Wissenschaft

Anzeige

Fessenheim

Frankreich schaltet Uralt-AKW ab

Frankreichs ältestes AKW wird abgeschaltet: Bis 2018 sollen die Reaktoren nahe der deutschen Grenze vom Netz. Der Stromkonzern EDF wird üppig entschädigt.

Von , Paris

Dienstag, 24.01.2017   18:09 Uhr

Anzeige

"Als Präsident werde ich das Atomkraftwerk Fessenheim schließen." Die markige Aussage war das "Versprechen Nr. 41", mit dem François Hollande 2012 in den Wahlkampf zog.

Fünf Jahre später wird die Ansage Hollandes offenbar Wirklichkeit: Mit knapper Mehrheit beschloss der Aufsichtsrat des Stromerzeugers EDF die Abschaltung. Danach werden die beiden 900-Megawatt-Reaktoren im Elsass bis 2018 heruntergefahren - gegen eine üppige Entschädigung von mindestens 446 Millionen Euro und eine Reihe von Zusicherungen beim Betrieb anderer Anlagen. Das Ende von Fessenheim muss noch in einem zweiten, formalen Schritt bestätigt werden.

Anzeige

Das Kraftwerk liegt 30 Kilometer südwestlich von Freiburg. Nicht nur Umweltschützer in Frankreich, Deutschland und der Schweiz fordern seit langem eine Schließung von Fessenheim. Auch die Bundesregierung sowie Vertreter von Bundesländern und Kommunen haben wiederholt auf eine Abschaltung der beiden Reaktoren gedrungen.

SPIEGEL ONLINE

Für das Atomland Frankreich, das 58 Kernreaktoren in Betrieb hat und den Atomstrom als Grundpfeiler der Energie-Souveränität betrachtet, ist es vor allem eine symbolische Entscheidung. Denn als Hollande sich ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima zur Schließung von Fessenheim verpflichtete, hatte der Glaube an die Nuklearenergie Risse bekommen - und der Kandidat der Sozialisten punktete mit grünem Profil.

Streit seit Jahrzehnten

Anzeige

Auch unter Experten war Fessenheim umstritten: Der älteste Atommeiler Frankreichs, der 1977 mit zwei Reaktoren ans Netz gegangen war, liegt auf dem Oberrheingraben in seismisch unsicherem Gebiet.

Bei einem Beben, so hatten Kritiker schon beim Bau der Anlage gerügt, könnten die Dämme des höher gelegenen Canal d'Alsace brechen und dessen Wassermassen das AKW überfluten. Ein Riss des Reaktorkerns würde dann möglicherweise das Betonbecken unter der Anlage zerstören - mit fatalen Folgen: Der Austritt radioaktiv verseuchter Kühlmittel würde Europas größten unterirdischen Grundwasserspeicher gefährden.

Kraftwerk erhielt gute Noten

Trotz dieser Bedenken wurde der Standort seinerzeit bewilligt und die Betriebsgenehmigung von der Verwaltung für Nukleare Sicherheit (ASN) immer wieder verlängert. Im Vergleich zu Frankreichs anderen Kernkraftwerken stellte die Behörde Fessenheim gute Noten aus, etwa bei Sicherheit, Umweltschutz und Auflagen zum Schutz der Beschäftigten.

Nach Fukushima hatte der Stromkonzern die Altanlage mit einem Aufwand von 400 Millionen Euro generalüberholt; im Gegenzug durfte EDF das Atomkraftwerk weitere zehn Jahre betreiben. Unlängst wurde der Reaktor Nummer zwei jedoch abgeschaltet, um ihn auf "mögliche Anomalien" zu untersuchen.

Kein Einstieg in den Ausstieg

Es ist nicht der erste Stopp: Nach einem Zwischenfall 2014 intervenierte sogar die deutsche Bundesregierung. Das Berliner Umweltministerium forderte die Schließung des grenznahen Reaktors.

Die Anlage im Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Schweiz "sei zu alt", Fessenheim stelle damit ein Sicherheitsrisiko dar und müsse "möglichst schnell abgeschaltet werden", sagte seinerzeit ein Sprecher von Ministerin Barbara Hendricks (SPD). Frankreichs Behörden hatten hingegen erklärt, es gebe keine Gründe für eine Abschaltung.

Auch die heutige Entscheidung ist kein Einstieg in den Ausstieg. Noch im Februar vergangenen Jahres hatte Umweltministerin Ségolène Royal zugestimmt, die Betriebserlaubnis für Fessenheim um weitere zehn Jahre zu verlängern. Ein Beschluss, der bei Umweltorganisationen und Grünen auf heftige Kritik stieß.

"Den Betrieb von Atomkraftwerken zu verlängern, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben, ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich", so David Cormand, seinerzeit Chef von Frankreichs grüner Opposition (EELV). Zudem gehe der Rechnungshof davon aus, dass die Erneuerung des gesamten Kraftwerkspark rund 100 Milliarden Euro kosten werde.

EDF erhält Gegenleistung

Tatsächlich gab es immer wieder Zwischenfälle in Frankreichs AKWs. Zuletzt hatte die Sicherheitsbehörde ASN im vergangenen Oktober den Stopp von neun Reaktoren angeordnet, nachdem "ernsthafte Unregelmäßigkeiten" in der Schutzhülle entdeckt worden waren.

Der aktuelle Beschluss des EDF-Aufsichtsrates ist das Ergebnis langer Verhandlungen zwischen dem Konzern und dem Staat - der selbst zu 85,6 Prozent Besitzer von EDF ist. Für die Abschaltung von Fessenheim kann EDF andere AKW-Projekte weiterbetreiben:

Gewerkschaft fürchtet um Arbeitsplätze

Die Belegschaftsvertreter des AKW Fessenheim stimmten gegen die Vorlage, sie sehen mehr als tausend Arbeitsplätze in Gefahr. Die kommunistische Gewerkschaft CGT kündigte "entschlossenen Widerstand" gegen die Abschaltung an, bis hin "zu einer Besetzung" des Werksgeländes.

"Für die CGT gibt es Unternehmen, die es zu verteidigen gilt", so Philippe Page Le Merour im Sender France Info. "Fessenheim ist eine Fabrik, die für die Allgemeinheit produziert, und zwar ein Produkt von erster Notwendigkeit - Elektrizität."

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH