Brandschutztest in der Allianz-Arena Er lässt beim FC Bayern nichts anbrennen

Wo viele Menschen zusammenkommen, ist Brandschutz überlebenswichtig. Geplant werden die Anlagen am Computer - doch erst ein Praxistest zeigt, ob alles funktioniert. Eine rauchige Angelegenheit.

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Aus München berichtet


Seine Höllenmaschine hat Oliver Krüger nur ein paar Schritte entfernt vom Allerheiligsten aufgebaut. Die Milchglastür hinter ihm führt in den Spielertunnel und schließlich aufs Spielfeld der Allianz-Arena, rechts geht es in die Kabine, wo Lahm, Müller, Neuer, Boateng und ihre Kollegen zu jedem Heimspiel die Klamotten in ihre knallroten Spinde hängen, jeder unter seinem Foto, immer am selben Platz.

Doch was bei Bayern-Fans den Puls hochtreiben würde, lässt Krüger augenscheinlich kalt. Der TÜV-Ingenieur hat in dem Raum im Bauch des Münchner Stadions anderes vor: Er will den Laden hier mal so richtig zuqualmen.

Dabei helfen ihm unter anderem 80 Gasbrenner und vier Nebelmaschinen. Die Brandmelder an der Decke hat er abgeklebt, damit die Sprinkleranlage ihm nicht die Show ruiniert.

Wenn es in Fußballstadien raucht, hat das normalerweise mit Pyrotechnik zu tun, die Unverbesserliche gelegentlich in die Fanblöcke schmuggeln. Doch heute ist das anders. Krüger und seine Kollegen wollen eine Maschine vorstellen, die sie in den vergangenen drei Jahren entwickelt haben - um ernsthaft Dampf zu machen: "Das ist ein Brandrauchsimulator", erklärt der Experte vom TÜV Rheinland. Damit werden Entrauchungsanlagen getestet. Diese dienen dazu, dass Menschen im Brandfall noch etwas sehen und flüchten können.

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Brandschutztest: Hier qualmt die Allianz-Arena

Um es mal klar zu sagen: Am Brandschutzkonzept der Allianz-Arena gibt es keine bekannten Zweifel. Der Bau ist im Jahr 2003 sogar mit dem Deutschen Brandschutzpreis ausgezeichnet worden, die Sprinkleranlage hat ein Gütesiegel vom Bundesverband Technischer Brandschutz.

Im Schadensfall haftet der TÜV-Ingenieur persönlich

In sogenannten Sonderbauten, zu denen auch Fußballstadien gehören, müssen Fachleute aber regelmäßig den Brandschutz testen. Krüger ist einer von ihnen. Wenn er sich vertut, kann er im Schadensfall auch persönlich haftbar gemacht werden. Der Rauchsimulator soll ihm in Zukunft bei seinen Entscheidungen helfen: "Diese Maschine setzen wir genau dann ein, wenn Computersimulationen gelaufen sind", sagt er.

Zum Beispiel, um zu überprüfen, ob im Fall eines Feuers tatsächlich Frischluft durch dafür vorgesehene Öffnungen in den betroffenen Raum strömt - und der Rauch abziehen kann.

Krüger betätigt also die Zündung - und darf gar nicht so recht zeigen, was sein Maschinchen so alles kann. Von den 400 Brennern, über die das Gerät verfügt, kommt heute nämlich nur ein Fünftel zum Einsatz. Damit die Decke der Mixed Zone, wo sich sonst Spieler und Journalisten unterhalten, keinen Schaden nimmt.

Geruch wie in der Schülerdisco

Das Feuer, das er simuliere, sei zum Beispiel mit einem Kabelbrand vergleichbar, sagt der Ingenieur, oder einem brennenden Papierkorb. Dafür raucht es allerdings ganz schön.

Aus den vier Düsen des Simulators strömt Kunstnebel, der von der Hitze des Feuers nach oben gerissen wird. Es riecht wie in der Schülerdisco. Schnell bildet sich unter der Decke eine weiße, undurchdringliche Luftschicht, doch längere Zeit lässt sich unter ihr noch prima hindurchlaufen.

Entrauchungsanlagen sind - siehe Berlins Pannenflughafen BER - teils unvorstellbar komplexe Systeme, doch sie haben eine vergleichsweise simple Aufgabe: Sie sollen den vom Brand Betroffenen wertvolle Minuten bringen, in denen sie sich in Sicherheit bringen können.

Bundesweit ist das Ziel, dass Berufsfeuerwehren acht Minuten nach einer Alarmierung am Ziel sein sollen. Die Brandbekämpfer müssen dann aber womöglich erst noch ihre Technik vorbereiten, sich orientieren, zum Feuer vordringen. Also soll die Entrauchungsanlage 15 bis 20 Minuten lang die Fluchtwege offen und benutzbar halten.

Auf einmal ist die Sicht katastrophal

Mit Krügers Maschine lässt sich der Rauch von Bränden der Stärke zwischen 1,5 und 5 Megawatt simulieren. Zum Vergleich: Ein heimischer Kamin kommt auf etwa 8 Kilowatt, also 0,008 Megawatt.

Was passiert, wenn der Rauch irgendwann nicht mehr wegzuschaffen ist, zeigt der Test in München auch. Innerhalb weniger Sekunden wird die Sicht im Raum auf einmal katastrophal. Wer jetzt nicht weiß, wo er hinlaufen muss, könnte leicht in die falsche Richtung abbiegen - und das rettende Freie womöglich nicht erreichen. "Wenn die Sichtverbindung weg ist, spürt man gar nicht, ob man bergauf oder bergab geht", sagt Krüger.

Nachdem der TÜV-Mann seine Rauchmaschine abgestellt hat, strömt wieder frische Luft in die Mixed Zone. Doch es dauert eine ganze Zeit, bis sich die Sicht bessert.

Der Sprecher einer großen deutschen Berufsfeuerwehr nennt den Rauchgassimulator "eine sinnvolle Weiterentwicklung", fragt sich aber, ob "die erzeugte Thermik des Simulators der eines realen Brandes entspricht". Mit anderen Worten: Womöglich müsste man für die perfekte Simulation nicht nur viel Rauch erzeugen, sondern noch mehr Hitze. Aber dann wäre Oliver Krügers Höllenmaschine wohl einfach zu höllisch.



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