Bau von Atomkraftwerken nicht mehr viel einzuwenden.
zeitmax 12.03.2011
3. Wahrheiten
"Ein Land, das Atomenergie "zivil" nutzt ist a) nicht verteidigungsfaehig, b) hat keine gesicherte Elektrizitaetsversorgung, da systemische Risiken eine Totalstillegung aller technisch verwandten Anlagen erzwingen kann c) abgesehen von den Folgekosten auf hunderttausende Jahre, die kommende Generationen ein Armenhaus hinterlassen d) von den eigentlichen Auswirkungen im "stoerungsfreien Noremalbetrieb" mal ganz abgesehen. Man sollte in Intelligenztests stets eine Frage zur zivilen Atomnutzung aufnehmen und bei deren falscher Beantwortung den Test auf Null Punkte setzen. Damit wuerde man diese Narren von allen oeffentlichen Aemtern und Weiterbildungs-Institutionen fernhalten." risisMaven http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=207445&page=0&category=0&order=last_answer ---
soläuftdas? 12.03.2011
4. Zehntausende Anwohner wurden in Sicherheit gebracht....
Zitat von sysopWie gefährlich ist die Lage im kollabierten*AKW Fukushima? Zehntausende Anwohner wurden in Sicherheit gebracht, sollen Jodtabletten schlucken, die Menschen in der Region sind völlig verängstigt. Experten rechnen mit einer Kernschmelze - die japanische Regierung versucht zu beruhigen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,750601,00.html
Unsere Atomkraftbefürworter sagen alle hier im Forum, das dies Angstmache wäre und das die froh sein sollten die ganze Zeit mit sooo billigem Strom ihren Fernseher und Kaffeemaschine betrieben zu haben. Außerdem seien bisher im Autoverkehr oder in Kriegen mehr Menschen umgekommen. Vielleicht sollte man unsere Atombefürworter mal ins Krisengebiet schicken. Damit könnten sie uns am besten demonstrieren ob das tatsächlich alles stimmt, bzw. ob sie selber glauben was die uns da erzählen.
atomkraftwerk, 12.03.2011
5. .
Noch ein weiterer Thread zum selben Thema? Das bringt den herbeigesehnten Super-Mega-Oberammer-GAU mit weltweiter Verseuchung und hundert Milliarden Toten aber auch nicht her. Erdbeben und Tsunami und deren Opfer sind dagegen Realität.
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