Bohrinsel-Leck: Experten fürchten Gasexplosion in der Nordsee
Das Gas strömt und strömt, der Energiekonzern Total bekommt das Leck an seiner Nordsee-Bohrinsel nicht unter Kontrolle. Eine Explosion wird nicht ausgeschlossen. An der Börse verliert das Unternehmen mehrere Milliarden Euro an Wert.
London - Auch Tage nach der Havarie auf der Förderplattform Elgin in der Nordsee weiß der Ölkonzern Total nicht, wie das Problem gelöst werden kann. Denn noch immer ist nicht klar, wo sich das Gasleck genau befindet. Man prüfe mehrere Optionen, wie man weiter vorgehe, sagte der für Großbritannien zuständige Total-Sicherheitschef David Hainsworth.
Möglicherweise müsse eine sogenannte Entlastungsbohrung vorangetrieben werden. Das könne sechs Monate dauern. Auch ein sogenannter "Kill" mit einer Schlamminjektion komme in Betracht. Eine Entscheidung, für welche Methode sich der Konzern entscheide, sei aber noch nicht getroffen. Bestes Szenario sei, dass der Gasfluss von alleine versiege.
Einstweilen habe man das Überwachungsschiff "Highland Fortress" in Stellung gebracht, sagte ein Total-Sprecher. Das Schiff verfüge auch über ein ferngesteuertes Mini-U-Boot, mit dem Unterwasseraufnahmen gemacht werden können. Diese Technik sei aber bisher nicht zum Einsatz gekommen. Aus allen Konzernbereichen zusammengezogene Experten berieten darüber, wie das Problem in den Griff zu bekommen sei.
Die Meeresregion um die havarierte Bohrplattform ist für Schiffe und Hubschrauber gesperrt. Die rund 240 Arbeiter wurden von der Elgin evakuiert. Auch der Konzern Shell brachte Arbeiter von einer benachbarten Plattform in Sicherheit. Ein Sprecher der Gewerkschaft RMT, welche die Ölarbeiter vertritt, sagte, es bestehe das Risiko einer "katastrophalen Verwüstung". Dies gelte insbesondere dann, wenn sich das Gas entzünden sollte, zitierte die BBC den Gewerkschaftssprecher Jake Molloy.
Milliardenverlust an der Börse
Allerdings sind Experten beunruhigt, weil an der lecken Plattform 240 Kilometer östlich der Stadt Aberdeen noch immer eine Gasfackel brennt - Tage nach der vollständigen Evakuierung der Anlage. Es geht um die mögliche Explosionsgefahr, wenn das durch ein Leck austretende Gas mit der Fackel in Kontakt kommt.
Ein Experte der Universität Liverpool, der namentlich nicht genannt werden wollte, zeigte sich überrascht, dass die Flamme drei Tage nach Stilllegung der Plattform noch nicht erloschen sei. Die Explosionsgefahr sei "sehr schwer vorauszusagen". Vermutlich konzentriere sich das ausströmende Gas am Fuße der Plattform. Durch Windwirbel könnte es jedoch in Kontakt mit der Fackel geraten. Solange die Flamme nicht gelöscht sei, könne sich aus Sicherheitsgründen niemand der Anlage nähern.
Normalerweise wird mit der Flamme überschüssiges Gas abgefackelt. Die Plattformarbeiter hatten sie beim Verlassen der Bohrplattform brennen lassen. Dies sei absichtlich geschehen, sagte ein Total-Sprecher. Die Flamme stelle derzeit keine Gefahr dar. David Hainsworth erklärte, momentan werde das ausströmende Gas durch den Wind von der Flamme weggeweht. Laut Wetterbericht werde die Windrichtung in den kommenden Tagen gleich bleiben. Man prüfe derzeit Möglichkeiten, um die Fackel zu löschen.
Das Gasleck an der Plattform Elgin war am Sonntag entdeckt worden. Umweltschützer fürchten, dass sich rund um die Plattform Todeszonen im Meer bilden könnten. Total stützt sich dagegen auf einen Bericht der staatlichen Umweltbehörde JNCC (Joint Nature Conservation Comittee), der keine Probleme für die Küsten Schottlands sieht. Das Gas sei flüchtig und werde die Küste nicht erreichen.
Greenpeace schickt Flugzeug
Ein Greenpeace-Sprecher erklärte, man wolle sich selbst ein Bild machen. Zwei Kameraleute und ein Experte für Öl und Gas seien an Bord eines kleinen Fliegers, der gegen Mittwochmittag an der schottischen Ostküste eintreffen sollte. "Es gibt eine Flugverbotszone, aber wir wollen so nah wie möglich herankommen", so der Sprecher.
Nach Angaben von Total handelt es sich um den schwersten Zwischenfall in der Nordsee für den französischen Energiekonzern seit einem Jahrzehnt. An der Börse ist der Aktienkurs des Konzerns bereits am Dienstag massiv gesunken. Die Papiere rutschten am Mittwochvormittag weiter ab - um bis zu 3,4 Prozent auf ein Drei-Monats-Tief von 37,26 Euro. Damit hat das - gemessen an der Marktkapitalisierung - größte Unternehmen der Euro-Zone binnen zwei Tagen 9,4 Prozent eingebüßt. Dies ist der größte Kursrutsch seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008.
Insgesamt reduzierte sich der Börsenwert von Total seit Montag um 8,8 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das ist mehr als die komplette Marktkapitalisierung von HeidelbergCement. "Dies ruft den Leuten das BP-Drama in Erinnerung", sagte ein Börsianer und spielte damit auf die "Deepwater Horizon"-Katastrophe im Golf von Mexiko an. "Wir wissen nicht, wie die Geschichte ausgehen wird."
chs/dpa/dapd/AFP/Reuters
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