Ausgegraben

Kunstvolle Schwerter Das Geheimnis der Schlangenklingen


Den gemusterten Schwertklingen des frühen Mittelalters sagte man nach, sie seien lebendig: bissige Würmer und Schlangen lebten darin. Mit einem industriellen CT-Scanner macht der Archäologe Ulrich Lehmann sich auf die Reise ins Innere der Schwerter, um dort nach dem Gewürm zu suchen.

Beschrieben sind die Klingen in der Edda: "Am Heft ist ein Ring und Herz in der Klinge. Schrecken in der Spitze vor dem, der es schwingt. Die Schneide birgt einen blutigen Wurm, aber am Stichblatt wirft die Natter den Schweif", heißt es im 18. Lied der mittelalterlichen Sagensammlung. Und auch der Ostgotenkönig Theoderich erwähnt um das Jahr 500 nach Christus in einem Brief an den König Thrasamund das Klingen-Getier. Neben Stämmen von Mooreichen und blonden Knaben hatte Thrasamund Theoderich nämlich mit Schwertern beschenkt. "Deren mittlere bauschige Vertiefung scheinen sich kräuseln zu können, sozusagen wie Würmchen: So viele Schattenvariationen vermischen sich, dass man eher glaubt, das leuchtende Metall sei bedeckt von verschiedenen Farben", schrieb der Ostgote über sein Geschenk.

Wie aber kamen die Würmer in die Klingen? Das Geheimnis sind verschiedene Metalllagen, die durch Feuerverschweißen miteinander verbunden werden. Dabei liegen Schichten mit unterschiedlichem Kohlenstoff- und Phosphorgehalt aufeinander - optisch unterscheidbar durch verschiedene Farben, der höhere Kohlenstoffgehalt sorgt für eine dunklere Färbung des Metalls.

Doch einzelne Lagen machen noch keinen Würmer. "Bislang gab es nur die Möglichkeit, die Schwerter von außen zu untersuchen", sagt Archäologe Lehmann. "Wollte man das Innere der Klinge ansehen, musste man sie aufschneiden und zerstören." Auch ein Röntgenbild zeigt nicht, wie das Innere geschichtet ist - denn letztlich ist es immer nur eine zweidimensionale Darstellung.

Durchleuchtet im CT-Scanner

Für sein Projekt "Wurmbunte Klingen", bei dem die Altertumskommission für Westfalen und die LWL-Archäologie für Westfalen kooperieren, steckte Lehmann alle bekannten Schwertklingen aus Gräbern des 6. bis 8. Jahrhunderts im heutigen Westfalen - insgesamt 28 Stück - in einen industriellen CT-Scanner, der normalerweise für Werkstoffprüfungen verwendet wird. Im Schnitt 20 Minuten lang wird die Klinge darin durchleuchtet. "Im Prinzip funktioniert das wie beim einfachen Röntgen, nur dass wir hier am Ende drei Dimensionen haben statt nur zwei." Die lassen sich dann beliebig schneiden, jede einzelne Ebene kann so untersucht werden.

Es ist vor allem der Rost an und in den Klingen, der Lehmann die Arbeit erleichtert: "Die verwendeten Metalllegierungen korrodieren unterschiedlich und haben deshalb jetzt gut unterscheidbare Dichten." Im 3-D-Modell werden so die Würmer und Schlangen in den Klingen sichtbar. Doch wimmeln sie nicht etwa wild herum, sondern folgen geordneten Mustern.

Der Restaurator Eugen Müsch hat mit schwarzer und weißer Fimo-Knete nachgebaut, wie die frühmittelalterlichen Schmiede das Getier in die Klingen zwangen: Zunächst wurden die Metallschichten zu einem langen, dünnen Stab geformt. Dann verdrehte der Schmied ihn möglichst gleichmäßig. Wenn er diesen nun schliff und polierte, trat Schicht um Schicht ein anderes Muster zu Tage.

Waffe und Statussymbol

Am Anfang sah man nur die schrägen Linien der Windung. Auf etwa einem Viertel wurden diese zu x-förmigen Ornamenten. Und erst in der Mitte des Stabes kam das Muster aus Halbkreisen zu Tage - die Kringel der Würmer. "Um an dieses Muster zu gelangen, musste der Schmied einen Materialverlust von 50 Prozent hinnehmen", erklärt Lehmann. Für ein Schwert verschweißte der Schmied mehrere solcher Stäbe zu einer Einheit. Nur eine harte Kante ließ sich so nicht herstellen. Also fügte er zu beiden Seiten am Ende separat gefertigte Schneiden aus einem härtbaren Material an.

Die Schmiede der westfälischen Schwerter verstanden ihr Handwerk offenbar gut. Um einen Vergleich zu haben, untersucht Lehmann derzeit zwei Prunkwaffen aus dem benachbarten Rheinland. Dort gab es anscheinend noch bessere Handwerker. Ein Schwert aus einem Grab in Krefeld-Gellep ist ein außergewöhnliches Schmuckstück mit einem edelsteinverzierten Goldknauf. "Die Klinge sah auf ihrer Schauseite wirklich so aus wie in der Edda beschrieben", sagt er. "Wenn das Licht darauf fiel oder das Metall angehaucht wurde, wirkte die sich abwärts windende Spirale auf der Klinge lebendig - als ob sie sich auf- und abwärts schlängelt."

Derartige Waffen waren teuer. Die Klinge gehörte einem Toten, dessen Nachfahren bei den Grabbeigaben an nichts gespart hatten: "Da lag alles mit drin", sagt Lehmann, "was im Frühmittelalter an Statussymbolen zu haben war."

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13 Leserkommentare
Frühgeschichte 03.01.2014
pitterw 03.01.2014
mantrid 03.01.2014
urnenfeld 03.01.2014
Frühgeschichte 03.01.2014
Celegorm 03.01.2014
pigtime 03.01.2014
JWeber 03.01.2014
der_sinnlose 04.01.2014
Edelstoffl 04.01.2014
pigtime 04.01.2014
der_sinnlose 05.01.2014
pigtime 06.01.2014

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